Die ‚, Times“ 

über den deutschen Kommunismus!!! 

[, The New Moral World“ 
Nr.30 vom 20. Januar 1844] 

An den Redakteur der „New Moral World“ | 
Sir, u . 

Ich sehe, daß der Aufsatz der „Iimes“ über die Kommunisten in 
Deutschland in der „New Moral World“ nachgedruckt worden ist!!??! und 
kann daran nicht vorbeigehen, ohne einige Bemerkungen zu machen, die 
Sie vielleicht für wert finden werden zu veröffentlichen. 

Die „Times“ besaß bislang auf dem Kontinent den Ruf einer “oh 
informierten Zeitung, aber noch einige solche Artikel, wie der über den 
deutschen Kommunismus, dürften diese Ansicht sehr bald zunichte machen. 
Jeder, der auch nur das Geringste über die sozialen Bewegungen in Frank- 
reich und Deutschland kennt, wird sofort bemerken, daß der Verfasser 
dieses Aufsatzes über eine Sache spricht, von der er absolut nichts versteht. 
Seine Unwissenheit ist so groß, daß er nicht einmal imstande ist, die 
schwachen Seiten der Partei aufzudecken, die er angreift. Wollte er Weit- 
ling verleumden, könnte er in dessen Schriften viel passendere Stellen für 
seinen Zweck finden als die, die er anführt. Hätte er sich nur die Mühe ge- 
nommen, den Züricher Kommissionalbericht!133) zu lesen - den er ver- 
sichert, gelesen zu haben, was offensichtlich nicht der Fall ist -, er würde 
eine Fülle. verleumderischen Materials, eine Menge zurechtgemachter 
Textstellen gefunden haben, die extra für diesen Zweck zusammengetragen 
worden sind. Im: Grunde genommen ist es sehr seltsam, daß die Kommu- 
nisten ihre Gegner mit Waffen für den Kampf versorgen. müssen; aber da 
sie auf dem weiten F undament der Philosophischen Auseinandersetzung 
stehen, können sie sich das gestatten. Ä 

Der Korrespondent der „Times“ beginnt me ‚die at: 
Partei in Frankreich als eine sehr schwache Partei darzustellen. Er be- 

318 Die „Times“ über den deutschen Kommunismus 

zweifelt, daß der Aufstand in Paris von 1839 von ihr ausgegangen war"? 
und nimmt für sehr wahrscheinlich an, daß dies von der „mächtigen“ 
republikanischen Partei geschah. Halten Ste, mein wohlinformierter 
Benachrichtiger der englischen Öffentlichkeit, eine Partei für sehr schwach, 
die etwa eine halbe Million erwachsener Männer zählt? Wissen Sie, daß die 
„mächtige“ republikanische Partei in Frankreich sich seit neun Jahren im 
Zustand völliger Auflösung und des fortschreitenden Verfalls befindet? 
Wissen Sie, daß die Zeitung „National“, das Organ dieser „mächtigen“ 
Partei eine viel geringere Auflage hat als irgendeine andere Pariser Zeitung? 
Muß ich, ein Ausländer, Sie an die im vergangenen Sommer von der 
„National“ durchgeführten” 'republikanischen Geldsammlung für den 
irischen Repeal-Fonds erinnern, die weniger als hundert Pfund einbrachte, 
obwohl die Republikaner eine große Sympathie für die srischen Repealer!"! 
empfinden? Wissen Sie nicht, daß die Masse der republikanischen Partei, 
die arbeitenden Klassen, sich schon seit langem von ihren reichen Partei- 
gängern getrennt hat und sich der kommunistischen Partei nicht ange- 
schlossen, sondern sie gegründet hat, lange bevor Cabet begann, den Kom- 
munismus zu verteidigen? Wissen Sie nicht, daß die ganze „Macht“ der 
französischen Republikaner in dem Vertrauen zu den Kommunisten be- 
steht, weil diese die Errichtung einer Republik zu sehen wünschen, bevor 
sie beginnen, den Kommunismus in die Praxis umzusetzen? Es scheint, 
daß Ihnen alle diese Dinge unbekannt sind, obwohl Sie sie kennen sollten, 
um sich eine richtige Meinung vom Sozialismus auf dem = onlnen! bilden 
zu können. 

Was den Aufstand von 1839 anbelangt, betrachte ich solche Dinge oa 
als ehrenvoll für eine Partei; aber ich weiß von Leuten, die aktiv an dieser 
Emeute beteiligt waren, daß sie von den Kommunisten vorbereitet und 
durchgeführt wurde. | 

Der wohlinformierte Korrespondent erklärt ‘ferner, „die Lehren von 
Fourier und Cabet scheinen mehr die Gemüter einiger Literaten und Ge- 
lehrten zu bewegen, als die allgemeine Gunst des Volkes zu gewinnen“. 
Hinsichtlich Fouriers ist das richtig, wie ich schon in einer früheren Nummer 
dieser Zeitung Gelegenheit hatte auszuführen. Aber Cabet! Cabet, der 
fast nichts anderes als nur kleine Pamphlete geschrieben hat -, Cabet, der 
beständig Vater Cabet genannt wird, ein Name, der ihm wohl kaum von 
den „Literaten und Gelehrten“ ‘gegeben worden ist -, Cabet, dessen größ- 
ter Fehler seine Oberflächlichkeit und der Mangel an Achtung vor den 

1 Siehe Band ! unserer Ausgabe, S.482 - 484 

Die „Times“ über den deutschen Kommunismus 319 

berechtigten Ansprüchen wissenschaftlicher Forschung ist -, Cabet, der 
Herausgeber einer Zeitung, die zur Information für diejenigen bestimmt 
ist, die gerade eben lesen können -, die Lehren dieses Mannes sollen den 
Verstand eines Professors der Pariser Universität wie Michelet oder Quinet 
bewegen, deren Stolz eine: Tiefe ist, ‚ tiefer als der Mystizismus? Das ist 
doch einfach lächerlich. Ä | 

“Der Korrespondent: a dann von der Be deutschen Sn 
lichen Versammlung bei Hambach und Steinhölzli!36 und äußert seine 
Ansicht, „daß sie eher einen politischen, denn einen sozialen und revolutio- 
nären Charakter getragen hat“. Ich weiß kaum, wo ich beginnen soll, die 
Fehler dieser Sentenz aufzudecken. Erstens, „nächtliche Versammlungen“ 
sind auf dem Kontinent gänzlich unbekannt; wir kennen keine Versamm- 
lungen bei Fackellicht, wie die der Chartisten oder nächtliche Meetings in 
der Art der Rebekkaiten!!?”!, Das Hambacher Fest fand am hellen Tage 
unter den Augen der Obrigkeit statt. Zweitens, Hambach liegt in Bayern 
und Steimhölzli in der Schweiz, einige hundert Meilen von Hambach ent- 
fernt; unser Korrespondent jedoch spricht von der „Hambacher und 
Steinhölzlier Versammlung“. Drittens, die beiden Versammlungen waren in 
einem ziemlichen Maße nicht nur durch den Raum voneinander getrennt, 
sondern auch durch die Zeit. Die Steinhölzlier Versammlung fand einige 
Jahre nach der anderen statt: Viertens, diese Versammlungen trugen nicht 
nur scheinbar, sondern tatsächlich einen ausschließlich politischen Charak- 
ter; sie fanden statt, bevor die Kommunisten in Erscheinung traten. 

Die Quellen, aus denen unser Korrespondent seine unschätzbaren 
Informationen schöpfte, waren „der (Züricher) Kommissionalbericht, die 
veröffentlichten und: unveröffentlichten kommunistischen Schriften, die 
bei der Verhaftung Weitlings entdeckt wurden, und die eigene Uhnter- 
suchung“. Die Ignoranz unseres Korrespondenten zeigt eindeutig, daß er 
den Bericht niemals gelesen hat; es ist erwiesen, daß die „veröffentlichten 
kommunistischen Schriften“ bei der Verhaftung einer Person nicht „ent- 
deckt“ werden können, da die einfache Tatsache ihrer Veröffentlichung jede 
Möglichkeit einer „Entdeckung“ ausschließt. Der Oberstaatsanwalt von. 
Zürich würde gewiß nicht mit:der „Entdeckung“ von Büchern prahlen, die 
ihm jeder Buchhändler beschaffen könnte. Was die „unveröffentlichten“ 
Schriften anbelangt, für deren Unterdrückung die gerichtliche Verfolgung 
eingeleitet wurde, würden die Züricher Senatoren tatsächlich inkonsequent 
gewesen sein, hätten sie, wie unser Korrespondent zu glauben scheint, diese 
nachträglich selbst veröffentlicht! Sie taten nichts Derartiges. Tatsächlich 
wird in dem ganzen Bericht unseres Korrespondenten nichts angeführt, 

320 Die „Iimes“ über den deutschen Kommunismus 

was er diesen Quellen und der eigenen Untersuchung hätte entnehmen 
können, abgesehen von den zwei Neuigkeiten, daß die deutschen Kom- 
munisten ihre Lehre hauptsächlich von Cabet und Fourier ableiten, d.h. 
dieselben, die von ihnen angegriffen werden, worüber unser Korrespondent 
in demselben Buch hätte nachlesen können, aus dem er so ausführlich 
zitiert (Weitlings Garantien, S. 228), und daß sie „in Cabet, Proudhon, Weit- 
ling und - und - Constant ihre vier Evangelisten sehen“! Benjamin Con- 
stant, der Freund der Madame de Sta&l ist schon lange tot und hatte niemals 
auch nur im entferntesten daran gedacht, sich mit der sozialen Reform zu 
befassen. Offensichtlich meint unser Korrespondent Considerant, den 
Anhänger Fouriers, den Herausgeber der „Phalange“ und jetzt der „De- 
mocratie pacifique“, der überhaupt nicht mit den Kommunisten in Ver- 
bindung steht. | et 

„Die kommunistische Lehre ist zur Zeit mehr negativ als positiv“ - 
und unmittelbar, nachdem er diese Behauptung aufgestellt hat, schlägt 
unser Korrespondent sich selbst ins Gesicht, indem er in zwölf Paragraphen 
eine Skizze der von Weitling vorgeschlagenen neuen sozialen Ordnung ent- 
_ wirft, deren Einrichtungen ganz und gar positiv sind und die Zerstörung 
des jetzigen sozialen Regimes nicht einmal erwähnen. | 

Diese Auszüge werden jedoch in einer sehr konfusen Weise gebracht 
und zeigen, daß unser Korrespondent in verschiedenen Fällen nicht das 
Wesen der Sache verstanden hat; anstelle dessen bringt er unbedeutende 
Einzelheiten. So unterläßt er es, den Hauptpunkt zu erklären, in dem Weit- 
ling Cabet überlegen ist, nämlich jede auf Gewalt und Vorrang beruhende 
Herrschaft abzuschaffen und an ihrer Stelle eine bloße Verwaltung einzu- 
setzen, die die verschiedenen Ärbeitszweige organisiert und deren Produkte 
verteilt. Er übergeht den Vorschlag, alle Beamten dieser Verwaltung und in 
jedem einzelnen Zweig nicht durch eine Mehrheit der Gemeinschaft zu er- 
nennen, sondern nur durch diejenigen, die die besondere Art der Arbeit 
kennen, die der künftige Beamte zu verrichten hat. Ferner übergeht er 
eines der charakteristischen Merkmale des Plans, daß die Mitglieder der 
Prüfungskommission die geeignetste Person durch eine Art Preis-Wahl- 
proben auswählen, ohne selbst den Verfasser dieser Proben zu kennen. 
Die Namen befinden sich in einem versiegelten Kuvert, und nur das Ku- 
vert wird geöffnet, das den Namen des erfolgreichen Bewerbers enthält. 
Auf diese Weise wird jedes persönliche Motiv ausgeschlossen, das auf den 
Entschluß der Mitglieder der Prüfungskommission einwirken könnte. 

Was die übrigen Zitate von Weitling anbelangt, so überlasse ich es den 
Lesern dieser Zeitung, darüber zu urteilen, ob sie solch verächtliches Zeug 

Die „Times“ über den deutschen Kommunismus 321 

aufnehmen, wie unser Korrespondent es ihnen zumutet, oder ob sie nicht 
in vielen, wenn nicht gar in allen Fällen die gleichen Prinzipien und Vor- 
schläge vertreten, für deren Verbreitung diese Zeitung gegründet wurde. 
Auf jeden Fall, wenn die „Iimes“ abermals wünschen sollte, über den 
deutschen Kommunismus Betrachtungen anzustellen, würde ste gut daran 
tun, sich nach einem anderen Korrespondenten umzusehen. 
Ich verbleibe, mein Herr, 
‚Ihr ergebener 

F. Engels