Meine Herren!

Es gibt in der Geschichte auffallende Analogien. Der Jakobiner von 1793 ist zum Kommunisten unserer Tage geworden. Als Rußland, Österreich und Preußen im Jahre 1793 Polen untereinander aufteilten, stützten sich die drei Mächte auf die Verfassung von 1791, die sie einmütig wegen ihrer angeblich jakobinischen Prinzipien verurteilten.

Und was hatte sie proklamiert, die polnische Verfassung von 1791? Nichts anderes als die konstitutionelle Monarchie: die gesetzgebende Gewalt in den Händen der Vertreter des Landes, Preßfreiheit, Gewissensfreiheit, Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, Abschaffung der Leibeigenschaft etc. Und das alles nannte sich damals reinstes Jakobinertum! Sie sehen also, meine Herren, die Geschichte ist vorwärtsgeschritten. Was damals Jakobinertum war, ist heute zum Liberalismus, und zwar in seiner allergemäßigtsten Form, geworden.

Die drei Mächte sind mit der Geschichte mitgegangen. Als sie Krakau im Jahre 1846 Österreich einverleibten und den Polen die letzten Reste der nationalen Selbständigkeit raubten, bezeichneten sie als Kommunismus alles das, was sie früher Jakobinertum genannt hatten.

Aber worin besteht nun der Kommunismus der Krakauer Revolution? War sie kommunistisch, weil sie die polnische Nationalität wiederherstellen wollte? Ebensogut könnte man sagen, daß der Krieg, den die europäische Koalition zur Rettung der Nationen gegen Napoleon führte, ein kommunistischer Krieg war und daß sich der Wiener Kongreß aus gekrönten Kommunisten zusammensetzte. Oder war die Krakauer Revolution kommunistisch, weil sie eine demokratische Regierung einsetzen wollte? Niemand wird die millionenschweren Bürger von Bern und New York kommunistischer Anwandlungen bezichtigen.

Der Kommunismus verneint die Notwendigkeit der Existenz der Klassen; er will alle Klassen, alle Klassenunterschiede abschaffen. Die Krakauer Revolutionäre wollten nur die politischen Unterscheidungen zwischen den Klassen ausmerzen; den verschiedenen Klassen wollten sie gleiche Rechte geben.

Aber in welcher Hinsicht war nun schließlich diese Krakauer Revolution kommunistisch?

Etwa weil sie versuchte, die Ketten des Feudalismus zu brechen, das zinspflichtige Eigentum zu befreien und es in freies, in modernes Eigentum zu verwandeln?

Wenn man den französischen Eigentümern sagte: "Wißt Ihr, was die polnischen Demokraten wollen? Die polnischen Demokraten wollen bei sich die Form des Eigentums einführen, die bei Euch bereits existiert", so würden die französischen Eigentümer antworten: "Daran tun sie sehr gut." Sagt man aber den französischen Eigentümern, so wie Herr Guizot es tut: "Die Polen wollen jenes Eigentum abschaffen, das Ihr durch die Revolution von 1789 errichtet habt und das heute noch bei Euch besteht", dann werden sie aufschreien: "Was! Das sind also Revolutionäre, Kommunisten! Vernichten muß man die Lumpen!" Die Abschaffung der Zünfte, der Gilden, die Einführung der freien Konkurrenz wird jetzt in Schweden
Kommunismus
genannt. Das
"Journal des Débats"
geht noch weiter: Die Rente abschaffen, die durch ein korrumpiertes Recht zweihunderttausend Wählern gewährt wird, nennt es Abschaffen einer Einnahmequelle, nennt es Vernichten von rechtmäßig erworbenem Eigentum, nennt es Kommunismus. Zweifellos wollte auch die Krakauer Revolution ein ganz bestimmtes Eigentum abschaffen. Aber welche Art von Eigentum? Diejenige, die im übrigen Europa ebensowenig zerstört werden kann wie der
Sonderbund
in der Schweiz - weil die eine wie die andere Erscheinung nicht mehr existiert.

Niemand wird leugnen, daß in Polen die politische Frage mit einer sozialen verknüpft ist. Seit jeher ist die eine untrennbar von der anderen.

Fragt nur einmal die Reaktionäre danach! Kämpften sie etwa während der Restauration lediglich gegen den politischen Liberalismus und das zwangsläufig mitgeschleppte Voltairianertum?

Ein sehr berühmter reaktionärer Schriftsteller hat offen zugegeben, daß die erhabenste Metaphysik eines de Maistre und eines de Bonald in letzter Instanz auf eine Geldfrage hinauslief - und ist nicht jede Geldfrage unmittelbar eine soziale Frage? Die Männer der Restauration verhehlten nicht, daß man, um wieder zur Politik der guten alten Zeit zu kommen, das gute alte Eigentum, das feudale Eigentum, das moralische Eigentum wiederherstellen

müsse. Jedermann weiß, daß die Treuepflicht gegenüber dem Monarchen ohne Zehnten und Fronarbeit nicht denkbar ist.

Gehen wir noch weiter zurück. Im Jahre 1789 schloß die politische Frage der Menschenrechte die soziale Frage der freien Konkurrenz in sich ein.

Und worum geht es denn in England? Haben die politischen Parteien in allen Fragen, von der Reformbill bis zur Abschaffung der Korngesetze, um etwas anderes gekämpft als um Änderungen des Eigentums, um Fragen des Eigentums, um soziale Fragen?

Ist selbst hier in Belgien der Kampf zwischen Liberalismus und Katholizismus etwas anderes als der Kampf zwischen industriellem Kapital und Großgrundbesitz?

Und sind die politischen Fragen, über die seit siebzehn Jahren debattiert wird, im Grunde genommen nicht soziale Fragen?

Also, was auch immer der Standpunkt, den man einnimmt, sein möge, ob liberal, ob radikal oder selbst aristokratisch, niemand kann mehr der Krakauer Revolution vorwerfen, eine soziale Frage mit einer politischen verknüpft zu haben!

Die Männer, die an der Spitze der revolutionären Bewegung in Krakau standen, waren zutiefst davon überzeugt, daß nur ein demokratisches Polen unabhängig sein könne und daß eine polnische Demokratie unmöglich sei ohne Abschaffung der Feudalrechte, ohne eine Agrarbewegung, die die zinspflichtigen Bauern in freie Eigentümer, in moderne Eigentümer verwandeln würde. Setzt an die Stelle des russischen Autokraten polnische Aristokraten; damit habt ihr den Despotismus nur naturalisiert. Genauso haben die Deutschen in ihrem Krieg gegen die Fremdherrschaft einen einzigen Napoleon gegen sechsunddreißig Metterniche getauscht.

Hat dann der polnische Feudalherr auch keinen russischen Feudalherrn mehr über sich, so hat der polnische Bauer nichtsdestoweniger einen Feudalherrn über sich - allerdings einen freien an Stelle eines versklavten Herrn. An seiner sozialen Lage hätte diese politische Veränderung nichts geändert.

Die Krakauer Revolution hat ganz Europa ein ruhmreiches Beispiel gegeben, weil sie die Sache der Nation mit der Sache der Demokratie und der Befreiung der unterdrückten Klasse identifizierte.

Wenn auch im Moment diese Revolution von den blutigen Händen bezahlter Mörder erstickt worden ist, so erhebt sie sich doch jetzt glorreich und triumphierend in der Schweiz und in Italien. Sie findet ihre Prinzipien in Irland bestätigt, wo die eng auf nationale Ziele begrenzte Partei mit O'Connell ins Grab gesunken ist, die neue nationale Partei aber sich vor allem für Reformen und Demokratie einsetzt.

Wiederum ist es Polen, das die Initiative ergriffen hat, aber nunmehr nicht das feudale Polen, sondern das demokratische Polen; und seit diesem Zeitpunkt ist seine Befreiung Ehrensache aller Demokraten Europas geworden.