Marx/Engels

1
. Berlin/DDR. 19
76
. S.
78-85
.

1,5. Korrektur

Karl Marx

Das philosophische Manifest der historischen Rechtschule

Geschrieben April bis Anfang August 1842.

»Das Kapitel von der Ehe«, von der Zensur nicht zugelassen, wird nach der Handschrift gegeben

»Rheinische Zeitung« Nr. 221 vom 9. August 1842

Die vulgäre Ansicht betrachtet die
historische Schule
als
Reaktion
gegen den
frivolen
Geist des
achtzehnten
Jahrhunderts. Die Verbreitung dieser Ansicht steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Wahrheit. Das achtzehnte Jahrhundert hat vielmehr nur
ein
Produkt erzeugt, dessen
wesentlicher Charakter
die Frivolität ist, und dies
einzig frivole
Produkt ist die
historische Schule.

Die historische Schule hat das Quellenstudium zu ihrem Schiboleth gemacht, sie hat ihre Quellenliebhaberei bis zu dem Extrem gesteigert, daß sie dem Schiffer anmutet, nicht auf dem Strome, sondern auf seiner Quelle zu fahren, sie wird es billig finden, daß wir auf
ihre Quelle
zurückgehen, auf
Hugos Naturrecht. Ihre Philosophie
geht ihrer Entwickelung
voraus,
man wird daher in ihrer Entwickelung selbst vergeblich nach Philosophie suchen.

Eine gangbare Fiktion des achtzehnten Jahrhunderts betrachtete den Naturzustand als den wahren Zustand der menschlichen Natur. Man wollte mit leiblichen Augen die Idee des Menschen sehen und schuf
Naturmenschen, Papagenos,
deren Naivität sich bis auf ihre befiederte Haut erstreckt. In den letzten Dezennien des achtzehnten Jahrhunderts ahnte man Urweisheit bei
Naturvölkern,
und von allen Enden hörten wir Vogelsteller die Sangweisen der Irokesen, Indianer usw. nachzwitschern, mit der Meinung, durch diese Künste die Vögel selbst in die Falle zu locken. Allen diesen Exzentritäten lag der richtige Gedanke zugrunde, daß die
rohen
Zustände naive niederländische Gemälde der
wahren
Zustände sind.

Der
Naturmensch der historischen Schule,
den noch keine romantische Kultur beleckt, ist
Hugo.
Sein Lehrbuch des
Naturrechts
ist das
alte Testament
der historischen Schule.
Herders
Ansicht, daß die Naturmenschen
Poeten
und die
heiligen
Bücher der Naturvölker
poetische
Bücher sind, steht uns nicht im Wege, obgleich Hugo die allertrivialste, allernüchternste Prosa

spricht, denn wie jedes Jahrhundert seine eigentümliche Natur besitzt, so zeugt es seine eigentümlichen Naturmenschen. Wenn Hugo daher nicht
dichtet,
so
fingiert
er doch, und die
Fiktion
ist die
Poesie der Prosa,
die der prosaischen Natur des achtzehnten Jahrhunderts entspricht.

Indem wir aber Herrn Hugo als Ältervater und Schöpfer der historischen Schule bezeichnen, handeln wir in ihrem
eigenen Sinne,
wie das
Festprogramm
des berühmtesten historischen Juristen zu Hugos Jubiläum beweist. Indem wir Herrn Hugo als ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts begreifen, verfahren wir sogar im
Geist
des Herrn Hugo, wie er selbst bezeugt, indem er sich für einen
Schüler
Kants und sein Naturrecht für einen Sprößling der
kantischen Philosophie
ausgibt. Wir nehmen sein
Manifest
an diesem Punkte auf.

Hugo
mißdeutet
den Meister
Kant
dahin, daß, weil wir das
Wahre
nicht wissen können, wir konsequenterweise das
Unwahre,
wenn es nur
existiert,
für
vollgültig
passieren lassen. Hugo ist ein
Skeptiker
gegen das
notwendige Wesen
der Dinge, um ein
Hoffmann
gegen ihre
zufällige Erscheinung
zu sein. Er sucht daher keineswegs zu beweisen, daß das
Positive vernünftig
sei; er sucht zu beweisen, daß das
Positive nicht vernünftig
sei. Aus allen Weltgegenden schleppt er mit selbstgefälliger Industrie Gründe herbei, um zur Evidenz zu steigern, daß keine vernünftige Notwendigkeit die Positiven Institutionen, z.B. Eigentum, Staatsverfassung, Ehe etc. beseelt, daß sie sogar der Vernunft
widersprechen,
daß sich höchstens dafür und dagegen
schwatzen
lasse. Man darf diese
Methode
keineswegs seiner zufälligen Individualität vorwerfen; es ist vielmehr die
Methode seines Prinzips,
es ist die
offenherzige,
die
naive,
die
rücksichtslose
Methode der historischen Schule. Wenn das
Positive gelten
soll,
weil
es
positiv
ist, so muß ich
beweisen,
daß das
Positive nicht
gilt,
weil
es
vernünftig
ist, und wie könnte ich dies evidenter als durch den Nachweis, daß das Unvernünftige positiv und das Positive nicht vernünftig ist? daß das Positive nicht
durch
die Vernunft, sondern
trotz
der Vernunft existiert? Wäre die
Vernunft
der
Maßstab des Positiven,
so wäre das
Positive
nicht der
Maßstab der Vernunft. »
Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!« Hugo
entheiligt
daher alles, was dem rechtlichen, dem sittlichen, dem politischen Menschen heilig ist, aber er zerschlägt diese Heiligen nur, um ihnen den
historischen Reliquiendienst
erweisen zu können, er schändet sie vor den
Augen der Vernunft,
um sie hinterher zu Ehren zu bringen vor den
Augen der Historie,
zugleich aber auch, um die
historischen Augen zu Ehren
zu bringen.

Wie das
Prinzip,
so ist die
Argumentation
Hugos
positiv,
d.h.
unkritisch.
Er kennt
keine Unterschiede. Jede Existenz
gilt ihm für eine
Autorität,
jede Autorität gilt ihm für einen
Grund.
So werden denn zu einem Paragraphen
*
zitiert
Moses
und
Voltaire, Richardson
und
Homer, Montaigne
und
Amnon, Rousseaus »Contrat social«
und
Augustinus »De civitate Dei«.
Gleich nivellierend wird mit den
Völkern
verfahren. Der
Siamite,
der es für ewige Naturordnung hält, daß sein König einem Schwätzer den Mund zunähen und einem unbeholfenen Redner ihn bis an die Ohren aufschneiden läßt, ist nach Hugo so
positiv
als der
Engländer,
der es zu den politischen Paradoxien zählt, daß sein König eigenmächtig eine Auflage von einem Pfennig ausschreiben werde. Der schamlose
Conci,
der nackt umherläuft und sich höchstens mit Schlamm bedeckt, ist so positiv als der
Franzose,
der sich nicht nur kleidet, sondern elegant kleidet. Der
Deutsche,
der seine Tochter als das Kleinod der Familie erzieht, ist nicht positiver als der
Rasbute,
der sie tötet, um sich der Nahrungssorge für sie zu überheben. Mit einem Worte:
der Hautausschlag ist
so
positiv als die Haut.

An einem Ort ist das positiv, am andern jenes, eins ist so unvernünftig als das andere, unterwirf dich dem, was in deinen vier Pfählen positiv ist.

Hugo
ist also
vollendeter Skeptiker.
Die
Skepsis des achtzehnten Jahrhunderts
gegen die
Vernunft des Bestehenden
erscheint bei ihm als
Skepsis
gegen das
Bestehen der Vernunft.
Er adoptiert die
Aufklärung, er sieht in dem Positiven nichts Vernünftiges mehr, aber nur, um in dem Vernünftigen nichts Positives mehr sehen zu dürfen.
Er meint, man habe den Schein der Vernunft an dem Positiven ausgeblasen, um das Positive
ohne
den Schein der Vernunft anzuerkennen; er meint, man habe die
falschen Blumen
an den Ketten zerpflückt, um
echte Ketten
ohne Blumen zu tragen.

Hugo
verhält sich zu den
übrigen Aufklärern
des achtzehnten Jahrhunderts, wie sich etwa die
Auflösung des französischen Staats
am liederlichen
Hofe des Regenten
zur Auflösung des französischen Staats in der
Nationalversammlung
verhält. Auf beiden Seiten Auflösung! Dort erscheint sie als
liederliche Frivolität,
welche die hohle Ideenlosigkeit der bestehenden Zustände begreift und verspottet, aber nur, um, aller vernünftigen und sittlichen Bande quitt,
ihr Spiel
mit den faulen Trümmern zu treiben und vom Spiel derselben getrieben und aufgelöst zu werden. Es ist die
Verfaulung der damaligen Welt, die sich selbst genießt.
In der
Nationalversammlung
dagegen erscheint die
Auflösung
als
Loslösung des neuen Geistes
von
alten Formen,
die nicht mehr
wert
und nicht mehr
fähig
waren, ihn zu fassen. Es ist das
Selbstgefühl
des
neuen Lebens,
welches das
Zertrümmerte zertrümmert,
das
Verworfene verwirft.
Ist daher
Kants Philosophie
mit Recht als die
deutsche Theorie
der französischen Revolution zu betrachten, so
Hugos Naturrecht

als die
deutsche Theorie
des französischen ancien régime. Wir finden bei ihm die ganze
Frivolität
jener
Roués
wieder, die
gemeine Skepsis,
welche, frech gegen Ideen, allerdevotest gegen Handgreiflichkeiten, erst ihre Klugheit empfindet, wenn sie den
Geist
des Positiven erlegt hat, um nun das rein Positive als Residuum zu besitzen und in diesen
tierischen
Zuständen behaglich zu sein. Selbst wenn Hugo die Schwere der Gründe abwägt, so wird er mit unfehlbar sicherem Instinkt das Vernünftige und Sittliche an den Institutionen
bedenklich
für die Vernunft finden. Nur das
Tierische
erscheint
seiner Vernunft
als das
Unbedenkliche.
Doch hören wir unsern Aufklärer vom Standpunkt des ancien régime! Man muß Hugos Ansichten von Hugo hören. Zu allen seinen Kombinationen gehört ein: sagte er selbst.

Introduktion

»Das
einzige juristische Unterscheidungsmerkmal des Menschen
ist seine
tierische
Natur.«

Das Kapitel von der Freiheit

»Selbst dies ist eine
Einschränkung der Freiheit«
(sc. des
vernünftigen
Wesens), »
daß nicht nach Belieben aufhören kann, ein vernünftiges Wesen zu sein
, d.h. ein Wesen, das vernünftig handeln kann und soll.«

»Die
Unfreiheit
ändert an der tierischen und vernünftigen Natur des
Unfreien
und
anderer Menschen
nichts.
Die Gewissenspflichten
bleiben
alle
. Die
Sklaverei
ist nicht nur
physisch
möglich, sondern auch, sie ist
nach der Vernunft
möglich, und bei jeder Forschung, die uns das Gegenteil lehrt, muß irgendein Mißverständnis mit unterlaufen.
Peremptorisch rechtlich
ist sie freilich nicht, d.h., sie folgt nicht aus der tierischen Natur, nicht aus der vernünftigen und nicht aus der bürgerlichen. Daß sie aber
so gut provisorisches
Recht sein kann als irgend etwas von den Gegnern Zugegebenes, ergibt die Vergleichung mit dem Privatrechte und mit dem öffentlichen Rechte.« Beweis: »In Ansehung der tierischen Natur ist der offenbar mehr vor Mangel gesichert, welcher einem Reichen gehört, der etwas mit ihm verliert und seine Not gewahr wird, als der Arme, welchen seine Mitbürger benutzen, solange etwas an ihm zu benutzen ist etc.« »Das Recht, servi zu mißhandeln und zu verstümmeln, ist nicht wesentlich, und wenn es auch stattfindet, so ist es nicht viel schlimmer als das, was sich die Armen gefallen lassen, und was den Körper betrifft, nicht so schlimm als der Krieg, von welchem servi als solche überall frei sein müssen. Die Schönheit sogar findet sich eher bei einer zirkassischen Sklavin als bei einem Bettlermädchen.« (Hört den Alten!)

»Für die
vernünftige
Natur hat die servitus vor der Armut den Vorzug, daß viel eher der Eigentümer an den Unterricht eines servus, der Fähigkeiten zeigt, selbst aus
wohlverstandener Wirtschaft
, etwas wenden wird, als dies bei einem Bettlerkinde der Fall ist. In einer
Verfassung
bleibt grade der servus mit sehr vielen Arten des Druckes verschont. Ist der Sklave unglücklicher als der Kriegsgefangene, den seine Bedeckung weiter gar nichts angeht, als daß sie eine Zeitlang für ihn verantwortlich ist, unglücklicher als der Baugefangene, über welchen die Regierung einen Aufseher gesetzt hat.«

»Ob die Sklaverei an sich der
Fortpflanzung
vorteilhaft oder nachteilig sei, darüber streitet man noch.«

Das Kapitel von der Ehe

»Die
Ehe
ist schon oft bei der
philosophischen
Betrachtung des positiven Rechtes für
viel wesentlicher
und der
Vernunft viel gemäßer
angesehen worden, als sie bei
einer ganz freien
Prüfung erscheint.«

Zwar die
Befriedigung des Geschlechtstriebs
in der Ehe konveniert Herrn Hugo. Er leitet sogar eine
heilsame Moral
aus diesem Faktum:

»Hieraus, wie aus unzähligen anderen Verhältnissen hätte man
sehen sollen
, daß es nicht immer
unsittlich
sei, den
Körper eines Menschen als ein Mittel zu einem Zweck zu behandeln
, wie man, und auch wohl
Kant selbst
, diesen Ausdruck falsch verstanden hat.«

Aber die Heiligung des Geschlechtstriebs durch die
Ausschließlichkeit
, die Bändigung des Triebs durch die Gesetze, die
sittliche Schönheit
, die das Naturgebot zu einem Moment geistiger Verbindung idealisiert - das
geistige Wesen
der Ehe - das eben ist dem Herrn Hugo das
Bedenkliche
an der Ehe. Doch ehe wir weiter seine
frivole Schamlosigkeit
verfolgen, hören wir einen Augenblick dem
historischen
Deutschen gegenüber den französischen
Philosophen
.

»C'est en renoncant pour un seul homme à cette réserve mystérieuse, dont la règle divine est imprimée dans son coeur, que la femme se voue à cet hommes, pour lequel elle suspend, dans un abandon momentané, cette pudeur, qui ne la quitte jamais; pour lequel seul elle écarte des voiles qui sont d'ailleurs son asile et sa parure. De là cette confiance intime dans son époux, résultat d'une relation exclusive, qui ne peut exister qu'entre elle et lui, sans qu'aussitôt elle se sente flétrie; de là dans cet époux la reconnaissance pour un sacrifice et ce mélange de désir et de respect pour un être qui, même en partageant ses plaisirs, ne semble encore que lui céder; de là tout ce qu'il y a de
régulier
dans notre
ordre social
.«

|»Dadurch, daß sie einem einzigen Manne zuliebe auf diese geheimnisvolle Zurückhaltung verzichtet, deren göttliches Gesetz sie im Herzen tragt, gelobt sie sich diesem Manne an, dem zuliebe sie diese Schamhaftigkeit, die sie niemals verläßt, in einem Augenblick der Hingabe aufgibt; für den allein sie die Schleier lüftet, die sonst ihre Zuflucht und ihr Schmuck sind. Daher das innige Vertrauen zu ihrem Manne, Ergebnis einer ausschließlichen Beziehung, die nur zwischen ihr und ihm bestehen kann, ohne daß sie sich alsbald geschändet fühlt; daher die Dankbarkeit dieses Mannes für ein Opfer und die Mischung von Verlangen und Scheu vor einem Wesen, das, auch wenn es seine Lust teilt, ihn doch nur gewähren zu lassen scheint; daher alles, was es
Gesittetes
in unserer
sozialen Ordnung
gibt.«|

Also der liberale philosophische
Franzose Benjamin Constant
! Und nun hören wir den servilen, historischen Deutschen:

»Viel
bedenklicher
ist schon die zweite Beziehung, daß
außer der Ehe
die
Befriedigung dieses Triebes nicht
erlaubt ist! Die
tierische Natur ist dieser Einschränkung zuwider
. Die
vernünftige
Natur ist es noch mehr, weil«... man rate! ... »weil ein Mensch
beinahe allwissend
sein müßte, um vorauszusehen, welchen Erfolg es haben werde, weil es also
Gott versuchen
heißt, wenn man sich verpflichtet, einen der heftigsten Naturtriebe nur dann zu befriedigen, wenn es mit ,einer bestimmten anderen Person geschehen kann!« »Das seiner Natur nach
freie Gefühl des Schönen
soll gebunden und, was von ihm abhängt, soll völlig davon losgerissen werden.«

Seht ihr, in
welche
Schule unsere
Jungdeutschen
gegangen sind!

»Gegen die
bürgerliche
Natur stößt diese Einrichtung insofern an, als ..... endlich die
Polizei
eine
fast kaum zu lösende Aufgabe
übernimmt!«

Ungeschickte Philosophie, keine solche Aufmerksamkeiten gegen die
Polizei
zu handhaben!

»Alles, was in der Folge von den näheren Bestimmungen des Eherechts vorkommen wird, lehrt uns, daß die Ehe, man mag dabei Grundsätze annehmen, welche man will, eine
sehr unvollkommene Einrichtung
bleibt.«

»Diese Einschränkung des Geschlechtstriebs auf die Ehe hat
aber auch
ihre
wichtigen
Vorteile, indem - dadurch gewöhnlich
ansteckende Krankheiten vermieden
werden. Der Regierung erspart die
Ehe
gar viel
Weitläufigkeit.
Endlich tritt dann noch die überall so
wichtige Betrachtung
ein, daß hierin das
Privatrechtliche
nun
schon einmal das einzig-gewöhnliche
ist.« »
Fichte
sagt: Die unverheiratete Person ist nur zur
Hälfte
ein Mensch. Da tut es mir« (sc. Hugo) »aber ordentlich leid, einen solchen schönen Ausspruch, wodurch ja auch ich über Christus, Fénélon, Kant, Hume zu stehen käme, für eine
ungeheure Übertreibung
erklären zu müssen.«

»Was die Mono- und Polygamie betrifft, so kommt es dabei
offenbar
auf die
tierische
Natur des Menschen an«!!

Das Kapitel von der Erziehung

Wir erfahren sogleich:

»Daß die Erziehungskunst gegen die darauf« (sc. Erziehung in der Familie) »sich beziehenden juristischen Verhältnisse nicht weniger einzuwenden hat als die
Kunst zu lieben
gegen die
Ehe
.«

»Die Schwierigkeit daß man nur in einem solchen Verhältnis erziehen darf, ist zwar hier lange nicht so bedenklich wie bei der Befriedigung des Geschlechtstriebes, auch um deswillen, weil es erlaubt ist, die Erziehung vertragsweise einem Dritten zu überlassen, also, wer einen so großen Trieb fühlte, sehr leicht dazu kommen könnte, ihn zu befriedigen, nur freilich nicht gerade an der
bestimmten Person
, die er sich wünschte. Indes ist auch schon dies der Vernunft zuwider, daß jemand, dem gewiß nie ein Kind anvertraut werden würde, kraft eines
solchen Verhältnisses
erziehen und andere von der Erziehung ausschließen darf .« »Endlich tritt dann auch hier ein
Zwang
ein, teils insofern dem Erziehenden im positiven Recht gar oft nicht erlaubt wird, dieses
Verhältnis aufzugeben
, teils insofern der zu Erziehende genötigt ist, sich grade von diesem erziehen zu lassen.« »Die Wirklichkeit dieses Verhältnisses beruht meistens auf dem
bloßen Zufall
der Geburt, welche auf den
Vater
durch die
Ehe
bezogen sein muß. Diese
Entstehungsart
ist offenbar nicht sehr vernünftig, auch um deswillen, weil hier gewöhnlich eine
Vorliebe
eintritt, welche allein schon einer guten Erziehung im Wege steht, und daß sie dann doch nicht durchaus notwendig ist, sieht man daraus, weil ja auch Kinder erzogen werden, deren Eltern bereits gestorben sind.«

Das Kapitel vom Privatrecht

§ 107 werden wir belehrt, daß die »Notwendigkeit des Privatrechts überhaupt eine vermeinte sei«.

Das Kapitel vom Staatsrecht

»Es ist eine
heilige Gewissenspflicht
, der
Obrigkeit zu gehorchen
, welche die
Gewalt
in
Händen
hat.« »Was die
Verteilung der Regierungsgewalt
betrifft, so ist zwar
keine
einzelne Verfassung peremptorisch rechtlich; aber
provisorisch rechtlich
ist
jede
, die
Regierungsgewalt sei verteilt, wie sie wolle
.«

Hat Hugo nicht bewiesen, daß der Mensch auch die
letzte Fessel der Freiheit
abwerfen kann, nämlich die, ein
vernünftiges Wesen
zu sein? Diese wenigen Exzerpte aus dem
philosophischen Manifest der historischen Schule
reichen hin, glauben wir, um ein historisches Urteil über diese Schule an die Stelle unhistorischer Einbildungen, unbestimmter Gemütsträume und absichtlicher Fiktionen zu setzen; sie reichen hin, um zu entscheiden, ob
Hugos Nachfolger
den Beruf haben, die
Gesetzgeber unserer Zeit
zu sein.

Allerdings ist dieser
rohe Stammbaum
der historischen Schule im Laufe der Zeit und der Kultur von dem
Rauchwerke der Mystik
in Nebel gehüllt, von der
Romantik
phantastisch ausgeschnitzelt, von der
Spekulation
inokuliert worden, und die vielen
gelehrten
Früchte hat man vom Baume geschüttelt, getrocknet und prahlerisch in der großen Vorratskammer deutscher Gelehrsamkeit aufgespeichert; allein es gehört wahrlich nur wenig
Kritik
dazu, um hinter all den wohlriechenden modernen Phrasen die schmutzigen alten Einfälle unseres Aufklärers des ancien régime und hinter all der überschwenglichen Salbung seine liederliche Trivialität wiederzuerkennen.

Wenn Hugo sagt: »Das
Tierische
ist das
juristische
Unterscheidungsmerkmal des
Menschen
«, also: das Recht ist
tierisches
Recht, so sagen die gebildeten
Modernen
für das rohe, offenherzige »
tierisch«
etwa »
organisches«
Recht, denn wem fällt beim
Organismus
auch gleich der
tierische Organismus
ein? Wenn Hugo sagt, daß in der
Ehe
und den andern
sittlich-rechtlichen
Institutionen
keine Vernunft
ist, so sagen die
modernen
Herren, diese Institutionen seien zwar
keine Bildungen der menschlichen Vernunft
, aber
Abbilder
einer höhern »
positiven«
Vernunft, und so durch alle übrigen Artikel. Nur
ein
Resultat sprechen
alle
gleich roh aus:
Das Recht der willkürlichen Gewalt
.

Hallers, Stahls, Leos
und der Gleichgesinnten juristische und historische Theorien sind nur als
codices rescripti
des
hugonischen Naturrechts
zu betrachten, die nach einigen Operationen der
kritischen Scheidekunst
den alten
Urtext
wieder leserlich hervortreten lassen, wie wir bei gelegener Zeit weiter dartun wollen.

Um so vergeblicher bleiben alle
Verschönerungskünste
, als wir das alte Manifest
noch besitzen
, das, wenn auch nicht
verständig
, doch immerhin
sehr verständlich ist.