* Köln, 24. November. In den Komödien des vorigen Jahrhunderts, na-
Nr. 153, 26. November 1848
Neue Rheinische Zeitung.
mentlich den französischen, fehlt es nie an einem Bedienten, der das Pu-
blikum dadurch erheitert, daß er jeden Augenblick Prügel, Püffe, und in
Scenen von besonderm Effekt, sogar Fußtritte bekommt. Die Rolle die-
ser Bedienten ist gewiß nicht dankbar, aber sie ist noch beneidenswerth 5
gegen eine Rolle, die auf unserm frankfurter Reichstheater stehend ist:
gegen die des Reichsministers der auswärtigen Angelegenheiten. Die Be-
dienten im Lustspiel haben wenigstens ein Mittel sich zu rächen, sie ha-
ben Witz. Aber der Reichsminister!
Seien wir gerecht. Das Jahr 1848 trägt allen Ministern der auswärtigen
10
Angelegenheiten keine Rosen. Palmerston und Nesselrode sind bis jetzt
froh gewesen, daß man sie in Ruhe ließ. Der schwunghafte Lamartine,
der mit seinen Manifesten selbst deutsche alte Jungfern und Wittwen zu
Thränen rührte, hat sich mit zerknickten und zerrupften Schwingen ver-
schämt auf die Seite schleichen müssen. Sein Nachfolger, Bastide, der
15
noch vor einem Jahr im „National“ und der obscuren „Revue nationale“
als offizieller Kriegsdrommetenschmetterer die tugendhafteste Entrü-
stung über die feige Politik Guizot’s ausschüttete, vergießt jetzt allabend-
lich stille Thränen über die Lektüre seiner Œuvres comple ˆtes de la veille
und über den herben Gedanken, daß er tagtäglich mehr zum Guizot der
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honetten Republik herabsinkt. Alle diese Minister haben jedoch einen
Trost: ist es ihnen im Großen schlecht gegangen, so haben sie im Kleinen,
in dänischen, sizilianischen, argentinischen, walachischen und andern
entlegenen Fragen Revanche nehmen können. Selbst der preußische aus-
wärtige Minister, Hr. Arnim, als er den unangenehmen dänischen Waf-
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fenstillstand schloß, hatte die Genugthuung, nicht blos der Geprellte zu
sein, sondern auch Jemanden zu prellen – und dieser Jemand war – der
Reichsminister!

Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
In der That der Reichsminister des Auswärtigen ist der Einzige von
Allen, der eine rein passive Rolle gespielt, der Stöße erhalten, aber keinen
einzigen ausgetheilt hat. Er ist seit den ersten Tagen seines Amtsantritts
das auserkorne Sündenlamm gewesen, auf den alle Kollegen der Nach-
barstaaten ihre Galle ausgossen, an dem sie alle Vergeltung nahmen für5
die kleinen Leiden des diplomatischen Lebens, an denen auch sie ihren
Theil zu tragen hatten. Da er geschlagen und gemartert wurde, that er
seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt
wird. Wo ist einer, der da sagen kann, der Reichsminister habe ihm ein
Härlein gekrümmt? Wahrlich, die deutsche Nation wird es Hrn. Schmer-
10
ling nie vergessen, daß er mit solcher Entschlossenheit und Konsequenz
die Traditionen des alten heiligen römischen Reichs wieder aufzunehmen
gewagt hat.
Sollen wir den Duldermuth, den Hr. v. Schmerling entfaltet hat, durch
ein Register seiner diplomatischen Erfolge noch konstatiren? Sollen wir
15
zurückkommen auf die Reise des Herrn Max Gagern von Frankfurt nach
Schleswig, jenes würdige Seitenstück zu weiland Sophiens Reise von Me-
mel nach Sachsen? Sollen wir die ganze erbauliche Historie vom däni-
schen Waffenstillstand wieder hervorsuchen? Sollen wir auf die verun-
glückte Mediations-Anerbietung in Piemont und auf Hrn. Heckschers
20
diplomatische Studienreise aus Reichsstipendien eingehen? Es ist nicht
nöthig. Die Thatsachen sind zu neu und zu schlagend, als daß man sie
nur zu erwähnen brauchte.
Aber Alles hat seine Gränzen und am Ende muß auch der Geduldigste
einmal zeigen, daß er Haare auf den Zähnen hat, sagt der deutsche Spieß-
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bürger. Getreu dieser Maxime einer Klasse, die unsere Herren Staats-
männer für die große wohlgesinnte Majorität in Deutschland erklären,
hat Hr. v. Schmerling endlich auch einmal das Bedürfniß gefühlt, zu
zeigen, daß er Haare auf den Zähnen hat. Das Sündenlamm suchte einen
Sündenbock, und glaubte ihn endlich in der Schweiz gefunden zu haben.
30
Die Schweiz – kaum zwei und eine halbe Million Einwohner, Republi-
kaner obendrein, die Zufluchtsstätte, von der aus Hecker und Struve
nach Deutschland eingefallen und das neue heilige römische Reich
schwer beunruhigt haben, kann man eine bessere und zugleich ungefähr-
lichere Gelegenheit finden, zu beweisen, daß das „große Deutschland“
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Haare auf den Zähnen hat?
Sofort wurde eine „energische“ Note an den Vorort Bern wegen der
Umtriebe der Flüchtlinge gerichtet. Der Vorort Bern jedoch antwortete
dem „großen Deutschland“ im Namen der „kleinen Schweiz“ ebenso
energisch im Bewußtsein seines guten Rechts. Das aber schüchterte Hrn.40
Schmerling keineswegs ein. Die Haare wuchsen ihm erstaunlich schnell

Friedrich Engels
auf den Zähnen, und schon am 23. Oktober wurde eine neue noch „ener-
gischere“ Note abgefaßt und am 2. November dem Vorort behändigt.
Hier drohte Hr. Schmerling der unartigen Schweiz schon mit der Ruthe.
Der Vorort, noch rascher bei der Hand als der Reichsminister, antwortete
schon zwei Tage darauf mit derselben Ruhe und Entschiedenheit wie 5
früher, und Hr. Schmerling wird nun also seine „Vorkehrungen und
Maßregeln“ gegen die Schweiz in Kraft treten lassen. Er ist bereits damit
auf’s Eifrigste beschäftigt, wie er in der Frankfurter Versammlung erklärt
hat.
Wäre diese Drohung ein gewöhnliches Reichspossenspiel, wie wir de-
10
ren schon so viele in diesem Jahr gesehen, wir würden kein Wort darüber
verlieren. Da aber unsern Reichs-Donquixoten oder vielmehr Reichs-
Sanchos in der Verwaltung des auswärtigen Amts ihrer Insel Barataria
nie Unverstand genug zuzutrauen ist, so kann es leicht kommen, daß wir
durch diese Schweizer Differenz in allerhand neue Verwicklungen gera-
15
then. Quidquid delirant reges u.s.w.
Sehen wir uns also die Reichsnote an die Schweiz etwas näher an.
Es ist bekannt, daß die Schweizer das Deutsche schlecht sprechen und
nicht viel besser schreiben. Aber die Antwortsnote des Vororts ist, was
den Styl angeht, ein göthisch-gerundetes Meisterwerk gegen das schüler-
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hafte, unbeholfene, stets um den Ausdruck verlegene Deutsch des Reichs-
ministeriums. Der schweizerische Diplomat, (wie es heißt, der Bundes-
kanzler Schieß) scheint absichtlich seine Sprache besonders rein, fließend
und gebildet gehalten zu haben, um schon in dieser Beziehung einen
ironischen Kontrast zu bilden gegen die Note des Reichsverwesers, die
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von einem der Rothmäntel Jellachichs gewiß nicht schlechter stylisirt
worden wäre. Es sind Sätze in der Reichsnote, die gar nicht zu verstehen,
und andere, die von vollendeter Holprigkeit sind, wie man weiter unten
sehen wird. Aber sind nicht diese Sätze gerade geschrieben „in der Spra-
che der Geradheit , die die Regierung des Reichsverwesers im Völkerver-
30
kehr sich stets zur Pflicht machen wird“?
Nicht besser geht es dem Hrn. Schmerling, was den Inhalt anbetrifft.
Gleich im ersten Absatz erinnert er „an die Thatsache, daß über die
deutsche Note vom 30. Juni d. J. in der Tagsatzung mehrere Wochen
hindurch, bevor irgend eine Antwort erfolgte, in einem Tone verhandelt
35
wurde, welcher zu jener Zeit einem Vertreter Deutschlands den Aufent-
halt in der Schweiz unmöglich gemacht haben würde“. (Hier ist gleich
eine Stylprobe).
Der Vorort ist gutmüthig genug, der „Regierung des Reichsverwesers“
nach den Protokollen der Tagsatzung zu beweisen, daß diese „mehrere
40
Wochen langen“ Debatten sich auf eine einzige kurze Verhandlung an

Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
einem einzigen Tage beschränken. Man sieht, wie unser Reichsminister,
statt die Aktenstücke nachzuschlagen, lieber dem Schatz seines verwor-
renen Gedächtnisses vertraut. Wir werden dafür noch mehr Beweise fin-
den.
Die Regierung des Reichsverwesers kann übrigens in dieser Gefällig-5
keit des Vororts, in der Bereitwilligkeit mit der er ihrem schwachen Ge-
dächtniß nachhilft, einen Beweis der „freundnachbarlichen Gesinnungen“
der Schweiz finden. Wahrhaftig, hätte sie sich beigehen lassen, in einer
Note auf ähnliche Weise von den englischen Parlamentsdebatten zu spre-
chen, die trockene Insolenz Palmerstons würde ihr ganz anders die Thüre
10
gewiesen haben! Der preußische und östreichische Gesandte in London
können ihr erzählen, was über ihre resp. Staaten und Noten öffentlich
verhandelt wurde, ohne daß ein Mensch daran dachte, daß ihr Aufent-
halt in London dadurch unmöglich geworden. Diese Schüler wollen der
Schweiz Völkerrecht beibringen und wissen nicht einmal, daß von den
15
Verhandlungen souveräner Versammlungen sie nur Das angeht, was be-
schlossen, nicht aber das, was geredet wird! Diese Logiker behaupten in
derselben Note, „die Schweiz werde wissen, daß Angriffe auf die Preß-
freiheit nicht von Deutschland ausgehen könnten“ (diese Zeilen in der N.
Rhein. Ztg. abzudrucken, reicht schon hin, um sie bitter zu ironisiren) –
20
und wollen sich sogar in die Freiheit der Debatte der damals höchsten
schweizerischen Behörden mischen!
„Ein Streit über Grundsätze liegt nicht vor. Es handelt sich nicht um
das Asylrecht, noch um die Preßfreiheit. Die Schweiz wird wissen, daß
Angriffe gegen diese Rechte nicht von Deutschland ausgehen können. Sie
25
hat wiederholt erklärt, daß sie den Mißbrauch derselben nicht dulden
werde, sie hat anerkannt, daß das Asylrecht nicht zu einem Gewerbe für
die Schweiz, (was soll das heißen?) zu einem Kriegszustand für Deutsch-
land (das Asylrecht ein Kriegszustand, welches Deutsch!) werden dürfe,
daß ein Unterschied sein müsse zwischen einem Obdach für Verfolgte
30
und einem Schlupfwinkel für Wegelagerer.“
„Schlupfwinkel für Wegelagerer!“ Sind Rinaldo Rinaldini und sämmt-
liche bei Gottfried Basse in Quedlinburg erschienenen Räuberhauptleute
aus den Abruzzen mit ihren Banden an den Rhein gezogen, um bei ge-
legener Zeit das badische Oberland auszuplündern? Ist Karl Moor im
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Anzuge aus den böhmischen Wäldern? Hat Schinderhannes auch einen
Bruderssohn hinterlassen, der als „Neffe seines Onkels“ die Dynastie von
der Schweiz aus fortsetzen will? Weit entfernt! Struve, der im badischen
Gefängniß sitzt, Frau Struve und die paar Arbeiter, die unbewaffnet über
die Gränze zogen, das sind die „Wegelagerer“, die in der Schweiz ihre
40
„Schlupfwinkel“ hatten oder noch haben sollen. Die Reichsgewalt, nicht

Friedrich Engels
zufrieden mit den Gefangenen, an denen sie sich rächen kann, entäußert
sich so alles Anstandes, daß sie den glücklich Entronnenen Schimpfworte
über den Rhein nachschleudert.
„Die Schweiz weiß, daß man ihr keine Preßverfolgungen zumuthet,
daß nicht von den Zeitungs- und Flugblättern, sondern von deren Ur- 5
hebern die Rede ist, welche dicht an der Gränze bei Tag und Nacht durch
massenweise Einschleppung von Brandschriften einen niedrigen Schmug-
gelkrieg gegen Deutschland führen.“
„Einschleppung!“ „Brandschriften!“ „niedriger Schmuggelkrieg!“ Die
Ausdrücke werden immer gebildeter, immer diplomatischer – aber hat
10
sich nicht die Regierung des Reichsverwesers „die Sprache der Geradheit
zur Pflicht gemacht“?
Und in der That, ihre Sprache ist von merkwürdiger „Geradheit“! Sie
muthet der Schweiz keine Preßverfolgungen zu; sie spricht nicht von den
„Zeitungen und Flugblättern“, sondern von „deren Urhebern“. Diesen
15
soll das Handwerk gelegt werden. Aber, ehrliche „Regierung des Reichs-
verwesers“, wenn man in Deutschland einem Blatt den Prozeß macht,
z.B. der Neuen Rhein. Zeitung, handelt es sich da um das Blatt, das in
aller Welt Händen ist und nicht mehr der Cirkulation entzogen werden
kann, oder um die „Urheber“, die man einsteckt und vor Gericht stellt?
20
Diese brave Regierung verlangt keine Verfolgungen gegen die Presse, blos
gegen die Urheber der Presse. Ehrliche Haut! Wunderbare „Sprache der
Geradheit“!
Diese Urheber „führen durch massenweise Einschleppung von Brand-
schriften einen niedrigen Schmuggelkrieg gegen Deutschland.“ Dies Ver-
25
brechen der „Wegelagerer“ ist wirklich unverzeihlich, um so mehr, als „es
bei Tag und Nacht“ geschieht, und daß die Schweiz dies duldet, ist ein
himmelschreiender Bruch des Völkerrechts.
Von Gibraltar aus werden ganze Schiffsladungen englischer Waaren
nach Spanien hineingeschmuggelt, und die spanischen Pfaffen erklären,
30
daß die Engländer von dort aus „durch Einschleppung von evangelischen
Brandschriften“, z.B. spanischen Bibeln der Bibelgesellschaft, einen nied-
rigen Schmuggelkrieg gegen die katholische Kirche führen. Die Fabri-
kanten von Barcelona fluchen ebenso sehr über den niedrigen Schmug-
gelkrieg, der durch Einschleppung englischer Calicos von dort aus gegen
35
die spanische Industrie geführt wird. Aber der spanische Gesandte sollte
sich nur einmal darüber beschweren, und Palmerston würde ihm ant-
worten: thou blockhead, gerade deswegen haben wir ja Gibraltar genom-
men! Alle andern Regierungen haben bisher zu viel Takt, Geschmack und
Ueberlegung besessen, um sich in Noten über den Schmuggel zu be-
40
schweren. Aber die naive Regierung des Reichsverwesers spricht so sehr

Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
die „Sprache der Geradheit“, daß sie höchst treuherzig erklärt, die
Schweiz habe das Völkerrecht verletzt, wenn die badischen Gränzauf-
seher nicht gehörig aufpassen.
„Die Schweiz kann endlich auch darüber nicht im Unklaren sein, daß
das Recht des Auslandes, sich solcher Unbill zu verwehren, nicht davon5
abhängen kann, ob es den schweizerischen Behörden an der Macht oder
am Willen fehlt, sie zu verhüten.“
Die Regierung des Reichsverwesers scheint vollständig „darüber im
Unklaren zu sein, daß das Recht“ der Schweiz, Jeden ruhig gewähren zu
lassen, der sich den Landesgesetzen unterwirft, sollte er auch durch Ein-10
schleppung etc. einen niedrigen Schmuggelkrieg etc. führen, „nicht davon
abhängen kann, ob es den deutschen Behörden an der Macht oder am
Willen fehlt“, diesen Schmuggel „zu verhüten“. Die Regierung des
Reichsverwesers beherzige die Antwort Heine’s an den Hamburger, der
ihm vom großen Brande vorjammerte:
15
Schafft Euch beß’re Gesetze an,
Und beß’re Feuerspritzen. –
und sie wird nicht mehr nöthig haben, sich fernerhin durch die Geradheit
ihrer Sprache lächerlich zu machen.
„Nur über die Thatsachen ist Streit“, heißt es weiter, und wir werden
20
also endlich außer dem niedrigen Schmuggelkrieg einige andere, bedeu-
tende Thatsachen hören. Wir sind begierig.
„Der hohe Vorort verlangt, unter Berufung auf seine Nichtkenntniß,
daß er den bestimmten Nachweis von Vorgängen erhalte, welche die ge-
gen die schweizerischen Behörden erhobenen Anklagen zu erhärten ver-
25
mögen.“
Offenbar ein sehr vernünftiges Verlangen von Seiten des hohen Vor-
orts. Und die Regierung des Reichsverwesers wird bereitwilligst diesem
billigen Verlangen entsprechen?
Keineswegs. Man höre nur:30
„Aber ein kontradiktorisches Verfahren zwischen Regierungen über
weltkundige Dinge liegt nicht in der Sitte der Völker.“
Da habt ihr eine derbe Lektion des Völkerrechts für die arrogante
kleine Schweiz, die da glaubt mit der Regierung des Reichsverwesers des
großen Deutschlands ebenso naseweis umspringen zu dürfen, wie weiland
35
das kleine Dänemark. Sie sollte sich ein Exempel nehmen an dem däni-
schen Waffenstillstand und bescheidener werden. Es könnte ihr sonst
ebenso gehen.
Wenn die Auslieferung eines gemeinen Verbrechers von einem Nach-
barstaate verlangt wird, so läßt man sich in ein kontradiktorisches Ver-
40
fahren ein, mag das Verbrechen noch so „weltkundig“ sein. Aber das

Friedrich Engels
kontradiktorische Verfahren, oder vielmehr der bloße Nachweis der
Schuld, den die Schweiz verlangt, ehe sie – nicht gegen übergetretene
gemeine Verbrecher, auch nicht gegen Flüchtlinge, nein, gegen ihre ei-
genen, aus demokratischer Volkswahl hervorgegangenen Beamten ein-
schreitet – dieser Nachweis „liegt nicht in der Sitte der Völker“! Wahrlich, 5
die „Sprache der Geradheit“ verleugnet sich nicht einen Augenblick. Ge-
rader heraus kann man nicht gestehen, daß man keine Beweise zu bringen
hat.
Und jetzt folgt ein Hagel von Fragen, in dem alle diese weltkundigen
Thatsachen aufgezählt werden. 10
„Zweifelt Jemand an dem Treiben der deutschen Aufwiegler in der
Schweiz?“
Gewiß Niemand, ebensowenig wie an dem Treiben des Herrn Schmer-
ling in Frankfurt. Daß die deutschen Flüchtlinge in der Schweiz meistens
irgend etwas „treiben“, ist klar. Die Frage ist nur, was sie treiben, und 15
das weiß offenbar Hr. Schmerling selbst nicht, sonst würde er’s sagen.
„Zweifelt Jemand an der Flüchtlingspresse?“
Gewiß Niemand. Aber Hr. Schmerling selbst erklärt ja, Angriffe gegen
die Preßfreiheit könnten nicht von Deutschland kommen. Und wenn sie
kämen, die Schweiz würde sie wahrhaftig zurückzuweisen wissen. Was
20
heißt denn diese Frage? Uebersetzen wir sie aus der „Sprache der Gerad-
heit“ ins Deutsche, so heißt sie weiter nichts als: die Schweiz soll für die
Flüchtlinge die Preßfreiheit aufheben. A un autre, Monsieur de Schmer-
ling!
„Soll Deutschland vor Europa die Wallfahrten nach Muttenz bewei-
25
sen?“
Gewiß nicht, schlaue „Regierung des Reichsverwesers“. Aber daß diese
Wallfahrten die Ursache des Struve’schen Einfalles oder wo möglich ir-
gend einer andern Unternehmung gewesen sind, die mehr Grund zur
Klage gegen die Schweiz gibt, das zu beweisen, würde der Regierung des
30
Reichsverwesers keine Schande, aber desto mehr Schwierigkeiten ma-
chen.
Der Vorort ist abermals so gefällig mehr zu thun, als „in der Sitte der
Völker liegt“, und Hrn. Schmerling daran zu erinnern, daß die Wallfahr-
ten nach Muttenz gerade Hecker galten, daß Hecker gegen den zweiten
35
Einfall war, daß er sogar, um allen Zweifel über seine Absichten nieder-
zuschlagen, nach Amerika ging, daß unter den Wallfahrern hervorragen-
de Mitglieder der deutschen Nationalversammlung waren. Der Vorort ist
delikat genug, selbst der undelikaten Note des Hrn. Schmerling gegen-
über, den letzten und schlagendsten Grund nicht zu erwähnen: daß näm- 40
lich die „Wallfahrer“ ja wieder nach Deutschland zurückgingen und dort

Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
von der Regierung des Reichsverwesers jeden Augenblick für irgend wel-
che strafbare Handlung, für all ihr „Treiben“ in Muttenz zur Rechen-
schaft gezogen werden konnten. Daß dies nicht geschehen, beweist am
besten, daß die Regierung des Reichsverwesers keine Data hat, die die
Wallfahrer inkriminiren, daß sie also noch viel weniger den schweizeri-5
schen Behörden in dieser Beziehung einen Vorwurf machen kann.
„Oder die Versammlungen auf dem Birsfelde?“
Die „Sprache der Geradheit“ ist eine schöne Sache. Wer, wie die Re-
gierung des Reichsverwesers, sich diese Sprache „zur Pflicht im Völker-
verkehr gemacht hat“, der braucht blos nachzuweisen, daß Versammlun-
10
gen überhaupt, oder auch Versammlungen von Flüchtlingen auf dem
Birsfelde stattgefunden haben, um den schweizer Behörden grobe Verlet-
zung des Völkerrechts vorwerfen zu können. Andre Sterbliche müßten
freilich erst nachweisen, was in diesen Versammlungen Völkerrechtwid-
riges vorgefallen. Aber das sind ja „weltkundige Thatsachen“, so welt-
15
kundig, daß, ich wette, keine drei unter den Lesern der N. Rh. Ztg. sind,
die überhaupt wissen, von welchen Versammlungen Hr. Schmerling
spricht.
„Oder die Rüstungen der Unheilstifter, die längs der Gränze, in Rhein-
felden, Zurzach, Gottlieben und Laufen ihr Wesen treiben dürfen?“
20
Gottlob! Wir erfahren endlich etwas Näheres über das „Treiben“ der
Flüchtlinge. Wir haben Hrn. von Schmerling Unrecht gethan, als wir
meinten, er wisse nicht, was die Flüchtlinge trieben. Er weiß nicht nur
was sie treiben, er weiß auch wo sie treiben. Wo treiben sie? In Rheinfel-
den, Zurzach, Gottlieben und Laufen längs der Gränze. Was treiben sie?25
„Ihr Wesen!“
„ Sie treiben ihr Wesen!“ Kolossale Schändung alles Völkerrechts – ihr
Wesen! Was treibt denn die Regierung des Reichsverwesers, damit sie das
Völkerrecht nicht verletzt – etwa „ihr Unwesen“?
Aber Hr. v. Schmerling spricht von „Rüstungen“. Und da unter den30
Städten, wo die Flüchtlinge zum Schrecken des ganzen Reichs ihr Wesen
treiben, mehrere sind, die dem Kanton Aargau angehören, so nimmt der
Vorort ihn zum Beispiel. Er thut wieder ein Uebriges, er thut abermals
mehr, als „in der Sitte der Völker liegt“, und erbietet sich durch ein
„kontradiktorisches Verfahren“ nachzuweisen, daß damals im Kanton
35
Aargau nur 25 Flüchtlinge lebten, daß davon nur 10 am zweiten Frei-
schaarenzuge Struve’s theilnahmen, und daß auch diese unbewaffnet nach
Deutschland hinübergingen. Das waren die ganzen „Rüstungen“. Aber
was heißt das? Die übrigen 15, die zurückblieben, waren gerade die Ge-
fährlichsten. Sie blieben offenbar nur zurück, um „ihr Wesen“ ununter-
40
brochen weiter zu „treiben“!

Friedrich Engels
Das sind die gewichtigen Anklagen der „Regierung des Reichsverwe-
sers“ gegen die Schweiz. Weiter weiß sie nichts vorzubringen und braucht
es auch nicht, da es „nicht in der Sitte der Völker liegt“ u.s.w. Ist die
Schweiz schamlos genug, durch diese Anklagen noch nicht niederge-
schmettert zu sein, so werden die „Entschließungen“ und „Vorkehrun- 5
gen“ der Regierung des Reichsverwesers die niederschmetternde Wirkung
nicht verfehlen. Die Welt ist begierig zu erfahren, wie diese Entschließun-
gen und Vorkehrungen beschaffen sein werden, um so begieriger, als Hr.
Schmerling sie mit dem größten Geheimniß betreibt, und selbst der
Frankfurter Versammlung nichts Näheres mittheilen will. Die schweizer
10
Presse hat indeß schon nachgewiesen, daß alle Repressalien, die Hr.
Schmerling ergreifen kann, weit schädlicher auf Deutschland wirken
müssen, als auf die Schweiz, und nach allen Berichten sehen die Schwei-
zer den „Vorkehrungen und Entschließungen“ der reichsverweserlichen
Regierung mit dem größten Humor entgegen. Ob die Herren Minister in
15
Frankfurt denselben Humor behaupten werden, besonders wenn engli-
sche und französische Noten dazwischen kommen, müssen wir erwarten.
Nur Eins ist gewiß: die Sache wird enden wie der dänische Krieg – mit
einer neuen Blamage, die diesmal aber nur das offizielle Deutschland
treffen wird.
20