* Köln, 25. Januar. Selten, aber doch von Zeit zu Zeit hat man den
Nr. 205, 26. Januar 1849
Genuß, aus dem Niederschlag, den die doppelte Sündfluth der Revolution und Contrerevolution hinterlassen hat, einen Wegweiser aus der guten alten vormärzlichen Zeit emporragen zu sehen. Berge sind versetzt,
Thäler ausgefüllt, Wälder zu Boden gestreckt worden, aber der Wegwei-5
ser steht noch auf der alten Stelle, angestrichen mit den alten Farben, und
trägt noch immer die alte Inschrift: „Nach Schilda!“
Ein solcher Wegweiser streckt uns aus Nro. 21 der Berliner Nationalzeitung seinen hölzernen Arm entgegen mit der Inschrift: „ An die Urwähler. Nach Schilda!“
Der wohlgemeinte Rath der Nationalzeitung an die Urwähler erklärt
ihnen zuerst: „Es ist die Stunde gekommen, wo zum zweiten Male das
preußische Volk daran geht, das schwer errungene allgemeine Wahlrecht
auszuüben“, (als ob das oktroyirte sogenannte allgemeine Wahlrecht, mit
seiner in jedem Dorf verschiedenen Interpretation, noch dasselbe Wahlrecht sei, wie das vom 8. April!) „aus dem die Männer hervorgehen sollen, die zum zweiten Male auszusprechen haben, welches der Sinn (!), die
Meinung (!!), und der Wille (!!!) nicht einzelner Stände und Klassen,
sondern des ganzen Volkes ist.“
Schweigen wir von dem fettwanstig-unbehülflichen Styl dieses, langsam von einem Wort zum andern fortkeuchenden Satzes. Das allgemeine
Wahlrecht, heißt es, soll uns enthüllen, was der Wille nicht einzelner
Stände und Klassen, sondern des ganzen Volkes ist.
Schön! Und woraus besteht „das ganze Volk“?
Aus „einzelnen Ständen und Klassen“.
Und woraus besteht „der Wille des ganzen Volkes“?
Aus den einzelnen sich widersprechenden „Willen“ der „einzelnen
Stände und Klassen“, also gerade aus dem Willen, den die Nationalzeitung als das direkte Gegentheil des „Willens des ganzen Volkes“ hinstellt.

Großer Logiker der Nationalzeitung!
Aber für die Nationalzeitung existirt ein Wille des ganzen Volkes, der
keine Summe widersprechender Willen, sondern ein einiger bestimmter
Wille ist. Wie das?
Das ist – der Wille der Majorität. 5
Und was ist der Wille der Majorität?
Es ist der Wille, der aus den Interessen, der Lebensstellung, den Existenzbedingungen der Majorität hervorgeht.
Um also einen und denselben Willen zu haben, müssen die Glieder der
Majorität dieselben Interessen, dieselbe Lebensstellung, dieselben Existenzbedingungen haben, oder in ihren Interessen, ihrer Lebensstellung,
ihren Existenzbedingungen einstweilen noch verkettet sein.
Auf Deutsch: Der Wille des Volks, der Wille der Majorität, ist der
Wille nicht einzelner Stände und Klassen, sondern Einer einzigen Klasse
und derjenigen andern Klassen und Klassenabtheilungen, die dieser einen
herrschenden Klasse gesellschaftlich, d.h. industriell und kommerziell
unterworfen sind.
„Was sollen wir aber dazu sagen?“ Der Wille des ganzen Volkes ist der
Wille einer herrschenden Klasse?
Allerdings, und gerade das allgemeine Stimmrecht ist nun die Ma- 20
gnetnadel, die, wenn auch erst nach verschiedenen Schwankungen,
schließlich doch diese zur Herrschaft berufene Klasse anzeigt.
Und diese gute National-Zeitung faselt noch immer, wie dies Anno
1847 geschah, von einem imaginären „Willen des ganzen Volkes“!
Weiter. Nach diesem erhebenden Exordium setzt sie uns in Erstaunen 25
durch die vielsagende Bemerkung:
„Im Januar 1849 ist der Stand der Dinge ein anderer, als in den an
Hoffnung und Erhebung (warum nicht auch an Andacht?) so reichen
Maitagen des Jahres 1848.“
Damals stand Alles im Blüthenschmuck,
Und die Sonnenlichter lachten,
Und die Vöglein sangen so hoffnungsvoll,
Und die Menschen hofften und dachten,
Sie dachten:
„Damals schien Alles einig, daß die großen Reformen, die in Preußen
schon längst hätten vorgenommen werden sollen, wenn auf den im Jahre
1807–14 gelegten Grundlagen, in dem damaligen Geiste und entsprechend der seitdem gestiegenen Bildung und Einsicht, weiter fortgebaut
worden wäre – nun vollständig und ungesäumt zur Ausführung kommen
müßten.“

„Damals schien Alles einig“! Große, göttliche Naivetät der NationalZeitung! Damals, als die Garden wuthknirschend aus Berlin zurückzogen, als der Prinz von Preußen in einer Postillonsjacke eilends davon
laufen mußte, als der hohe Adel und die hohe Bourgeoisie ihren Zorn in
sich fraßen ob der Schmach, die dem Könige im Schloßhof angethan, als5
ihn das Volk zwang die Mütze abzuziehen vor den Märzleichen – „damals
schien Alles einig“!
Weiß der Himmel, es ist schon stark, so etwas sich eingebildet zu haben, aber jetzt, nachdem man sich selbst als geprellt anerkennen muß,
seine geprellte Leichtgläubigkeit noch an die große Glocke zu hängen –
wahrhaftig, c’est par trop bonhomme!
Und worüber „schien Alles einig“?
Darüber, „daß die großen Reformen, welche ... hätten vorgenommen
werden sollen, wenn ... fortgebaut worden wäre, nun ... zur Ausführung
kommen müßten “.
Darüber war, nein schien Alles einig.
Große Märzerrungenschaft, in würdiger Sprache ausgedrückt!
Und welche „Reformen“ waren dies?
Die Entwicklung der „Grundlagen von 1807–14, in dem damaligen
Geist und entsprechend der seitdem gestiegenen Bildung und Einsicht“.
D.h. in dem Geist von 1807–14 und zugleich in einem ganz andern
Geist.
Der „damalige Geist“ bestand ganz einfach in dem höchst materiellen
Druck der damaligen Franzosen auf die damalige preußische Junkermonarchie, sowie in dem damaligen ebenfalls wenig günstigen Finanzdefizit des Königreichs Preußen. Um den Bürger und Bauer steuerzahlungsfähig zu machen, um wenigstens dem Scheine nach einige der
Reformen bei den königl.-preußischenUnterthanen einzuführen, mit denen die Franzosen die eroberten Theile Deutschlands überschütteten;
kurz, um die in allen Fugen krachende, verrottete Monarchie der Hohenzollern wieder einigermaßen zu flicken, deßwegen wurden einige
knauserige sogenannte Städteordnungen, Ablösungsordnungen, Militärinstitutionen etc. gemacht. Alle diese Reformen zeichneten sich durch
Nichts aus, als daß sie volle hundert Jahre hinter der französischen Revolution von 1789, ja hinter der englischen von 1640 zurückblieben. Und
das sollen die Grundlagen für das revolutionirte Preußen sein?
Aber die altpreußische Einbildung sieht immer Preußen im Mittelpunkt der Weltgeschichte, während der Staat der Intelligenz in Wirklichkeit stets von ihr durch den Koth nachgeschleift worden ist. Diese altpreußische Einbildung muß natürlich ignoriren, daß Preußen, so lange es40
von den Franzosen keine Fußtritte bekam, ruhig auf den unentwickelten

Grundlagen von 1807–1814 hocken blieb und kein Glied rührte. Sie muß
ignoriren, daß diese Grundlagen längst vergessen waren, als die glorreiche büreaukratisch-junkerthümliche k.-preußische Monarchie letzten Februar von den Franzosen einen neuen so gewaltigen Stoß erhielt, daß sie
von ihren „Grundlagen von 1807–1814“ glorreichst herunterpurzelte. Sie 5
muß ignoriren, daß es sich für die k.-preußische Monarchie keineswegs
um diese Grundlagen, sondern bloß um Abwendung der weiteren Folgen
des von Frankreich erhaltenen Anstoßes handelte. Das Alles aber ignorirt die preußische Einbildung, und als sie den Stoß plötzlich erhält,
schreit sie, wie ein Kind nach der Amme, nach den verrotteten Grundlagen von 1807–1814!
Als ob nicht das Preußen von 1848 nach Gebiet, Industrie, Handel,
Verkehrsmitteln, Bildung und Klassenverhältnissen ein ganz andres Land
sei, wie das Preußen der „Grundlagen von 1807–1814“!
Als ob nicht seit jener Zeit zwei ganz neue Klassen, das industrielle 15
Proletariat und die freie Bauernklasse, in seine Geschichte eingegriffen
hätten, als ob die preußische Bourgeoisie von 1848 nicht eine ganz andre
sei, als die schüchterne, demüthige und dankbare Kleinbürgerschaft aus
der Zeit der „Grundlagen“!
Aber das hilft Alles nichts. Ein braver Preuße darf nichts kennen als
seine „Grundlagen von 1807 bis 1814“. Das sind einmal die Grundlagen,
darauf wird fortgebaut, und damit basta.
Der Anfang einer der kolossalsten geschichtlichen Umwälzungen wird
zusammengetrocknet zum Ende einer der winzigsten Scheinreform-Prellereien – so versteht man die Revolution in Altpreußen!
Und in dieser selbstgefällig-bornirten Schwärmerei aus der vaterländischen Geschichte „schien Alles einig“ – freilich, Gottlob, nur in Berlin!
Weiter.
„Diejenigen Stände und Klassen, welche Privilegien und Vorrechte aufzugeben hatten ... an denen es war, in Zukunft nur in gleichem Recht mit 30
allen ihren Mitbürgern zu stehn, ... schienen bereit dazu – erfüllt von der
Ueberzeugung, daß der alte Zustand unhaltbar geworden sei, daß es in
ihrem eignen wohlverstandnen Interesse liege ...“
Seht den sanftmüthigen und von Herzen demüthigen Bürgersmann, wie
er die Revolution abermals eskamotirt! Der Adel, die Pfaffen, die Büreaukraten, die Offiziere „schienen bereit“, ihre Privilegien aufzugeben,
nicht weil das bewaffnete Volk sie dazu zwang, weil die, im ersten
Schrecken vor der europäischen Revolution, unaufhaltsam eingerissene
Demoralisation und Desorganisation in ihren eigenen Reihen sie widerstandslos machte – nein! Die friedlichen, wohlwollenden und für beide
Theile vortheilhaften „Transaktionen“, um mit Hrn. Camphausen zu spre-

chen, vom 24. Februar und 18. März hatten sie mit der „Ueberzeugung
erfüllt“, daß dies „in ihrem eignen wohlverstandenen Interesse liege“!
Die Märzrevolution und vollends der 24. Februar im wohlverstandenen Interesse der Herren Krautjunker, Consistorialräthe, Regierungsräthe und Gardelieutnants – Das ist doch wahrhaftig ein pyramidaler Ein-5
fall!
Aber leider! „Heut ist es nicht mehr so. Die Nutznießer und Anhänger
des alten Zustandes wollen, weit davon entfernt, ihrer Pflicht gemäß (!)
selbst zu helfen, daß der alte Schutt abgeräumt und das neue Haus gebaut werde, nur die alten Trümmer, unter denen der Boden so bedenklich10
gewankt hat, stützen und mit einigen anscheinend der neuen Zeit sich
anschmiegenden Formen ausputzen.“
„Heut ist es nicht mehr so“ – als es im Mai zu sein schien,d . h .e si s t
nicht mehr so wie es im Mai nicht war, oder es ist gerade so wie es im
Mai war.
Solches Deutsch schreibt man in der Berliner National-Zeitung und ist
noch stolz darauf obendrein.
Mit einem Wort: Der Mai 1848 und der Januar 1849 unterscheiden sich
nur durch den Schein. Früher schienen die Contrerevolutionäre ihre
Pflicht einzusehen, heute sehen sie sie wirklich und unverhohlen nicht ein,20
und darüber jammert der ruhige Bürger. Es ist ja doch die Pflicht der
Contrerevolutionäre, ihre Interessen in ihrem eignen wohlverstandenen
Interesse aufzugeben! Es ist ihre Pflicht, sich selbst ihre Lebensadern
aufzuschneiden – und doch thun sie’s nicht – so jammert der Mann des
wohlverstandenen Interesses!
Und warum thun Eure Feinde jetzt das nicht, was, wie Ihr sagt, doch
ihre Pflicht ist?
Weil Ihr selbst im Frühjahr Eure „Pflicht“ nicht gethan, – weil Ihr
damals, als Ihr stark waret, Euch wie Memmen benommen und vor der
Revolution gezittert habt, die Euch groß und gewaltig machen sollte; weil
Ihr selbst den alten Schutt habt liegen lassen und Euch selbstgefällig
bespiegelt habt in der Aureole eines halben Erfolgs! Und nun, da die
Contrerevolution stark geworden über Nacht und Euch den Fuß auf den
Nacken setzt, nun, da unter Euren Füßen der Boden bedenklich wankt,
nun verlangt Ihr, die Contrerevolution soll Eure Dienerin werden, soll
den Schutt wegräumen, den Ihr wegzuräumen zu schwach und zu feig
waret, sie, die Mächtige soll sich Euch Schwachen opfern?
Kindische Thoren Ihr! Aber wartet eine kurze Zeit, und das Volk wird
sich erheben und mit Einem mächtigen Stoß Euch zu Boden strecken mit
sammt der Contrerevolution, gegen die Ihr jetzt so ohnmächtig anbellt!
(Schluß folgt.)

Nr. 207, 28. Januar 1849.
* Köln, 27. Januar.( Die Berliner Nationalzeitung an die Urwähler. –
Schluß. )
Wir haben in unserm ersten Artikel einen Umstand nicht berücksichtigt, der der National-Ztg. allerdings scheinbar zur Entschuldigung gereichen könnte: Die National-Ztg. schreibt nicht frei, sie steht unter dem 5
Belagerungszustand. Und unter dem Belagerungszustand muß sie allerdings singen:
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimniß ist nur Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Inn’re zeigen, 10
Allein das Schicksal will es nicht!!!
Inzwischen erscheinen die Zeitungen nicht, selbst unter dem Belagerungszustande nicht, um das Gegentheil von ihrer Meinung zu sagen,
und dann findet auf die erste, bisher von uns in Betracht gezogene Hälfte
des fraglichen Artikels, der Belagerungszustand keine Anwendung. 15
Der Belagerungszustand ist nicht Schuld an dem wulstigen, unklaren
Styl der National-Zeitung.
Der Belagerungszustand ist nicht Schuld daran, daß die National-Zei-
tungsich nach dem März allerlei biedermännische Illusionen machte.
Der Belagerungszustand zwingt die National-Zeitungkeineswegs, die 20
Revolution von 1848 zum Schleppenträger der Reformen von 1807 bis
1814 zu machen.
Der Belagerungszustand, mit einem Wort, zwingt die National-Zeitungkeineswegs, über den Entwicklungsgang der Revolution und Contrerevolution von 1848 so absurde Vorstellungen zu haben, wie wir sie ihr vor 25
2 Tagen nachwiesen. Nicht die Vergangenheit, nur die Gegenwart fällt
dem Belagerungszustand anheim.
Deshalb trugen wir bei der Kritik der ersten Hälfte des fraglichen Artikels dem Belagerungszustand keine Rechnung, und eben deshalb werden wir ihm heute Rechnung tragen.
Die National-Zeitung, nach Beendigung ihrer historischen Einleitung
wendet sich nun folgendermaßen an die Urwähler:
„Es gilt den angebahnten Fortschritt zu sichern, die Errungenschaften
festzuhalten.“
Welchen „Fortschritt“? Welche „Errungenschaften“? Den „Fort- 35
schritt“, daß es „heute nicht mehr so ist“, wie es im Mai „schien“? Die
„Errungenschaft“, daß „die Nutznießer des alten Zustandes weit entfernt
sind, ihrer Pflicht gemäß selbst zu helfen, daß der alte Schutt aufgeräumt

werde“? Oder die oktroyirten „Errungenschaften“, die „die alten Trümmer stützen und mit einigen der neuen Zeit anscheinend sich anschmiegenden Formen ausputzen“?
Der Belagerungszustand, meine Herren, von der Nationalzeitung, ist
keine Entschuldigung für Gedankenlosigkeit und Konfusion.5
Der „Fortschritt“, der vor der Hand am besten „angebahnt“ ist, ist der
Rückschritt zum alten System, und auf dieser Fortschrittsbahn schreiten
wir täglich weiter.
Die einzige „Errungenschaft“, die uns geblieben ist – und das ist keine
spezifisch-preußische, keine „März“-Errungenschaft, sondern das Resultat der europäischen Revolution von 1848 – ist die allgemeinste, entschiedenste, blutigste, gewaltsamste Contrerevolution, die aber selbst nur
eine Phase der europäischen Revolution und daher nur die Erzeugerin
eines neuen, allgemeinen und siegreichen revolutionären Gegenschlags
ist.
Aber die Nationalzeitung weiß das vielleicht so gut wie wir, und darf es
nur nicht sagen wegen des Belagerungszustandes? Man höre:
„Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution; wir sind Feinde aller
Anarchie, jeder Gewaltthat und Willkür; wir wollen Gesetz, Ruhe und
Ordnung.“20
Der Belagerungszustand, meine Herren zwingt Sie höchstens zum
Schweigen, nie zum Reden. Diesen letztcitirten Satz nehmen wir daher zu
Protokoll: sprechen Sie aus ihm, um so besser; spricht der Belagerungszustand aus ihm, so brauchten Sie sich nicht zu seinem Organ herzugeben. Entweder sind Sie revolutionär, oder Sie sind es nicht. Sind Sie es25
nicht, so sind wir von vorn herein Gegner; sind Sie es, so mußten Sie
schweigen.
Aber Sie sprechen mit solcher Ueberzeugung, Sie haben so honette
Antecedentien, daß wir ruhig annehmen können: der Belagerungszustand
ist dieser Betheurung gänzlich fremd.
„Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution.“ Das heißt: wir wollen die Fortdauer der Contrerevolution. Denn aus der gewaltsamen Contrerevolution, das ist eine historische Thatsache, kommt man entweder
gar nicht heraus oder nur durch die Revolution.
„Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution“, das heißt: wir erkennen die Revolution als geschlossen an, als zu ihrem Ziel gelangt. Und
das Ziel, an dem die Revolution am 21. Januar 1849, als der fragliche
Artikel verfaßt wurde, angelangt war, dies Ziel war eben – die Contrerevolution.
„Wir sind Feinde aller Anarchie, jeder Gewaltthat und Willkür.“

Also auch Feinde der „Anarchie“, die nach jeder Revolution bis zur
Konsolidirung der neuen Verhältnisse eintritt, Feinde der „Gewaltthaten“
vom 24. Februar und 18. März, Feinde der „Willkür“, die einen verrotteten Zustand und seine morschen gesetzlichen Stützpfeiler rücksichtslos
zertrümmert! 5
„Wir wollen Gesetz, Ruhe und Ordnung“!
In der That, der Moment ist gut gewählt, vor „Gesetz, Ruhe und Ordnung“ niederzuknieen, gegen die Revolution zu protestiren und in das
triviale Zeter gegen Anarchie, Gewaltthat und Willkür einzustimmen!
Gut gewählt, gerade in dem Augenblick, wo die Revolution unter dem
Schutz der Bajonette und Kanonen offiziell zu einem gemeinen Verbrechen umgestempelt, wo „Anarchie, Gewaltthat und Willkür“ durch königliche kontrasignirte Ordonnanzen unverhohlen in Praxis gesetzt, wo
das „Gesetz“, das die Kamarilla uns aufoktroyirt, stets gegen uns, nie für
uns angewandt wird, wo „Ruhe und Ordnung“ darin bestehen, daß man 15
die Contrerevolution in „Ruhe“ läßt, damit sie ihre altpreußische „Ordnung“ der Dinge herstellen kann!
Nein, meine Herren, aus Ihnen spricht kein Belagerungszustand, aus
Ihnen spricht der unverfälschteste, ins Berlinische übersetzte Odilon Barrot mit all seiner Bornirtheit, all seiner Impotenz, all seinen frommen 20
Wünschen.
Kein Revolutionär ist so taktlos, so verkindet, so feig, daß er die Revolution gerade dann verläugnet, wenn die Contrerevolution ihre glänzendsten Triumphe feiert. Wenn er nicht sprechen kann, so handelt er,
und wenn er nicht handeln kann, so schweigt er lieber ganz. 25
Aber verfolgen die Herren von der Nationalzeitung nicht vielleicht eine
schlaue Politik? Treten sie vielleicht deshalb so zahm auf, um noch einen
Theil der sogenannten Gemäßigten am Vorabend der Wahlen für die
Opposition zu gewinnen?
Wir haben es gesagt, vom ersten Tage an als die Contrerevolution über 30
uns hereinbrach, von jetzt an gibt es nur noch zwei Parteien: die „Revolutionäre“ und die „Contrerevolutionäre“; nur noch zwei Parolen: „die
demokratische Republik“ oder „die absolute Monarchie“. Alles was dazwischen liegt, ist keine Partei mehr, ist bloße Fraktion. Die Contrerevolution hat Alles gethan, unsern Ausspruch wahr zu machen. Die Wahlen sind seine glänzendste Bestätigung.
Und zu einer solchen Zeit, wo die Parteien einander so schroff entgegenstehen, wo der Kampf mit der größten Erbitterung geführt wird, wo
nur die erdrückende Uebermacht der organisirten Soldateska verhindert,
daß der Kampf mit den Waffen in der Hand ausgefochten wird – zu einer 40
solchen Zeit hört alle Vermittlungspolitik auf. Man muß selbst OdilonBarrot sein, um dann den Odilon-Barrot spielen zu können.

Aber unsere Berliner Barrots haben ihre Vorbehalte, ihre Bedingungen,
ihre Interpretationen. Heuler sind sie, aber durchaus keine Heuler
schlechtweg; sie sind Heuler mit einem „Das heißt“, Heuler von der leisen
Opposition:
„ Aber wir wollen neue Gesetze, wie sie der erwachte freie Volksgeist5
und der Grundsatz der Gleichberechtigung fordert; wir wollen eine wahrhaft demokratisch-konstitutionelle Ordnung “ (d.h. ein wahrhaftes Unding); „wir wollen Ruhe die auf mehr sich stützt als auf Bajonette und
Belagerungszustände; die eine politisch und sittlich (!) begründete Beruhigung der Gemüther ist, hervorgerufen durch die durch Thaten und10
Einrichtungen gewährleistete Ueberzeugung, daß jeder Klasse des Volks
ihr Recht“ etc. etc.
Wir können uns die Arbeit ersparen, diesen belagerungszuständlichen
Satz zu Ende zu schreiben. Genug die Herren „wollen“ nicht die Revolution, sondern nur eine kleine Blumenlese aus den Resultaten der Revolution; etwas Demokratie, aber auch etwas Konstitutionalismus, einige
neue Gesetze, Entfernung der feudalen Institutionen, bürgerliche Gleichheit etc. etc.
Mit andern Worten, die Herren von der Nationalzeitung und die von
der Berliner Ex-Linken, deren Organ sie ist, wollen akkurat dasselbe von
der Contrerevolution erlangen, weßhalb die Contrerevolution sie auseinander gejagt.
Nichts gelernt und nichts vergessen!
Die Herren „wollen“ lauter Dinge, die sie nie erlangen werden, außer
durch eine neue Revolution. Und eine neue Revolution wollen sie nicht.25
Eine neue Revolution würde ihnen aber auch ganz andere Dinge bringen, als die oben aufgestellten bescheiden-bürgerlichen Forderungen enthalten. Und darum haben die Herren ganz Recht, keine Revolution zu
wollen.
Das Beste aber ist, daß sich die geschichtliche Entwickelung wenig
darum kümmert, was die Barrot’s „wollen“ oder nicht „wollen“. Der
Pariser Original-Barrot „wollte“ auch am 24. Februarnur ganz bescheidene Reformen und namentlich ein Portefeuille für sich durchsetzen; und
kaum hatte er Beides erhascht, so schlugen die Wogen über ihm zusammen und er verschwand mit seinem ganzen tugendhaften, kleinbürgerlichen Anhang in der revolutionären Sündfluth. Auch jetzt, wo er endlich
wieder ein Ministerium erhascht hat, „will“ er wieder gar mancherlei;
aber nichts von dem, was er will, geschieht. Das ist von jeher das Schicksal der Barrot’s gewesen. Und so wird es den Berliner Barrot’s auch
gehen.

Sie werden, mit oder ohne Belagerungszustand, fortfahren, das Publikum mit ihren frommen Wünschen zu ennuyiren, sie werden allerhöchstens einige wenige dieser Wünsche auf dem Papier durchsetzen, und
zuletzt entweder von der Krone oder vom Volke in Ruhestand versetzt
werden. Aber in Ruhestand versetzt werden sie jedenfalls. 5