* Köln, 2. November. Zeitungen und Briefe aus Wien fehlen uns noch
Nr. 133, 3. November 1848
Neue Rheinische Zeitung.
immer. Die von den Weinreisenden der „BreslauerZtg.“ und den diplomatischen Commis Voyageurs des „PreußischenStaatsAnzeigers“ verbreiteten Gerüchte haben sich bis jetztdurchaus nicht bestätigt. Daß Wien
sich mitten im Kampfe befindet, ist unzweifelhaft. Daß die Kroaten und 5
sonstigen Freunde der „verfassungsmäßigen Freiheit“ bisher trotz dem
großen Jellachich, dessen Heldenmuth, wie der des tapfern Sipahsalar, so
berühmt ist, daß „beim Blinken seines Säbels sich der erschrockene Mond
in den Wolken verbirgt“ – keinen irgendwie entscheidenden Vortheil errungen haben, scheint schon daraus hervorzugehen, daß das preußische
Ministerium keine niederdonnernden Depeschen veröffentlicht. Wien ist
abgesperrt, aber nicht für das Berliner Ministerium, das „aus der Umgegend von Wien“ Berichte erhält.
Die brave „Kölnische Zeitung“ bringt ihren Lesern seit dem 6ten October fortlaufend großgedruckte Extrablätter, von denen das eine immer
das andere Lügen straft. Heute sieht sie sich in die „traurige“ Nothwendigkeit versetzt, ihre „gestrigen höchst traurigen Mittheilungen“ zu bestätigen, selbst nach dem „Preuß. Staatsanzeiger“, welcher nebst der
„Breslauer Zeitung“ unserer Nachbarin natürlich als Evangelium gilt.
Unsere Leser finden unten die widersprechenden und haltlosen Gerüchte, die dem „Pr.St.A.“, dem „ConstitutionellenBlattausBöhmen“,
der „AllgemeinenDeutschenZeitung“ und Mährischen Blättern entnommen sind. Zur Kritik der von der „Kölnischen Zeitung“ so gesinnungsernst acceptirten „neuesten Nachrichten“ und zur Kritik dieser ernsten
Gesinnung selbst genüge einstweilen Folgendes:
Extrablatt der Kölnischen Zeitung vom 2. Nov.:
(Großgedruckt.) „In der Nacht zum 29. hörte man nur vereinzeltes
Feuern, während desselben wurde das Belvedere, sowie die ganze Jäger-

zeil und Leopoldsvorstadt von den kaiserlichen Truppen, wie es scheint,
ohne großen Widerstand besetzt“ etc. etc.
Dies schreibt man aus der Umgebung von Wien am 29. Nachmittags
ein halb 3 Uhr.
Dagegen schreibt ein Reisender, der Florisdorf am 28. Abends 8 Uhr5
verließ: „Das Militär hat den Prater im Besitz, ebenso den Kirchhof
Schmelz, dagegen ist die Leopoldstadt noch in den Händen der Wiener,
und die Kaiserlichen haben in den Vorstädten noch nicht einen Fuß breit
Terrain gewonnen.“
Die erste Nachricht bringt der Berliner Staatsanzeiger, die letztere die
AllgemeineOder-Zeitung. Die Kölnische Zeitung begleitet letztere mit
obligaten Fragezeichen. Zu erklären wären indessen beide Mittheilungen,
wenn ein Angriff auf die genannten Vorstädte in der Nacht vom 28. auf
den 29. stattgefunden hätte.
Lesen wir aber die weiteren Notizen der Dumont’schen Spinnstube:
Breslau, 30. Okt., Abends 10 Uhr. (Breslauer Zeitung.) In 2 Vorstädten
Wiens habe der Brand so überhand genommen, daß man am 28. Abends
in Floridsdorf bei dem Leuchten des Flammenmeers im Freien lesen
konnte.
(Wäre diese Münchhausiade wahr, so könnte diese treffliche Beleuchtung, der geographischen Lage von Floridsdorf gemäß, nur aus der Leopoldstadt gekommen sein.)
Ferner Breslau vom 30. Oktober (Korresp.)
In Florisdorf konnte man vorgestern Abend (also am 28.) deutlich
lesen, so hell war der Brand der Vorstädte Wien’s.
(Dies konnte man denselben Abend auch in Köln am Rhein.)
Beruhen diese sämmtlichen Nachrichten auf Wahrheit, so standen am
29. die Truppen in dem Theile der Vorstadt, der noch die Nacht vorher so
lustig gebrannt, was einen übrigens nicht befremden kann, wenn man in
derselben Spalte unseres klassischen Extrablattes aus derselben Breslauer
Zeitung die bewunderungswürdige Mittheilung liest:
„Der Brand, welcher am 28. Abends außerordentlich stark gewesen
sein soll, war am 29. Abends fast erloschen.“
Von sonstigen Bären, welche die Berichterstatter „aus der Umgegend
Wien’s“, d.h. aus dem kaiserlichen Lager dem preußischen Staatsanzei-35
ger, oder vielmehr dieser seinen Lesern aufzubinden versucht, geben wir
nur folgenden als einen der pikantern:
„In der Landstraße hatten die Jäger, wie man sagte, in 9 Stunden 30
Barrikaden genommen.“
Macht nach Adam Riese auf die Barricade 6 Minuten, also noch flinker als in Köln am Rhein, am Morgen des 26. September. Bringt man

dazu die Länge der Landstraße in Rechnung, so käme dort eine Barricade auf je 20 Schritte, was ein neues erfreuliches Licht auf die Strategik
der Wiener Vertheidigung wirft.
Wir lassen nun die „neuesten Nachrichten“ folgen. Unsere Leser wissen, welchen Glauben sie verdienen. 5