|Korrespondenz-Nachrichten aus Bremen] 


Kirchlicher Streit! 


[„Morgenblatt für gebildete Leser“ 
Nr. 13 vom 15. Januar 1841] 


Bremen, Januar 


Mit dem alten Jahre lassen sich die Akten unseres kirchlichen Streites 
so ziemlich schließen. Wenigstens haben die jetzt noch zu erwartenden 
Streitschriften nicht mehr auf die Teilnahme im Publikum zu rechnen, 
deren sich die frühern erfreuten; es wird nicht mehr vorkommen, daß 
mehrere Auflagen in einer Woche vergriffen werden. Und auf einen solchen 
Anteil des Volks kommt es bei dergleichen Streitigkeiten doch hauptsäch- 
lich an; ein rein wissenschaftliches Interesse darf eine Frage nicht an- 
sprechen, die nur auf dem Boden von wissenschaftlich längst abgefertisten 
Richtungen Geltung hat. - Pastor Paniel rechtfertigte das verzögerte Er- 
scheinen seiner Schrift gegen Krummachers „Theologische Replik“ [1971 
durch den Umfang derselben. Mit zehn Bogen rückt er seinem Gegner zu 
Leibe. In der Vorrede erklärt er, auf etwaige fernere Angriffe durch eine 
Geschichte des Pietismus antworten und darin beweisen zu wollen, daß 
diese Richtung ihre Quelle im Heidentum habe. Das müßte freilich eine 
Quelle & la Arethusa sein, die lange unter der Erde fortgelaufen, ehe sie auf 
christlichem Boden zum Vorschein gekommen. Im übrigen übt er gegen 
seinen Ängreifer das Recht der Retorsion, indem er ihm, abgesehen von 
den Vorwürfen, die dem Pietismus gewöhnlich gemacht werden, fast jedes 
feindselige Wort gewissenhaft zurückgibt. Auf diese Weise reduziert sich 
der ganze Kampf am Ende auf eine Wortklauberei; halbwahre Behaup- 
tungen fliegen wie Spielbälle herüber und hinüber, und es käme in letzter 
Instanz nur auf eine Begriffsbestimmung an, die denn doch wohl vor dem 


1 Vgl. vorl. Band, S. 94-95 und 99-101 


Kirchlicher Streit 133 


Streite hätte aufgestellt werden müssen. In diese Lage wird sich aber der 
Rationalismus der Orthodoxie gegenüber immer versetzt finden. Er hat 
dies seiner schwankenden Stellung zu danken, in der er bald als neue 
Entwicklung des christlichen Geistes, bald als dessen ursprüngliche Form 
gelten will, und in beiden Fällen die biblischen Schlagwörter der Ortho- 
doxie - nur mit veränderter Bedeutung - zu den seinigen macht. Er ist 
nicht ehrlich gegen sich selbst und gegen die Bibel; die Begriffe Offenbarung, 
Erlösung, Inspiration haben in seinem Munde eine höchst unbestimmte und 
schielende Fassung. - Die verstandesmäßige Trockenheit des Rationalismus 
hat in Paniel eine seltene Höhe erreicht. Mit einer abschreckenden, mehr 
Wolfschen als Kantischen Logik setzt er seinen höchsten Ruhm darein, alle 
Gliederungen seines Werks recht grell hervorspringen zu lassen. Seine 
Ausführungen sind nicht das lebendige Fleisch, mit dem er das logische 
Gerippe umkleidet, sie sind in weichlicher Sentimentalität getränkte Lap- 
pen, die er an den vorragenden Ecken des Kirchengerüstes zum Trocknen 
aufhängt. Dann jene wäßrigen Exkurse, an denen man trotz der orthodoxe- 
sten Stichwörter den Rationalisten überall erkennt, liebt Paniel ebenfalls 
sehr; nur weiß er sie nicht mit der Verstandesdürre zu verschmelzen und 
sieht sich oft genötigt, den schönsten Phrasenstrom durch ein Erstens, 
Zweitens und Drittens zu unterbrechen. Es ist aber nichts widerwärtiger, 
als diese ohnehin geschmacklose Weichlichkeit, wenn sie systematisch auf- 
tritt. Das Interessanteste des ganzen Buchs sind die Auszüge aus Krum- 
macherschen Schriften, aus denen die krasse Denkart dieses Mannes in 
ihrer ganzen Schärfe hervorleuchtet. - Die Entschiedenheit, mit der der 
Rationalismus hier auftrat, veranlaßte die Prediger der Gegenpartei zu einer 
Gesamterklärung, die in einer Broschüre niedergelegt und von zweiund- 
zwanzig Predigern unterzeichnet wurde.? Sie enthält die Grundsätze der 
Orthodoxie in zusammenhängender Darstellung und mit halbversteckter 
Bezugnahme auf die Tatsachen des schwebenden Streites. Eine beabsichtigte 
Erklärung der sieben rationalistischen Prediger unterblieb. Man würde 
indes sehr irren, wollte man nach dem Verhältnis der Predigerzahl auch das 
Verhältnis der Parteien im Publikum schätzen. 


/ [„Morgenblatt für gebildete Leser“ 
Nr. 14 vom 16. Januar 1841] 
Bremen, Januar 


Die große Mehrzahl der pietistischen Prediger wird durch die Pfarrer 
des Gebietes gebildet, denen teils ein temporäres Überwiegen ihrer Partei, 


134 Korrespondenz-Nachrichten aus Bremen 


teils ein gelinder Nepotismus ihre Stellen verschafft hat. Im Gegenteil 
halten im Publikum die Rationalisten der Zahl nach den Pietisten wenig- 
stens die Waage, und es fehlte ihnen nur ein energischer Vertreter, um 
ihnen das Bewußtsein ihrer Stellung zu geben. In dieser Hinsicht ist Paniel 
von unberechenbarem Werte für seine Anhänger; er besitzt Mut, Ent- 
schiedenheit und in mancher Hinsicht auch Gelehrsamkeit genug, und es 
fehlt ihm nur an rhetorischem und Schriftstellertalent, um Bedeutendes zu 
wirken. Seitdem sind mehrere, meist anonyme Schriftchen erschienen, die 
aber alle ohne Einfluß auf die Stimmung des Publikums blieben; vor weni- 
gen lagen kam ein Bogen „Unpietistische Reime“ heraus, der seinem Ver- 
fasser indes keine besondere Ehre macht, und nur der Merkwürdigkeit 
wegen erwähnt werden muß. Vom Hauptstimmführer der bremischen 
Pietisten, dem talentvollen Prediger F.L. Mallet, ist eine Schrift in Aussicht 
gestellt: „Dr. Paniel und die Bibel“ !%%!; doch wird auch diese kaum auf Be- 
achtung von seiten der Gegenpartei rechnen dürfen, und so kann man den 
Kampf für beendigt annehmen, und die Tatsachen als abgeschlossen unter 
einem allgemeinen Gesichtspunkte zusammenfassen. - Man muß gestehen, 
daß der Pietismus sich diesmal mit mehr Geschicklichkeit benommen hat 
als sein Gegner. Er hatte übrigens auch manches voraus gegen den Ratio- 
nalismus, eine zweitausendjährige Autorität und eine, wenn auch einseitige, 
wissenschaftliche Ausbildung durch die neuern orthodoxen und halb- 
orthodoxen Theologen, während der Rationalismus in seiner schönsten 
Entwicklung zwischen zwei Feuer genommen, von Tholuck und Hegel zu- 
gleich angegriffen wurde. Der Rationalismus ist nie klar gewesen über seine 
Stellung zur Bibel; die unglückliche Halbheit, die anfangs entschieden 
offenbarungsgläubig erschien, aber bei weitern Konsequenzen die Göttlich- 
keit der Bibel so restringierte, daß fast nichts davon übrigblieb, dieses 
Schwanken setzt den Rationalismus jedesmal in Nachteil, sobald es sich 
um biblische Begründung von Lehrsätzen handelt. Warum die Vernunft 
preisen und doch keine Autonomie proklamieren? Denn wo von beiden 
Seiten die Bibel als gemeinsame Basis anerkannt wird, da hat der Pietismus 
immer recht. Aber außerdem war auf seiten des Pietismus diesmal auch das 
Talent. Ein Krummacher wird im einzelnen manche Geschmacklosigkeit 
vorbringen, nie aber sich ganze Seiten lang in so nichtssagenden Redens- 
arten umdrehen können, wie Paniel tut. Das Beste, was von rationalistischer 
Seite geschrieben wurde, waren „Die Verfluchungen“, als deren Verfasser 
sich W.E. Weber bekannte. G.Schwab sagte einmal von Strauß, er zeichne 
sich vor dem großen Haufen der Gegner des Positiven durch einen emp- 
fänglichen Sinn für das Schöne in jeder Gestaltung aus. Durch dieselbe 


- Verhältnis zur Literatur - Musik 135 


Bezeichnung möchte ich Weber aus dem rationalistischen Vulgus hervor- 
heben. Er hat durch eine seltene Kenntnis der griechischen und deutschen 
Klassiker seinen Horizont erweitert, und kann man auch seinen Behaup- 
tungen, namentlich den dogmatischen, nicht immer beistimmen, so muß die 
freie Gesinnung und die edle, kräftige Diktion doch stets Anerkennung fin- 
den. Einer kürzlich erschienenen Gegenschrift gehenalle diese Eigenschaften 
ab. Eine eben hier ankommende Schrift: „Paulus in Bremen“ °], ist nicht 
ohne Witz geschrieben und enthält pikante Seitenhiebe auf politische und 
soziale Zustände Bremens, schließt aber ebensowenig etwas ab, als die 
bereits erwähnten. - Für Bremen speziell war dieser Streit von großer Be- 
deutung. Die Parteien standen sich gedankenlos gegenüber, ohne daß es 
weiter als zu kleinlichen Häkeleien kam. Der Pietismus ging seinen eigenen 
Zwecken nach, während der Rationalismus sich um ihn nicht kümmerte 
und eben deshalb manche schiefe Vorstellung von ihm hatte. Im Mini- 
‚sterium, das heißt der gesetzlichen Versammlung aller reformierten und 
unierten Prediger der Stadt, war bisher der Rationalismus. nur durch zwei 
und noch dazu sehr schüchterne Mitglieder vertreten; Paniel trat gleich 
nach seiner Ankunft entschiedener auf, und man hörte schon von Miß- 
helligkeiten im Ministerium. Jetzt, seitdem durch Krummacher der Streit 
angefacht wurde, weiß jede Partei, woran sie ist. Der Pietismus wußte längst, 
daß sein Autoritätsprinzip mit der Basis des Rationalismus, der Vernunft, 
nicht in Übereinstimmung zu bringen war, und sah in dieser Richtung 
schon bei ihrem Emporkeimen mit Recht einen Abfall von dem altortho- 
doxen Christentum. Jetzt hat auch der Rationalist eingesehen, daß seine 
Überzeugung nicht durch eine andere Exegese vom Pietismus getrennt ist, 
sondern in geradem Gegensatze zu ihm steht. Jetzt erst, nun die Parteien 
sich gegenseitig erkennen, kann die Vereinigung auf einem höhern Stand- 
punkte geschehen, und im Hinblick darauf die Zukunft ruhig abgewartet 
werden. | 


Verhältnis zur Literatur : Musik 


[„Morgenblatt für gebildete Leser“ 
Nr. 15 vom 18. Januar 1841] 
Bremen, Januar 


Es scheint, als sollten die Hansestädte jetzt mit Gewalt in den Strom 
der Literatur gerissen werden. Seit Beurmanns „Skizzen“ häufen sich die 
Besprechungen über diesen allerdings interessanten Stoff. Beurmann selbst 


136 Korrespondenz-Nachrichten aus Bremen 


hat in „Deutschland und die Deutschen“ den drei freien Seestädten be- 
deutenden Raum gewidmet. Der „Freihafen“ brachte Soltwedels „Han- 
seatische Briefe“. Hamburg steht schon seit längerer Zeit in mancher Be- 
ziehung zur deutschen Literatur; Lübeck liegt etwas zu sehr abseiten und 
hat auch materiell seine Blütezeit längst hinter sich; doch will A. Soltwedel 
jetzt dort auch ein Journal begründen. Bremen sieht die Literatur mit arg- 
wöhnischen Blicken an, weil es kein ganz reines Gewissen gegen sie hat und 
gewöhnlich nicht aufs Sanfteste von ihr berührt wird. Und doch läßt sich 
nicht leugnen, daß Bremen durch seine Lage und seine politischen Ver- 
hältnisse zu einem Mittelpunkte für die Bildung des nordwestlichen 
Deutschlands mehr als jede andere Stadt sich eignet. Gelänge es nur, zwei 
oder drei tüchtige Literaten hierher zu ziehen, so könnte hier ein Journal 
begründet werden, das den größten Einfluß auf die Kulturentwicklung 
Norddeutschlands hätte. Die Buchhändler Bremens haben Unternehmungs- 
geist. genug, und ich habe es von mehreren schon aussprechen hören, daß 


sie cern die nöticen Fonds hereehben und den wahrscheinlichen Schaden 
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Jahrgänge tragen wollten. 

Die beste Seite Bremens ist die Musik. Es wird in wenig Städten Deutsch- 
lands so viel und so gut musiziert wie hier. Eine verhältnismäßig sehr große 
Anzahl von Gesangvereinen hat sich gebildet, und die häufigen Konzerte 
sind immer stark besucht. Dabei hat sich der musikalische Geschmack 
fast ganz rein erhalten; die deutschen Klassiker, Händel, Mozart, Beet- 
hoven, von den neuern Mendelssohn-Bartholdy und die besten Lieder- 
komponisten behaupten entschieden das Übergewicht. Die neufranzösische 
und neuitalienische Schule haben fast nur unter den jungen Comptoiristen 
ein Publikum. Es wäre nur zu wünschen, daß Sebastian Bach, Gluck und 
Haydn weniger zurückgesetzt würden. Dabei werden neuere Erscheinun- 
gen keineswegs abgewiesen, im Gegenteil möchten wenig Orte sein, wo die 
Produktionen junger deutscher Komponisten so bereitwillig aufgeführt 
würden wie hier. Auch fanden sich hier immer Namen, die in der musi- 
kalischen Welt vorteilhaft bekannt sind. Der talentvolle Liederkomponist 
Stegmayer dirigierte mehrere Jahre das Orchester unsers "Theaters; an seine 
Stelle ist Koßmaly getreten, der sich teils durch Kompositionen, teils durch 
Artikel, die er meistens in Schumanns „Neuer Zeitschrift für Musik“ ab- 
drucken läßt, manche Freunde verschafft haben wird. Riem, der die Sing- 
akademie und die meisten Konzerte dirigiert, ist ebenfalls ein anerkannter 
Komponist. Riem ist ein llebenswürdiger Greis mit jugendlicher, hinreißen- 
der Begeisterung im Herzen; niemand versteht wie er, Sänger und Instru- 
mentalisten zu lebendigem Vortrag zu entflammen. 


Plattdeutsch 137 


Plattdeutsch 


[„Morgenblatt für gebildete Leser“ 
Nr. 16 vom 19. Januar 1841] 


Bremen, Januar 


Was dem Fremden hier zuerst auffällt, ist der Gebrauch der platt- 
deutschen Sprache, selbst in den angesehensten Familien. Sowie der Bremer 
herzlich und vertraulich wird, spricht er plattdeutsch, ja er klebt so sehr 
an diesem Dialekt, daß er ihn über den Ozean trägt. Auf der Lonja! von 
Havanna wird ebensoviel Bremer Plattdeutsch gesprochen wie Spanisch. 
Ich kenne Leute, die in New York und Veracruz von den dort sehr zahl- 
reichen Bremern den Dialekt ihrer Vaterstadt vollkommen erlernt haben. 
Es sind aber auch noch nicht dreihundert Jahre, daß das Hochdeutsche zur 
offiziellen Sprache erklärt wurde; die Grundgesetze der Stadt, Tafel und 
neue Eintracht !, sind in niederdeutscher Sprache abgefaßt, und die ersten 
Laute, die der Säugling hier nachsprechen lernt, sind plattdeutsch. Selten 
beginnt ein Kind vor dem vierten oder fünften Jahre hochdeutsch zu 
sprechen. Die Bauern des Gebiets lernen es nie und zwingen dadurch die 
Gerichte sehr häufig, plattdeutsch zu verhandeln und hochdeutsch zu 
protokollieren. Übrigens wird das Niedersächsische hier noch immer ganz 
rein gesprochen und hat sich ganz und gar von der Vermischung mit hoch- 
deutschen Formen freigehalten, welche den hessischen und rheinischen 
Dialekt entstellt. Der nordhannöversche Dialekt hat einzelne Archaismen 
vor dem Bremer voraus, leidet aber desto mehr an mannigfaltigen lokalen 
Färbungen; der westfälische hat sich in einer entsetzlichen Breite der 
Diphthonge verloren, während westlich von der Weser der Übergang ins 
Friesische beginnt. Man kann die Bremer Mundart getrost als die unver- 
mischteste Fortentwicklung der alten niedersächsischen Schriftsprache an- 
sehen; die Volkssprache hat sogar noch soviel Bewußtsein, daß sie hoch- 
‚deutsche Wörter nach den Lautgesetzen des Niedersächsischen fortwährend 
umwandelt und in sich aufnimmt, eine Fähigkeit, deren sich nur wenig 
niedersächsische Volksmundarten noch jetzt zu erfreuen haben. Die Sprache 
des „Reineke Vos“ [#9] hat vor dem gegenwärtigen Dialekt fast nur vollere, 
jetzt kontrahierte Formen voraus, während die Wortstämme, bis auf wenige 
Ausnahmen, noch immer ihr Leben behauptet haben. Die Sprachforscher 
haben darum auch ganz recht getan, wenn sie das „Bremische Wörter- 


1 Börse 


138 Korrespondenz-Nachrichten aus Bremen 


buch“ in lexikalischer Hinsicht als Durchschnittssumme der jetzigen nieder- 
sächsischen Volksidiome ansahen, und eine Grammatik des bremischen 
Dialekts, mit Rücksichtnahme auf die Mundarten zwischen Weser und 
Elbe, würde eine sehr verdienstliche Arbeit sein. Mehrere hiesige Gelehrte 
haben Interesse für das Plattdeutsche gezeigt, und es wäre sehr zu wünschen, 
daß einer von ihnen sich dieser Arbeit unterzöge.