Köln
, 13. Juni. Die
Vereinbarungsversammlung hat sich endlich entschieden ausgesprochen. Sie hat die Revolution
desavouiert und die Vereinbarungstheorie anerkannt.

Der Tatbestand, über den sie sich auszusprechen hatte, war folgender:

Am 18. März versprach der König eine Konstitution, führte die
Preßfreiheit mit Kautionen ein und sprach sich in einer Reihe von Vorschlägen dahin
aus, daß Deutschlands Einheit durch ein Aufgehen Deutschlands in Preußen
herbeizuführen sei.

Das waren die Konzessionen des 18. März, auf ihren wahren Gehalt reduziert. Daß
die Berliner sich damit zufrieden erklärten, daß sie vor das Schloß zogen, um
dem König dafür zu danken, das beweist am allerdeutlichsten die Notwendigkeit der
Revolution vom 18. März. Nicht nur der Staat, auch die Staatsbürger mußten
revolutioniert werden. Der Untertan konnte nur in einem blutigen Befreiungskampfe abgestreift
werden.

Das bekannte "Mißverständnis" rief die Revolution hervor. Allerdings fand ein
Mißverständnis statt. Der Angriff der Soldaten, die Fortsetzung des Kampfs
während 16 Stunden, die Notwendigkeit für das Volk, den Rückzug der Truppen zu
erzwingen - das ist Beweis genug, daß das Volk die Konzessionen des 18. März
gänzlich
mißverstanden
hatte.

Die Resultate der Revolution waren: auf der einen Seite die Volksbewaffnung, das
Assoziationsrecht, die faktisch errungene Volkssouveränetät; auf der andern die
Beibehaltung der Monarchie und das Ministerium Camphausen-Hansemann, d.h. die Regierung der
Vertreter der hohen Bourgeoisie.

Die Revolution hatte also zwei Reihen von Resultaten, die notwendig auseinandergehen
mußten. Das Volk hatte gesiegt, es hatte sich Freiheiten entschieden demokratischer Natur
erobert; aber die unmittelbare Herrschaft ging über nicht in seine Hände, sondern in
die der großen Bourgeoisie.

Mit einem Wort, die Revolution war nicht vollendet. Das
Volk hatte die Bildung eines Ministeriums von großen Bourgeois zugelassen, und die
großen Bourgeois bewiesen ihre Tendenzen sogleich dadurch, daß sie dem
alt-preußischen Adel und der Bürokratie eine Allianz anboten. Arnim, Kanitz,
Schwerin traten ins Ministerium.

Die hohe Bourgeoisie, von jeher antirevolutionär, schloß aus Furcht vor dem Volk,
d.h. vor den Arbeitern und der demokratischen Bürgerschaft, ein Schutz- und
Trutzbündnis mit der Reaktion.

Die vereinigten reaktionären Parteien begannen ihren Kampf gegen die Demokratie damit,
daß sie die
Revolution in Frage stellten
. Der Sieg des Volks wurde geleugnet; die
berühmte Liste der "siebzehn Militärtoten" wurde fabriziert; die
Barrikadenkämpfer wurden in jeder möglichen Weise angeschwärzt. Damit nicht
genug. Das Ministerium ließ den vor der Revolution berufenen Vereinigten Landtag wirklich
zusammenberufen und den gesetzlichen Übergang aus dem Absolutismus in die Konstitution
post festum <hinterher> anfertigen. Es leugnete dadurch die Revolution geradezu. Ferner
erfand es die Vereinbarungstheorie, leugnete dadurch die Revolution abermals und leugnete
zugleich die Volkssouveränetät.

Die Revolution wurde also wirklich in Frage gestellt, und sie konnte in Frage gestellt
werden, weil sie nur eine halbe Revolution, nur der Anfang einer langen revolutionären
Bewegung war.

Wir können hier nicht darauf eingehen, warum und inwiefern die augenblickliche
Herrschaft der hohen Bourgeoisie in Preußen eine notwendige Übergangsstufe zur
Demokratie ist und warum die hohe Bourgeoisie sich nach ihrer Thronbesteigung sogleich zur
Reaktion schlug. Wir berichten vorderhand nur die Tatsache.

Die Vereinbarungsversammlung hatte sich nun darüber auszusprechen, ob sie die
Revolution anerkenne oder nicht.

Aber unter diesen Verhältnissen die Revolution anerkennen, das hieß die
demokratische Seite der Revolution anerkennen gegenüber der hohen Bourgeoisie, die sie
konfiszieren wollte.

Die Revolution anerkennen, das hieß in diesem Augenblick gerade die
Halbheit

der Revolution, und damit die demokratische Bewegung anerkennen, welche sich gegen einen Teil
der Resultate der Revolution richtet. Es hieß anerkennen, daß Deutschland sich in
einer revolutionären Bewegung befindet, in der das Ministerium Camphausen, die
Vereinbarungstheorie, die indirekten Wahlen, die Herrschaft der großen Kapitalisten und
die Produkte

der Versammlung selbst zwar unvermeidliche
Durchgangspunkte sein können, aber keineswegs letzte Resultate sind.

Die Debatte in der Kammer über die Anerkennung der Revolution wurde von beiden Seiten
mit großer Breite und mit großem Interesse, aber mit merkwürdig wenig Geist
geführt. Man kann wenig Unerquicklicheres lesen als diese diffuse, jeden Augenblick durch
Lärmen oder durch reglementarische Spitzfindigkeiten unterbrochene Verhandlung. Statt der
großen Leidenschaft des Parteikampfes eine kühle Gemütsruhe, die jeden
Augenblick in den Konversationston herabzusinken droht; statt schneidender Schärfe der
Argumentation breites verworrenes Gerede vom Hundertsten ins Tausendste; statt schlagender
Antwort langweilige Moralpredigten über das Wesen und die Natur der Sittlichkeit.

Auch die Linke hat sich in dieser Debatte nicht besonders ausgezeichnet. Die meisten ihrer
Redner wiederholen einander; keiner wagt es, der Frage entschieden auf den Leib zu rücken
und offen revolutionär aufzutreten. Sie fürchten überall anzustoßen, zu
verletzen, zurückzuschrecken. Hätten die Kämpfer des 18. März nicht mehr
Energie und Leidenschaft im Kampfe bewiesen als die Herren von der Linken in der Debatte, es
stände schlimm um Deutschland.