* Köln, 20. Januar. Der „ehrenwerthe“ Joseph Dumont läßt einen nicht
Nr. 201, 21. Januar 1849
Neue Rheinische Zeitung.
von ihm bezahlten, sondern ihn bezahlenden Anonymus, der hinter dem
Strich die Urwähler bearbeitet, folgende Apostrophe an die „Neue Rheinische Zeitung“ richten:
„Der ,Neuen Rheinischen Zeitung‘, dem Organ der Demokratie, hat es5
gefallen, von den unter dem Titel , An die Urwähler‘ in diesem Blatt veröffentlichten Aufsätzen Notiz zu nehmen und dieselben als aus der ,Neuen Preußischen Zeitung‘ entlehnt zu bezeichnen.
Dieser Lüge gegenüber einfach die Erklärung, daß diese Aufsätze als
Inserate bezahlt werden, daß dieselben, mit Ausnahme des ersten, der10
Parlaments-Correspondenz entlehnten, in Köln geschrieben sind, und der
Verfasser derselben die ,Neue Preußische Zeitung‘ bis jetzt noch nicht
einmal gesehen, geschweige denn gelesen hat.“
Wir begreifen, welche Wichtigkeit es für Montesquieu LVI. hat, sein
Eigenthum zu konstatiren. Wir begreifen eben so sehr, wie wichtig für15
Herrn Dumont die Erklärung ist, daß er „bezahlt“ wird, selbst für die
Flugblätter und Inserate, die er im Interesse seiner eignen Klasse, der
Bourgeoisie, setzen, drucken und verbreiten läßt.
Was den Anonymus betrifft, so kennt er das französische Sprichwort:
„les beaux esprits se rencontrent.“ Es ist nicht seine Schuld, wenn seine
eigensten Geistesprodukte denen der „Neuen Preußischen Zeitung“ und
der „Preußenvereine“ wie ein Ei dem andern bis zur Verwechslung gleichen.
Wir haben seine Inserate in der „Kölnischen Zeitung“ nie gelesen, sondern nur die aus der Dumont’schen Druckerei hervorgehenden Flugblätter, die uns von links und rechts zugeschickt wurden, eines flüchtigen
Blicks gewürdigt, finden aber jetzt durch Vergleichung, daß dieselben
Wische als Inserat und Flugblatt zugleich ihre Rolle spielen.

Um unser Vergehen gegen den anonymen Montesquieu LVI. zu sühnen, haben wir uns die harte Buße auferlegt, seine sämmtlichen Inserate
in der „Kölnischen Zeitung“ durchzulesen und sein geistiges Privateigenthum als „Gesammteigenthum“ dem deutschen Publikum preißzugeben.
Hier ist Weisheit! 5
Montesquieu LVI. beschäftigt sich vorzugsweise mit der socialen Frage. Er hat den „leichtesten, einfachsten Weg“ zu ihrer Lösung gefunden
und preist seine Morisonspille mit salbungsvollstem, naiv-schamlosestem
Quacksalberpathos an:
„Der leichteste, einfachste Weg aber ist dazu (nämlich zur Lösung der 10
socialen Frage): die am 5. Dezember vorigenJahresoctroyirte Verfassung
anzunehmen, sie zu revidiren, dann von allen Seiten beschwören zu lassen und sie so festzusetzen. Das ist der einzige Weg, der uns zum Heile
führt. ... W er also ein Herz im Busen trägt für die Noth seiner armen
Brüder, wer die Hungrigen speisen und die Nackten kleiden will, wer mit
Einem Worte diesociale Frage lösen will – der wähle keinen, der sich gegen
die Verfassung ausspricht.“ (Montesquieu LVI.)
Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg, und die sociale Frage
ist auf dem „einfachsten“ und „leichtesten Wege“ gelöst! Stimmt für Dumont, Camphausen, Wittgenstein, oder auch für die minorum gentium, 20
wie Compes, Mevissen, u. dgl. – und die sociale Frage ist gelöst. Die
„sociale Frage“ für Eine Stimme ! Wer „die Hungrigen speisen und die
Nackten kleiden will“, der stimme für die Hansemann und Stupp! Für
jede Stimme eine sociale Frage weniger! Die Annahme der octroyirten
Verfassung – voila` la solution du proble`me social!
Wir zweifeln keinen Augenblick, daß nicht nur Montesquieu LVI.,
sondern auch seine Patrone im Bürgervereine die Annahme, Revision,
Beschwörung und Festsetzung der octroyirten Verfassung nicht abwarten
werden, um die „Hungrigen zu speisen und die Nackten zu kleiden“.
Auch sind dazu schon Anstalten getroffen worden.
Seit einigen Wochen fliegen hier Circulare umher, worin den Handwerksmeistern, Krämern u.s.w. von den Kapitalisten angezeigt wird, daß
in Betracht der heutigen Umstände und des wiedererwachenden Kredits
aus philantropischen Gründen die Zinsen von 4 auf 5 pCt. erhöht werden. Erste Lösung der socialen Frage!
Der hiesige Gemeinderath hat in demselben Sinne „ die Arbeiterkarte“
für die Unglücklichen abgefaßt, die verhungern – oder ihre Arme der
Stadt verkaufen müssen (vergleicheNr. 187 der „Neuen Rheinischen Zeitung“). Man erinnert sich, daß in dieser den Arbeitern octroyirten Charte
der brodlos gewordene Arbeiter kontraktlich verpflichtet wird, unter po- 40
lizeiliche Aufsicht zu treten. Zweite Lösung der socialen Frage!

In Köln stiftete der Gemeinderath kurz nach den Märzwehn eine Speiseanstalt zu kostenden Preisen, schöneingerichtet, mit prächtigen heizbaren Zimmern u.s.w. Nach der Ertheilung der octroyirten Verfassung
ist an die Stelle dieses Lokals ein andres, der Armenverwaltung untergeordnetes getreten, wo nicht geheizt wird, die Speisegeschirre fehlen, wo5
es nicht erlaubt ist, die Speisen an Ort und Stelle zu verzehren, sondern
das Quart einer namenlosen Brühe zu 8 Pfg. verkauft wird. Dritte Lösung der socialen Frage!
In Wien hüteten die Arbeiter während ihrer Herrschaft die Bank, die
Häuser und die Reichthümer der davongelaufenen Bourgeois. Bei ihrer
Rückkehr denuncirten dieselben Bourgeois diese „Räuber“ dem Windischgrätz zum Hängen. Die Arbeitslosen, die den Gemeinderath angingen, wurden in die Armee gegen Ungarn gesteckt. Vierte Lösung der
sozialen Frage!
In Breslau warfen Gemeinderath und Regierung ruhig die Elenden, die
im Armenhause ihre Zuflucht suchen müssen, durch Entziehung der physisch unentbehrlichsten Lebensgenüsse der Cholera in die Arme und nahmen erst Notiz von den Schlachtopfern ihrer grausamen Mildthätigkeit,
als die Seuche ihnen selbst auf den Leib rückte. Fünfte Lösung der socialen Frage!
Im Berliner Verein „mit Gott für König und Vaterland“ erklärte ein
Freund der octroyirten Verfassung, es sei penibel, daß man immer noch
zur Durchsetzung seiner Interessen und Absichten dem „Proletariat“
Komplimente machen müsse.
Das [ist] die Lösung der „Lösung der socialen Frage“.25
„Die preußischen Spione sind eben deshalb so gefährlich, weil sie nie
bezahlt werden, sondern stets hoffen, bezahlt zu werden“, sagt unser
Freund Heine. Und die preußischen Bourgeois sind eben deshalb so gefährlich, weil sie nie zahlen, sondern stets zu zahlen versprechen.
Die englischen und französischen Bourgeois lassen sich so einen Wahl-30
tag schweres Geld kosten. Ihre Bestechungsmanöver sind weltbekannt.
Die preußischen Bourgeois „das sind die allerklügsten Leut!“ Viel zu
moralisch und solid, um ihren Beutel zu ziehen, zahlen sie mit der „ Lösung der socialen Frage “. Das kostet nichts! Doch Montesquieu LVI.
zahlt wenigstens, wie Dumont amtlich versichert, die Insertionsgebühren
an die „Kölnische Zeitung“ und gibt die Lösung der „ socialen Fragen“–
gratis zu.
Der praktische Theil der petits Œuvres unseres Montesquieu besteht
also darin: Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg! Wählt
Camphausen-Hansemann! Schickt uns nach Berlin, laßt unsere Leute40
sich da erst festsetzen! Das ist die Lösung der socialen Frage !

Der unsterbliche Hansemann hat diese Fragen gelöst. Erst Herstellung
der Ordnung, um den Kredit herzustellen. Dann, wie im Jahre 1844, wo
„meinen lieben schlesischen Webern geholfen werden sollte und mußte“,
Pulver und Blei, um die „sociale Frage“ zu lösen!
Stimmt also für Freunde der octroyirten Verfassung! 5
Aber Montesquieu LVI. nimmt nur die octroyirte Verfassung an, um
sie hinterher revidiren und beschwören zu können.
Bester Montesquieu! Hast du einmal die Verfassung angenommen, so
wirst du sie nur auf ihrer eigenen Grundlage revidiren, d.h. revidiren, so
weit es dem Belieben des Königs und der aus Krautjunkern, Finanzba- 10
ronen, hohen Beamten und Pfaffen zusammengesetzten zweiten Kammer
zusagt. Diese einzig mögliche Revision ist vorsorglicherweise schon in der
octroyirten Verfassung selbst angedeutet. Sie besteht in dem Verlassen des
konstitutionellen Systems und in der Wiederherstellung des alten christlich-germanischen Ständewesens.
Das ist die Revision, die nach Annahme der oktroyirten Verfassung
einzig möglich und einzig gestattet ist, was dem Scharfsinn eines Montesquieu nicht entgangen sein kann.
Der praktische Theil der petits Œuvres Montesquieu’s LVI. läuft also
darauf hinaus: Stimmt für Hansemann-Camphausen! Stimmt für Dumont-Stupp! Stimmt für Brandenburg-Manteuffel! Nehmt die oktroyirte
Verfassung an! Wählt Wahlmänner, die die oktroyirte Verfassung annehmen und alles das unter dem Vorwande „die sociale Frage“ zu lösen.
Was Teufel scheert uns der Vorwand, wenn es einmal die oktroyirte
Verfassung gibt.
Aber unser Montesquieu hat seiner praktischen Anweisung, „die sociale Frage“ zu lösen, der wirklichen Pointe seines Riesenwerkes, natürlich einen theoretischen Theil vorhergeschickt. Sehen wir uns diesen theoretischen Theil an.
Der tiefsinnige Denker erklärt zuerst, was die „sozialen Fragen“ sind . 30
„Was ist es also eigentlich mit der socialen Frage?
Der Mensch soll und will leben.
Zum Leben braucht der Mensch Wohnung, Kleidung, Nahrung.
Wohnung und Kleidung bringt die Natur gar nicht hervor, Nahrung
wächst wild nur spärlich und lange nicht zureichend. 35
Der Mensch muß sich deßhalb diese Bedürfnisse selbst anschaffen.
Das geschieht durch Arbeit.
Arbeit ist demnach die erste Bedingung unseres Lebens, ohne Arbeit können wir nicht leben.
Bei den ersten Völkern baute sich nun Jeder seine Hütte selbst, fertigte 40
sich seine Kleidung aus Thierfellen selbst, brach sich seine Früchte zum
Essen selbst. Das war der Urzustand.

Wenn der Mensch aber nichts braucht als Wohnung, Kleidung, Nahrung, wenn er also bloß seine körperlichen Bedürfnisse befriedigt, so steht
er mit dem Thiere auf gleicher Stufe; denn das thut das Thier auch.
Der Mensch aber ist ein höheres Wesen, als das Thier, er braucht mehr
zum Leben: er braucht Freude, er soll sich zu einem sittlichen Werthe5
erheben. Das kann er aber nur, wenn er in Gesellschaft lebt.
Sobald die Menschen aber in Gesellschaft lebten, trat ein ganz anderes
Verhältniß ein. Sie bemerkten bald, daß die Arbeit viel leichter sei, wenn
jeder Einzelne nur eine bestimmte Arbeit machte. Und so fertigte der eine
Kleidung, der zweite baute Häuser, der dritte sorgte für Nahrung, und10
der erste gab dem zweiten, was diesem fehlte. So bildeten sich die verschiedenen Stände der Menschen ganz von selbst, indem der eine Jäger,
der andere Handwerker, der dritte Ackerbauer wurde. Die Menschen
aber blieben dabei nicht stehen; denn die Menschheit muß vorwärts
schreiten. Man machte Erfindungen. Man erfand das Spinnen und das
Weben, das Schmieden des Eisens, das Gerben der Thierfelle. Je mehr
man Erfindungen machte, desto mannigfaltiger ward das Handwerk, desto leichter der Ackerbau, dem das Handwerk Pflug und Spaten lieferte.
Alles half sich, Alles griff in einander. Man kam dann mit benachbarten
Völkern zusammen; das eine Volk hatte, was das andere entbehrte – und
dieses besaß, was jenes nicht hatte. Man tauschte dieses um. So entstand
der Handel und damit ein neuer Zweig der menschlichen Thätigkeit. So
schritt die Bildung von Stufe zu Stufe fort; von den ersten unbeholfenen
Erfindungen kam man in Jahrhunderten endlich zu den Erfindungen unserer Zeit.
So bildeten sich unter den Menschen die Wissenschaften und die Künste, und immer reicher, immer mannigfaltiger wurde das Leben. Der Arzt
heilte den Kranken, der Pfarrer predigte, der Kaufmann handelte, der
Landmann baute das Feld, der Gärtner zog Blumen, der Maurer baute
die Häuser, die der Schreiner mit Hausgeräth versah, der Müller mahlte
das Mehl, das der Bäcker zu Brot verbackte – Eines griff in das Andere;
Niemand konnte allein stehen, Niemand sich seine Bedürfnisse selbst
allein verschaffen.
Das sind die socialen Verhältnisse.
Sie sind ganz naturgemäß von selbst entstanden. Und wenn ihr heute
eine Revolution macht, die alle diese Verhältnisse von Grund aus zerstört, wenn ihr dann morgen wieder von Neuem anfangt, zu leben, so
werden die Verhältnisse sich genau so wieder bilden, wie sie jetzt sind . Seit
Jahrtausenden ist es bei allen Völkern der Erde eben so gewesen. Wenn
nun Jemand einen Unterschied macht zwischen Arbeitern und Bourgeoisie – so ist das eine große Lüge . Wir arbeiten alle , Jeder in seiner Art,

Jeder nach seinen Kräften und Fähigkeiten. Der Arzt arbeitet, wenn er
den Kranken besucht, der Musiker, der zum Tanze aufspielt, der Kaufmann, der seine Briefe schreibt, Alle arbeiten, Jeder auf seiner Stelle.“
Hier ist Weisheit! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Was ist es also eigentlich mit der physiologischen Frage! 5
Jedes körperliche Wesen setzt eine gewisse Schwere, Dichtigkeit u.
dergl. voraus. Jeder organische Körper besteht aus allerhand Bestandtheilen, wovon ein jeder seine eigene Funktion ausübt und wo die wechselseitigen Organe in einander greifen.
„Das sind die physiologischen Verhältnisse.“
Montesquieu LVI., es läßt sich nicht läugnen, besitzt ein originelles
Talent, für die Vereinfachung der Wissenschaft. Ein Patent (ohne Garantie der Regierung) für Montesquieu LVI.
Arbeitsprodukte werden nur durch Arbeit hervorgebracht. Ohne Säen
keine Aerndte, ohne Spinnen kein Gespinnst u.s.w.
Europa wird sich bewundernd beugen vor dem Riesengenie, das diese
Wahrheiten in Köln selbst, ohne jede Beihülfe der „Neuen PreußischenZeitung“, zu Tage gefördert hat.
In der Arbeit treten die Menschen in bestimmte Beziehungen, zu einander. Es findet eine Theilung der Arbeit statt, die mehr oder minder 20
mannigfaltig ist. Einer backt, der Andere schmiedet, der Eine wühlt, der
Andere heult, Montesquieu LVI. schreibt und Dumont druckt. Adam
Smith, erkenne deinen Meister –!
Diese Entdeckungen nun, daß die Arbeit und die Theilung der Arbeit
Lebensbedingungen jeder menschlichen Gesellschaft sind, befähigen 25
Montesquieu LVI. zu dem Schlusse, daß die „ verschiedenen Stände“ naturgemäß sind, daß der Unterschied zwischen „Bourgeoisie und Proletariat“ eine „ große Lüge “ ist, daß die bestehenden „socialen Verhältnisse“, mag eine „Revolution“ sie heute von Grund aus zerstören, sich
„genau so wieder bilden werden, wie sie jetzt sind “ und daß es endlich 30
unumgänglich nöthig ist, Wahlmänner im Sinne Manteuffels und der oktroyirten Verfassung zu wählen, wenn man anders „für die Noth seiner
armen Brüder ein Herz im Busen trägt“ und sich der Achtung Montesquieu LVI. theilhaftig zu machen gedenkt.
„Seit Jahrtausenden ist es bei allen Völkern der Erde eben so gewesen“!!! 35
In Egypten gab es Arbeit und Theilung der Arbeit und Kasten; in Griechenland und Rom Arbeit und Theilung der Arbeit – und Freie und
Sklaven; im Mittelalter Arbeit und Theilung der Arbeit und Feudalherren
und Leibeigene, Zünfte, Stände u. dgl. Zu unserer Zeit giebt es Arbeit und
Theilung der Arbeit und Klassen, von denen die eine im Besitz sämmtli- 40
cher Produktionsinstrumente und Lebensmittel ist, während die andere

nur lebt, so lange sie ihre Arbeit verkauft und nur so lange ihre Arbeit
verkauft, als die arbeitgebende Klasse sich durch den Ankauf dieser Arbeit bereichert.
Ist es also nicht sonnenklar, daß „ es bei allen Völkern der Erde seit
Jahrtausenden eben so gewesen ist “, wie es heut zu Tage in Preußen ist,5
weil Arbeit und Theilung der Arbeit stets in einer oder der andern Form
existirten? Oder zeigt sich etwa umgekehrt, daß die sozialen Verhältnisse,
die Eigenthumsverhältnisse, beständig umgestürzt wurden eben durch die
stets veränderte Art der Arbeit und Theilung der Arbeit?
Im Jahre 1789 riefen die Bourgeois der feudalen Gesellschaft nicht zu:
Adel bleib Adel, Leibeigner bleib’ Leibeigener, Zünftiger bleib zünftig –
denn ohne Arbeit und Theilung der Arbeit keine Gesellschaft! Ohne Einathmung der Luft kein Leben! Athmet also die Stickluft ein und öffnet ja
nicht die Fenster – so raisonnirt Montesquieu LVI.
Es gehört die ganze naiv-tölpelhafte Dummdreistigkeit eines in brutaler Unwissenheit ergrauten deutschen Reichspfahlbürgers dazu, nachdem er die ersten Buchstaben der politischen Oekonomie – Arbeit, Theilung der Arbeit – oberflächlich und schief der trägen Hirnmaterie
eingekeilt hat, in Fragen, an denen unser Jahrhundert sich die Zähne
ausbeißt, orakelnd mitzusprechen.
„Ohne Arbeit und Theilung der Arbeit keine Gesellschaft!
Also
Wählt Freunde der oktroyirten preußischen Verfassung und nur
Freunde der oktroyirten Verfassung zu Wahlmännern.“
Dies Epitaph wird einst in großen Buchstaben auf den Wänden des25
prachtvollen Marmormausoleums prangen, das die dankbare Nachwelt
dem Löser der socialen Frage, Montesquieu LVI. (nicht zu verwechseln
mit Heinrich CCLXXXIV. von Reuß-Schleitz-Greitz-Lobenstein-Eberswalde) zu bauen sich verpflichtet fühlen wird.
Montesquieu LVI. verheimlicht uns nicht, „ wo der Knoten liegt “ und
was er zu thun gedenkt, sobald er zum Gesetzgeber proklamirt ist.
„Dafür“ , belehrt er uns, „muß der Staat sorgen, daß Jeder so viel Erziehung erhält, um etwas Ordentliches in der Welt lernen zu können“.
Montesquieu LVI. hat nie davon reden gehört, daß unter den bestehenden Verhältnissen die Theilung der Arbeit an die Stelle der kompli-35
zirten Arbeit die einfache, an die Stelle der Erwachsenen die Kinder, an
die Stelle der Männer die Weiber, an die Stelle des selbstständigen Arbeiters Automaten setzt, daß in demselben Verhältnisse, worin die moderne Industrie sich entwickelt, die Erziehung des Arbeiters überflüssig
und unmöglich wird. Wir verweisen den Kölnischen Montesquieu weder
auf St. Simon noch Fourier, sondern auf Malthus und Ricardo. Der Bie-

dermann lerne erst die ersten Grundlinien der jetzigen Verhältnisse kennen, ehe er sie ausbessert und – Orakel austheilt.
„Für Leute, die durch Krankheit, durch Alter verarmt sind, muß die
Gemeinde sorgen.“
Und wenn die Gemeinde selbst verarmt, was bei den mit der neuen 5
Verfassung gleichzeitig oktroyirten 100 Millionen Steuern und epidemischen Belagerungszuständen nicht ausbleiben kann, wie dann Montesquieu?
„Wo neue Erfindungen oder Handelskrisen ganze Erwerbszweige zerstören, muß der Staat zu Hülfe kommen und Rath schaffen.“
So unvertraut der kölnische Montesquieu mit den Dingen dieser Welt
ist, es kann ihm kaum verborgen geblieben sein, daß die „neuen Erfindungen“ und die Handelskrisen so permanent sind, wie die preußischen
Ministerialerlasse und Rechtsböden. Die neuen Erfindungen werden in
Deutschland speziell erst dann eingeführt, wenn die Concurrenz mit den
fremden Völkern ihre Einführung zu einer Lebensfrage macht und sollen
die neu aufkommenden Erwerbszweige sich ruiniren, um den untergehenden zur Hülfe zu kommen! Die durch Erfindungen neu aufkommenden Erwerbszweige kommen eben dadurch auf, daß sie wohlfeiler produciren als die untergehenden. Wo Teufel wäre der Vortheil, wenn sie die
untergehenden beköstigen müßten? Der Staat aber, die Regierung, gibt
bekanntlich nur scheinbar. Erst muß ihm gegeben werden, damit er gebe.
Wer aber soll ihm geben, Montesquieu LVI.? Der untergehende Erwerbszweig, damit er noch schneller untergehe? Oder der aufkommende, damit
er schon im Aufkommen verkümmre? Oder die von den neuen Erfindungen nicht berührten Erwerbszweige, damit sie durch die Erfindung einer
neuen Steuer bankeruttiren? Ueberlege Dir das reiflich, Montesquieu
LVI.!
Und nun gar die Handelskrisen, Bester? Wenn eine europäische Handelskrise ausbricht, so kann der preußische Staat nichts ängstlicher in 30
Betracht ziehen, als wie er den gewohnten Steuerquellen durch Execution
u. dergl. die letzten Wassertropfen abpresse. Der arme preußische Staat!
Damit der preußische Staat die Handelskrisen unschädlich mache, müßte
er außer der Nationalarbeit noch eine dritte Einnahmequelle in den Wolken besitzen. Allerdings, wenn sich durch Allerhöchste Neujahrswünsche, Wrangel’sche Armeebefehle oder Manteuffel’sche Ministerialerlasse
Geld aus der Erde stampfen ließe, die „Steuerverweigerung“ würde keinen so panischen Schrecken unter die preußischen „Lieben Getreuen“
geworfen und die sociale Frage auch ohne octroyirte Verfassung gelöst
worden sein. 40

Man weiß, daß die „Neue Preußische Zeitung“ unsern Hansemann für
einen Communisten erklärte, weil er die Steuerbefreiungen aufzuheben
gedachte. Unser Montesquieu, der niemals die „NeuePreußischeZei-
tung“ gelesen, kömmt von selbst in Köln auf den Einfall, jeden für einen
„Communisten“ und „rothen Republikaner“ zu erklären, der die octroy-5
irte Verfassung bedroht! Also stimmt für Manteuffel oder ihr seid nicht
nur persönliche Feinde der Arbeit und der Theilung der Arbeit, sondern
auch Communisten und rothe Republikaner. Erkennt den neuesten
„Rechtsboden“ Brüggemann’s an, oder – verzichtet auf den Code civil!
Figaro, tu n’aurais pas trouve´c¸a!
Morgen mehr von Montesquieu LVI.!
* Köln, 21. Januar. Montesquieu LVI. sucht den „geschenkten Gaul“,
Nr. 202, 22. Januar 1849
Neue Rheinische Zeitung.
die octroyirte Verfassung, mit der ganzen kleinpfiffigen Verschlagenheit
eines vielerfahrenen Roßtäuschers an die Urwähler loszuschlagen. Er ist
der Montesquieu des Pferdemarkts.15
Wer die octroyirte Verfassung nicht will, der will die Republik und
nicht nur die Republik schlechthin, sondern die rothe Republik! Leider
handelt es sich bei unsern Wahlen um nichts weniger, als Republik und
rothe Republik. Es handelt sich einfach darum:
Wollt ihr den altenAbsolutismus sammt einem neu aufgefrischten Ständewesen – oder wollt ihr ein bürgerliches Repräsentativsystem? Wollt ihr
eine politische Verfassung, die den „bestehenden socialen Verhältnissen“
vergangener Jahrhunderte entspricht, oder wollt ihr eine politische Verfassung, die den „bestehenden socialen Verhältnissen“ eures Jahrhunderts
zusagt?
Es handelt sich in dieser Angelegenheit also um nichts weniger, als um
einen Kampf gegen die bürgerlichen Eigenthumsverhältnisse, wie er in
Frankreich stattfindet und in England sich vorbereitet. Es handelt sich
vielmehr um den Kampf gegen eine politische Verfassung, welche die
„ bürgerlichen Eigenthumsverhältnisse“ gefährdet, indem sie den Repräsentanten der „ feudalen Eigenthumsverhältnisse“, dem Könige von Gottes Gnaden, der Armee, der Bureaukratie, den Krautjunkern und einigen
mit ihnen verbündeten Finanzbaronen und Spießbürgern das Staatsruder
überantwortet.
Durch die oktroyirte Verfassung ist die soziale Frage im Sinne dieser35
Herren gelöst. Kein Zweifel.

Was ist die „ soziale Frage“ im Sinne des Beamten? Es ist die Behauptung seines Gehalts und seiner bisherigen dem Volke übergeordneten
Stellung.
Und was ist die „ sociale Frage“ im Sinne des Adels und seiner großen
Grundbesitzer? Es ist die Behauptung der bisherigen feudalen Grundge- 5
rechtigkeiten, die Beschlagnahme der einträglichsten Stellen in Armee
und Civil durch seine Familien, endlich der direkte Almosenempfang aus
der Staatskasse. Außer diesen handgreiflichen materiellen und darum
„heiligsten“ Interessen der Herren „mit Gott, für König und Vaterland“
handelt es sich für sie natürlich auch um Behauptung der gesellschaftlichen Auszeichnungen, die ihre Race von der schlechten bürgerlichen,
bäuerlichen und plebejischen Race unterscheiden. Die alte Nationalversammlung wurde ja eben auseinandergejagt, weil sie die Hand an diese
„heiligsten Interessen“ zu legen wagte. Was die Herren unter „Revision“
der oktroyirten Verfassung verstehen, ist, wie schon früher angedeutet
wurde, nichts anders als die Einführung des ständischen Systems, d.h.
einer Form der politischen Verfassung, welche die „socialen“ Interessen
des Feudaladels, der Bureaukratie und des Königsthums von Gottes
Gnaden vertritt.
Noch einmal! Kein Zweifel, daß die „sociale Frage“ im Sinne des Adels
und der Bureaukratie durch die oktroyirte Verfassung gelöst ist, d.h., daß
sie diesen Herren eine Regierungsform schenkt, welche die Volksausbeutung durch diese Halbgötter sicherstellt.
Aber ist die „sociale Frage“ im Sinne der Bourgeoisie durch die oktroyirte Verfassung gelöst? In andern Worten, erhält die Bourgeoisie eine
Staatsform, in der sie die gemeinsamen Angelegenheiten ihrer Klasse, die
Interessen des Handels, der Industrie, des Ackerbaus frei verwalten, die
Staatsgelder auf die produktivste Weise verwenden, die Staatshaushaltung auf die wohlfeilste Weise einrichten, die Nationalarbeit wirksam
nach Außen beschützen und nach Innen alle vom feudalen Schlamme
versperrten Springquellen des Nationalreichthums eröffnen kann?
Zeigt uns die Geschichte ein einziges Beispiel, daß die Bourgeoisie mit
einem von Gottes Gnaden oktroyirten Könige je eine ihren materiellen
Interessen entsprechende politische Staatsform durchzusetzen vermochte?
Um die konstitutionelle Monarchie zu begründen, mußte sie in England zweimal die Stuarts verjagen, in Frankreich die angestammten
Bourbonen, in Belgien den Nassauer.
Woher dies Phänomen?
Ein angestammter König von Gottes Gnaden, das ist kein einzelnes 40
Individuum, das ist der leibhafte Repräsentant der alten Gesellschaft in-

nerhalb der neuen Gesellschaft. Die Staatsmacht in den Händen des Königs von Gottes Gnaden, das ist die Staatsmacht in den Händen der
alten, nur mehr ruinenweise existirenden Gesellschaft, das ist die Staatsmacht in den Händen der feudalen Stände, deren Interesse dem Interesse
der Bourgeoisie aufs feindlichste gegenübersteht.5
Die Grundlage der octroyirten Verfassung ist aber eben der „König von
Gottes Gnaden“.
Wie die feudalen Gesellschaftselemente in dem Königthum von Gottes
Gnaden ihre politische Spitze , so erblickt das Königthum von Gottes
Gnaden in den feudalen Ständen seine gesellschaftliche Unterlage, die10
bekannte „Königsmauer“.
So oft daher die Interessen der Feudalherrn und der von ihnen beherrschten Armee und Büreaukratie mit den Interessen der Bourgeoisie
sich kreuzen, wird das gottesbegnadete Königthum jedesmal zu einem
Staatsstreich gedrängt und eine revolutionäre oder contrerevolutionäre15
Krise vorbereitet werden.
Warum wurde die Nationalversammlung verjagt? Nur, weil sie das Interesse der Bourgeoisie gegen das Interesse des Feudalismus vertrat; weil
sie die [die] Agricultur hemmenden Feudalverhältnisse aufheben, die Armee und Büreaukratie dem Handel und der Industrie unterordnen, der20
Verschleudrung des Staatsschatzes Einhalt thun, die adligen und bureaukratischen Titel abschaffen wollte.
In allen diesen Fragen handelte es sich vorzugsweise und unmittelbar
um das Interesse der Bourgeoisie.
Also Staatsstreiche und contrerevolutionäre Krisen, das sind die Lebensbedingungen des Königthums von Gottes Gnaden, welches durch
März- oder andre Ereignisse gezwungen worden ist, sich zu demüthigen
und die Scheinform eines bürgerlichen Königthums widerstrebend anzunehmen.
Kann in einer Staatsform, deren nothwendige Pointe Staatsstreiche,30
contrerevolutionäre Krisen und Belagerungszustände sind, der Kredit je
wieder aufkommen?
Welcher Wahn!
Die bürgerliche Industrie muß die Fesseln des Absolutismus und Feudalismus sprengen. Eine Revolution gegen beide beweist eben nur, daß35
die bürgerliche Industrie einen Höhepunkt erreicht hat, wo sie eine ihr
angemessene Staatsform erobern oder untergehn muß.
Das mit der octroyirten Verfassung gesicherte büreaucratische Vormundsschaftssystem ist der Tod der Industrie. Betrachtet nur die preußische Bergwerksverwaltung, die Fabrikreglements u. dgl.! Wenn der englische Fabrikant seine Produktionskosten mit denen des preußischen

Fabrikanten vergleicht, so wird er stets in erster Linie den Zeitverlust
feststellen, den der preußische Fabrikant durch die nothwendige Beobachtung der büreaukratischen Vorschriften erleidet.
Welcher Zuckerraffineur erinnert sich nicht des preußischen Handelsvertrags mit Holland im Jahre 1839? Welcher preußische Industrielle er- 5
röthet nicht bei der Erinnerung an das Jahr 1846, wo die preußische
Regierung einer ganzen Provinz die Ausfuhr nach Galizien durch ihre
Gefälligkeit gegen die östreichische Regierung abschnitt und das preußische Ministerium, als Bankerut auf Bankerut in Breslau ausbrach, verwundert erklärte, es habe nicht gewußt, daß eine so bedeutende Ausfuhr
nach Galizien u.s.w. stattfinde!
Männer derselben Race werden durch die oktroyirte Verfassung an die
Spitze des Staatsruders gestellt, wie dies Geschenk selbst aus den Händen
dieser Männer kömmt. Beseht es euch also zweimal.
Das Abenteuer mit Galizien ruft unsere Aufmerksamkeit auf einen 15
andern Punkt.
Damals opferte die preußische Regierung der Contrerevolution im
Bund mit Oestreich und Rußland die schlesische Industrie und den schlesischen Handel. Dies Manöver wird sich täglich wiederholen. Der Banquier der preußisch-östreichisch-russischen Contrerevolution, worin das 20
gottbegnadigte Königthum mit seinen Königsmauern seine auswärtige
Stütze stets suchen wird und suchen muß – ist England. Der gefährlichste
Gegner der deutschen Industrie ist dasselbe – England. Wir glauben, diese
zwei Data sprechen hinreichend.
Im Innern die Industrie gehemmt durch bureaukratische Fesseln, die 25
Agrikultur durch feudale Privilegien, nach außen der Handel durch die
Contrerevolution an England verkauft – das sind die Schicksale des preußischen Nationalreichthums unter der Aegide der octroyirten Verfassung.
Der Bericht der „Finanzkommission“ der auseinandergejagten Nationalversammlung hat hinreichendes Licht über die gottbegnadete Verwaltung des Staatsvermögens verbreitet.
Indeß weist dieser Bericht nur beispielsweise Summen auf, die der
Staatskasse entzogen wurden, um die wankenden Königsmauern zu stützen und die ausländischen Prätendenten des absoluten Königthums (Don
Carlos) zu vergolden. Diese Gelder, die aus den Taschen der übrigen
Staatsbürger entwendet werden, damit die Aristokratie ein etatsmäßiges
Leben führe und die „Stützen“ des feudalen Königthums in Stand erhalten bleiben, sind aber nur Nebensache bei Betrachtung des mit der
Manteuffelschen Verfassung gleichzeitig octroyirten Staatshaushalts. Vor
allem eine starke Armee, damit die Minorität die Majorität beherrsche,
möglichst großes Beamtenheer, damit möglichst viele dem allgemeinen

Interesse durch ihr Privatinteresse entfremdet werden; Verwendung der
Staatsgelder in unproduktivster Weise, damit der Reichthum, wie die
„NeuePreußischeZeitung“ sagt, die Unterthanen nicht übermüthig mache; möglichstes Beiseitelegen der Staatsgelder statt industrieller Verwendung derselben, damit die gottbegnadete Regierung in leicht vorauszu-5
sehenden Momenten der Krise dem Volke selbstständig gegenüber treten
könne – das sind die Grundzüge der octroyirten Staatshaltung. Verwendung der Steuern, um die Staatsmacht als unterdrückende, selbstständige
und geheiligte Gewalt der Industrie, dem Handel, dem Ackerbau gegenüber zu behaupten, statt sie zum profanen Werkzeug der bürgerlichen
Gesellschaft herabzuwürdigen – das ist das Lebensprinzip der octroyirten
preußischen Verfassung!
Wie der Geber, so das Geschenk. Wie die jetzige preußische Regierung,
so die von ihr geschenkte Verfassung. Um die Feindschaft dieser Regierung gegen die Bourgeoisie zu charakterisiren, genügt es auf ihre projek-15
tirte Gewerbeordnung aufmerksam zu machen. Die Regierung sucht zur
Zunft zurück zukehren unter dem Vorwande, zur Association fortzuschreiten. Die Concurrenz zwingt, immer wohlfeiler zu produciren, daher
auf immer größerer Stufenleiter, d.h. mit größerem Kapital , mit stets
erweiterter Theilung der Arbeit und stets vermehrter Anwendung der Ma-20
schinerie. Jede neue Theilung der Arbeit entwerthet die alte Geschicklichkeit des Handwerkers, jede neue Maschine verdrängt hunderte von Arbeitern, jedes Arbeiten auf größerer Stufenleiter, d.h. mit größerem
Capital ruinirt den kleinen Kram und den kleinbürgerlichen Betrieb. Die
Regierung verspricht dem Handwerk, es gegenüber dem fabrikmäßigen
Betrieb, der erworbenen Geschicklichkeit, sie gegenüber der Theilung der
Arbeit, dem kleinen Kapital, es gegenüber dem großen durch feudale
Zunftinstitutionen zu sichern. Also die deutsche, speziell die preußische
Nation, die nur mit Mühe dem gänzlichen Unterliegen vor der englischen
Concurrenz durch die äußerste Kraftanstrengung widersteht, soll ihr widerstandslos in die Arme geworfen werden, indem ihr eine gewerbliche
Organisation aufgedrungen wird, die den modernen Produktionsmitteln
widerspricht und von der modernen Industrie in die Luft gesprengt worden ist!
Wir sind sicher die letzten, die die Herrschaft der Bourgeoisie wollen.
Wir haben zuerst in Deutschland unsre Stimme gegen sie erhoben, als die
jetzigen „Männer der That“ in subalternem Krakehl sich selbstgefällig
herumtrieben.
Aber wir rufen den Arbeitern und Kleinbürgern zu: Leidet lieber in der
modernen bürgerlichen Gesellschaft, die durch ihre Industrie die materiellen Mittel zur Begründung einer neuen, euch alle befreienden Gesell-

schaft schafft, als daß ihr zu einer vergangenen Gesellschaftsform zurückkehrt, die unter dem Vorwand, eure Klassen zu retten, die ganze
Nation in mittelalterige Barbarei zurückstürzt!
Die gottbegnadete Regierung aber hat, wie wir gesehen haben, zu ihrer
gesellschaftlichen Unterlage mittelalterige Stände und Zustände. Sie paßt 5
nicht für die moderne bürgerliche Gesellschaft. Sie muß eine Gesellschaft
nach ihrem Bilde herzustellen suchen. Es ist reine Konsequenz, wenn sie
die freie Konkurrenz durch die Zunft, die Maschinenspinnerei durch das
Spinnrad, den Dampfpflug durch die Hacke zu verdrängen sucht.
Wie kömmt es also unter diesen Verhältnissen, daß die preußische 10
Bourgeoisie, ganz im Widerspruch zu ihren französischen, englischen und
belgischen Vorgängern die octroyirte Verfassung (mit ihr das Königthum
von Gottes Gnaden, die Bureaukratie und das Junkerthum) als ihr Schiboleth ausposaunt?
Der kommerzielle und industrielle Theil der Bourgeoisie wirft sich der
Contrerevolution in die Arme aus Furcht vor der Revolution. Als wenn
die Contrerevolution etwas anders als die Ouverture zur Revolution wäre?
Außerdem gibt es einen Theil der Bourgeoisie, der gleichgültig gegen
die Gesammtinteressen seiner Klasse ein besonderes, denselben sogar
feindliches Sonderinteresse verfolgt.
Es sind das die Finanzbarone, großen Staatsgläubiger, Banquiers,
Rentiers, deren Reichthum in demselben Maße wächst, wie die Volksarmuth und endlich Leute, deren Geschäft auf die alten Staatszustände
angelegt ist, z.B. Dumont und sein litterarisches Lumpenproletariat. Es 25
sind ehrsüchtige Professoren, Advokaten u. dergl. Leute, die blos in einem Staate, wo es ein einträgliches Geschäft ist, das Volk an die Regierung zu verrathen, ansehnliche Posten zu erhaschen hoffen können.
Es sind einzelne Fabrikanten, die mit der Regierung gute Geschäfte
machen, Lieferanten, die ihre bedeutenden Procente aus der allgemeinen 30
Volksausbeutung ziehen, Spießbürger, deren Wichtigkeit in einem großen
politischen Leben verloren geht, Gemeinderäthe, die unter dem Schutz
der bisherigen Institutionen ihre schmutzigen Privatinteressen auf Kosten
der öffentlichen gefördert haben, Oelhändler, die durch Verrath der Revolution Excellenzen und Ritter des Adlerordens, bankerutte Tuchhändler und Eisenbahnspekulanten, die kgl. Bankdirektoren geworden sind
u.s.w. u.s.w.
„Das sind die Freunde der octroyirten Verfassung.“ Wenn die Bourgeoisie für diese ihre armen Brüder ein Herz im Busen hat, und wenn sie
der Achtung Montesquieu’s LVI. sich würdig machen will, so wähle sie 40
Wahlmänner im Sinne der octroyirten
Verfassung.