Immermanns ‚ Memorabilien“ 
Erster Band. Hamburg, Hoffmann und Campe. 1840 


[„Telegraph für Deutschland“ 
| Nr.53, April 1841] 

Die Nachricht vom Tode Immermanns war ein harter Schlag für uns 
Rheinländer, nicht allein wegen der poetischen, sondern auch wegen der 
persönlichen Bedeutung dieses Mannes, obwohl die letztere noch mehr als 
die erstere erst recht sich zu entwickeln begann. Er stand in einem eigenen 
Verhältnisse zu den jüngern literarischen Kräften, die neuerdings am 
Rheine und in Westfalen erstanden sind; denn in literarischer Hinsicht ge- 
hören Westfalen und der Niederrhein zusammen, so scharf sie in politischer 
sich bisher geschieden haben; wie denn auch das „Rheinische Jahrbuch“ 
für Autoren beider Provinzen einen gemeinsamen Mittelpunkt abgibt. Je 
mehr der Rhein bisher sich der Literatur ferngehalten hatte, desto mehr 
suchten jetzt rheinische Poeten sich als Vertreter ihrer Heimat hinzustellen 
und wirkten so zwar nicht nach einem Plane, aber doch auf ein Ziel hin. 
Ein solches Streben bleibt selten ohne das Zentrum einer starken Persön- 
lichkeit, der sich die Jüngern unterordnen, ohne ihrer Selbständigkeit etwas 
zu vergeben, und dieses Zentrum schien für die rheinischen Dichter Immer- 
mann werden zu wollen. Er war, trotz mancher Vorurteile gegen die Rhein- 
länder, doch allmählich unter ihnen naturalisiert, er hatte seine Versöhnung 
mit der literarischen Gegenwart, der die Jüngern alle angehörten, offen voll- 
zogen, ein neuer, frischerer Geist war über ihn gekommen, und seine Pro- 
duktionen fanden immer mehr Anerkennung. So wurde auch der Kreis 
junger Dichter, die sich um ihn zusammenfanden und aus der Nachbar- 
schaft zu ihm herüberkamen, immer größer; wie oft klappte z.B. nicht 
Freiligrath, als er in Barmen noch Fakturen schrieb und Conti Correnti 
rechnete, Memorial und Hauptbuch zu, um einen oder ein paar Tage in 
Immermanns und der Düsseldorfer Maler Gesellschaft zuzubringen! So 
kam es, daß) Immermann in den 'Träumen von einer rheinisch-westfälischen 


142 Immermanns „Memorabilien“ 


Dichterschule, die hier und da auftauchten, einen wichtigen Platz einnahm; 
er war, ehe Freiligraths Ruhm reifte, der vermittelnde Übergang von der 
provinziellen zur gemeinsam deutschen Literatur. Wer ein Auge hat für 
solche Beziehungen und Verknüpfungen, dem ist dies Verhältnis längst 
kein Geheimnis mehr gewesen; vor einem Jahre deutete unter andern 
Reinhold Köstlin in der „Europa“ darauf hin, wie Immermann der Stel- 
lung entgegenreife, die Goethe in seinen spätern Jahren einnahm!”!. Der 
Tod hat alle diese Zukunftsträume und Hoffnungen zerrissen. 

Wenige Wochen nach dem Tode Immermanns erschienen seine „Me- 
morabilien“. War er, im kräftigsten Mannesalter, schon reif genug, um 

seine eigenen Denkwürdigkeiten zu schreiben? Sein Schicksal bejaht, sein 

Buch verneint es. Aber wir haben auch die „Memorabilien“ nicht als den 
Abschluß eines Greises, der seine Laufbahn dadurch für geschlossen er- 
klärt, mit dem Leben anzusehen; Immermann rechnete vielmehr nur mit 
einer frühern, mit der exklusiv romantischen Periode seiner Tätigkeit ab, 
und so waltet freilich ein anderer Geist über diesem Buche als über den 
Werken jener Periode. Dazu waren die hier geschilderten Ereignisse durch 
den mächtigen Umschwung des letzten Dezenniums so fern gerückt, daß 
sie sogar Ihm, ihrem Zeitgenossen, als historisch abgetan erschienen. Und 
dennoch glaub’ ich behaupten zu dürfen, daß Immermann nach zehn Jahren 
die Gegenwart und ihre Stellung zu. der Angel seines Werks, dem Befreiungs- 
kriege, höher, freier gefaßt hätte. Vorläufig gilt es jedoch, die „Memorabi- 
lien“ so zu betrachten, wie sie einmal sind. | 

Hatte der frühere Romantiker in den „Epigonen“ schon den höhern 
Standpunkt Goethescher Plastik und Ruhe angestrebt, ruhte der „Münch- 
hausen“ bereits ganz auf der Basis moderner Dichtungsweise, so zeigt sein 
nachgelassenes Werk noch klarer, wie sehr Immermann die neuesten 
literarischen Entwickelungen zu würdigen wußte. Der Stil und mit ihm 
die Form der Anschauung sind ganz modern; nur der durchdachtere Ge- 
halt, die strengere Gliederung, die scharfgeprägte Charaktereigentümlich- 
keit und die, wenn auch ziemlich verschleierte, antimoderne Gesinnung des 
Verfassers scheiden dieses Buch aus der Masse von Schilderungen, Charak- 
teren, Denkwürdigkeiten, Besprechungen, Situationen, Zuständen usw., 
von denen heuer unsere nach gesunder poetischer Lebensluft schmachtende 
Literatur eingedunstet wird. Dabei hat Immermann Takt genug, um selten 
Gegenstände vor das Forum der Reflexion zu bringen, die ein anderes 
Tribunal ansprechen dürfen als das des baren Verstandes. 

Der: vorliegende erste Band findet seinen Stoff in „der Jugend vor fünf- 
undzwanzig Jahren“ und den sie beherrschenden Einflüssen. Ein „Avis- 


Immermanns „Memorabilien“ 143 


brief“ leitet ihn ein, in dem der Charakter des Ganzen aufs treueste dar- 
gelegt ist. Auf der einen Seite moderner Stil, moderne Schlagwörter, ja 
moderne Prinzipien, auf der andern Eigentümlichkeiten des Autors, deren 
Bedeutung für einen weitern Kreis längst abgestorben ist. Immermann 
schreibt für moderne Deutsche, wie er mit ziemlich dürren Worten sagt, 
für solche, die den Extremen des Deutschtums und des Kosmopolitismus 
gleich fernstehen; die Nation faßt er ganz modern auf und stellt Prämissen 
hin, die konsequent auf Selbstherrschaft als Bestimmung des Volks führen 
würden; er spricht sich entschieden gegen den „Mangel an Selbstvertrauen, 
die Wut zu dienen und sich wegzuwerfen“ 8°! aus, an der die Deutschen 
kranken. Und doch steht daneben eine Vorliebe für das Preußentum, die 
Immermann nur auf sehr schwache Gründe stützen kann, eine so frostige, 
gleichgültige Erwähnung der konstitutionellen Bestrebungen in Deutsch- 
land, die nur zu deutlich zeigt, daß Immermann die Einheit des modernen 
geistigen Lebens noch keineswegs erfaßt hatte. Man sieht es deutlich, wie 
ihm der Begriff des Modernen gar nicht zusagen will, weil er sich gegen 
manche Faktoren desselben sträubt, und wie er diesen Begriff doch wieder 
nicht von der Hand weisen kann. 

Mit „Knabenerinnerungen“ beginnt das eigentliche Memoire. ne 
mann hält sein Versprechen, nur die Momente zu erzählen, wo „die Ge- 
schichte ihren Durchzug durch ihn gehalten“ °), Mit dem Bewußtsein des 
Knaben wachsen die Weltbegebenheiten, steigert sich der kolossale Bau, 
von dessen Sturz er Zeuge sein sollte; anfangs in der Ferne tosend, brechen 
die Wogen der Geschichte in der Schlacht bei Jena den Damm Nord- 
deutschlands, strömen über das selbstzufriedene Preußen hin, das „Apres 
moi le deluge“! des großen Königs!”! nun auch Speziell für seinen Staat 
bewahrheitend, und überfluten gleich zuerst Immermanns Vaterstadt, 
Magdeburg. Dieser Teil ist der beste des Buches; Immermann ist stärker 
in der Erzählung als in der Reflexion, und es ist ihm vortrefflich gelungen, 
die Spiegelung der Weltbegebenheiten in der einzelnen Brust aufzufassen. 
Dazu ist grade hier der Punkt, von dem an er sich dem Fortschritte, freilich 
nur vorläufig, unumwunden anschließt. Ihm ist, wie allen Freiwilligen von 
1813, das Preußen vor 1806 das ancien régime dieses Staates, aber auch, was 
jetzt weniger zugegeben wird, Preußen nach 1806 das durch und durch 
wiedergeborne, die neue Ordnung der Dinge. Mit der Wiedergeburt Preu- 
Bens ist es aber eine eigne Sache. Die erste Wiedergeburt durch den großen 
Friedrich ist bei Gelegenheit des vorigjährigen Jubiläums so gepriesen 


1 ‚Nach mir die Sintflut“ 


144 Immermanns „Memorabilien“ 


worden, daß man nicht begreift, wie ein zwanzigjähriges Interregnum schon 
wieder eine zweite nötig machen konnte.!”'! Und dann will man behaupten, 
daß trotz der zweimaligen Feuertaufe der alte Adam neuerdings wieder 
starke Lebenszeichen von sich gegeben habe. In dem vorliegenden Ab- 
schnitte verschont uns Immermann jedoch mit Anpreisungen des Status 
quo, und so wird sich erst im Verlaufe dieser Zeilen näher herausstellen, 
wo Immermanns Weg sich von dem der Neuzeit trennt. 


Pils für Deutschland“ 
Nr.54, April 1841] 


„Die Jugend wird, bis sie in das öffentliche Leben eintritt, erzogen durch die 
Familie, durch die Lehre, durch die Literatur. Als viertes Erziehungsmittel trat für die 
Generation, welche wir betrachten, noch der Despotismus hinzu. Die Familie hegt 
und pflegt sie, die Lehre isoliert sie, die Literatur führt sie wieder ins Weite; uns gab 
der Despotismus die Anfänge des Charakters.“ 1°? 


Nach diesem Schema ist der reflektive Teil des Buches eingerichtet, und 
man wird ihm schwerlich seinen Beifall versagen können, da es den großen 
Vorteil hat, den Entwicklungsgang des Bewußtseins in der Zeitfolge seiner 
Stufen aufzufassen. - Der Abschnitt über die Familie ist ganz ausgezeich- 
net, solange er bei der alten Familie stehenbleibt, und es ist nur zu bedauern, 
daß Immermann sich nicht mehr bemüht hat, Licht- und Schattenpartien 
zu einem Ganzen zu verbinden. Die Bemerkungen, die er hier gibt, sind 
alle im höchsten Grade treffend. Dagegen zeigt seine Auffassung der neuern 
Familie wieder, daß er die alte Befangenheit und Verstimmung gegen die 
Erscheinungen des letzten Jahrzehends noch immer nicht losgeworden war. 
Allerdings weicht das „altväterische Behagen“, die Zufriedenheit mit dem 
heimischen Herde immer mehr einer Mißstimmung, einem Ungenügen an 
den Genüssen des Familienlebens; aber dagegen verliert sich auch die 
Philisterei der Hausväterlichkeit, der Glorienschein um die Schlafmütze 
immer mehr, und die Gründe der Mißstimmung, die Immermann fast alle 
ganz richtig und nur zu grell hervorhebt, sind eben Symptome einer noch 
ringenden, nicht abgeschlossenen Epoche. Das Zeitalter vor der Fremdherr- 
schaft war abgeschlossen und trug als solches den Stempel der Ruhe - aber 
auch der Untätigkeit und schleppte sich mit dem Keim des Verfalls. Unser 
Autor hätte ganz kurz sagen können: die neuere Familie kann sich darum 
einer gewissen Unbehaglichkeit nicht erwehren, weil neue Ansprüche an 
sie gemacht werden, die sie mit ihren eignen Rechten noch nicht zu ver- 
einigen weiß. Die Gesellschaft ist, wie Immermann zugibt, eine andere ge- 
worden, das öffentliche Leben ist als ganz neues Moment hinzugetreten, 


Immermanns „Memorabilien“ 145 


Literatur, Politik, Wissenschaft, alles das dringt jetzt tiefer in die Familie 
ein, und diese hat ihre Mühe, alle die fremden Gäste unterzubringen. Da 
liegt’s! Die Familie ist noch zu sehr nach dem alten Stil, um sich mit den 
Eindringlingen recht zu verständigen und auf guten Fuß zu setzen, und 
hier gibt es allerdings eine Regeneration der Familie; der leidige Prozeß 
muß nun einmal durchgemacht werden, und mir deucht, die alte Familie 
hätte ihn wohl nötig. Übrigens hat Immermann die moderne Familie grade 
in dem beweglichsten, modernen Einflüssen am meisten zugänglichen Teile 
Deutschlands, am Rhein, studiert, und hier ist denn das Mißbehagen eines 
Übergangsprozesses am deutlichsten zutage getreten. In den Provinzial- 
städten des innern Deutschlands lebt und webt die alte Familie noch fort 
unter dem Schatten des alleinseligmachenden Schlafrocks, steht die Gesell- 
schaft noch auf dem Fuße von Anno 1799, und wird öffentliches Leben, 
Literatur, Wissenschaft mit aller Ruhe und Bedächtigkeit abgefertigt, ohne 
daß sich jemand in seinem Schlendrian stören ließe. - Zum Belege des über 
die alte Familie Beigebrachten gibt der Verfasser noch „pädagogische Anek- 
doten“ und schließt dann mit dem „Oheim“, einem Charakterbilde aus der 
alten Zeit, den erzählenden Teil des Buches ab. Die Erziehung, die der 
heranwachsenden Generation von der Familie wird, ist abgeschlossen; die 
Jugend wirft sich der Lehre und Literatur in die Arme. Hier beginnen die 
weniger gelungenen Partien des Buches. In betreff der Lehre wurde Immer- 
mann zu einer Zeit von ihr berührt, wo die Seele aller Wissenschaft, die 
Philosophie, und die Basis dessen, was der Jugend geboten wurde, die 
Kenntnis des Altertums, in einem windschnellen Umschwunge begriffen 
waren, und Immermann hatte nicht den Vorteil, diesen Umschwung bis zu 
seinem Ziele lernend mitmachen zu können.-Als es zum Abschluß kam, war 
er der Schule längst entwachsen. Auch sagt er vorläufig wenig mehr, als daß 
die Lehre jener Jahre eng gewesen sei, und holt die eingreifendsten Hebel 
der Zeit in gesonderten Artikeln nach. Bei Gelegenheit Fichtes gibt er Philo- 
sophisches zum besten, was unsern Herrn vom Begriff seltsam genug vor- 
kommen mag. Er läßt sich hier zu geistreichen Räsonnements über eine 
Sache verleiten, die zu durchschauen ein geistreiches und poetisches Auge 
nicht hinreicht. Wie werden unsere strikten Hegelianer schaudern, wenn sie 
lesen, wie hier die Geschichte der Philosophie auf drei Seiten dargestellt 
wird! Und es muß zugestanden werden, daß nicht leicht dilettantischer über 
Philosophie gesprochen werden kann, als es hier geschieht. Gleich der erste 
Satz, daß die Philosophie immer zwischen zwei Punkten oszilliere, entweder 
im Ding oder im Ich das Gewisse aufsuche, ist offenbar der Folge des 
Fichteschen Ich auf das Kantsche „Ding an sich“ zu Gefallen geschrieben 


10 Marz/Engels, Werke, EB2 


146 Immermanns „Memorabilien" 


worden und läßt sich zur Not auf Scheiling, keinenfalls aber auf Hegel an- 
wenden. —- Sokrates wird die Inkarnation des Denkens genannt und ihm 
eben deshalb die Fähigkeit, ein System zu haben, abgesprochen; in ihm sei 
die reine Doktrin mit einem unbefangenen Eingehen in die Empirie ver- 
einigt gewesen, und weil dieser Bund über den Begriff hinausging, habe 
er nur als Persönlichkeit, nicht als Lehre sich manifestieren können. Sind 
das nicht Sätze, die ein unter Hegelschen Einflüssen herangewachsenes Ge- 
schlecht in die größte Verwirrung bringen müssen? Hört da nicht alle Philoso- 
phie auf, wo die Übereinstimmung des Denkens und der Empirie „über den 
Begriff hinausgeht“ ? Welche Logik hält da stand, wo die Systemlosigkeit der 
„Inkarnation des Denkens“ als notwendiges Attribut beigelegt wird? 

Doch warum Immermann auf ein Gebiet verfolgen, das er selbst nur 
durchfliegen wollte? Genug, ebensowenig er mit den Philosophemen frühe- 
rer Jahrhunderte fertig werden kann, ebensowenig weiß er Fichtes Philo- 
sophie mit seiner Persönlichkeit z De, DB EEN ut erden Charak- 


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ahn wieder ganz vortrefflich. Diese Char akterbilder werfen 
die wirkenden Kräfte und Ideen, in deren Bereich die damalige Jugend 
stand, als lange Auseinandersetzungen. Auch da, wo die Literatur das 
Thema bildet, lesen wir die Darlegung des Verhältnisses, in das sich die 
„Jugend vor fünfundzwanzig Jahren“ zu den großen Dichtern stellte, weit 
_ hieber als die schwach begründete Beweisführung, daß die deutsche Litera- 
tur vor allen ihren Schwestern einen modernen, nichtromantischen Ur- 
sprung hat. Es wird immer gezwungen erscheinen, wenn man Corneille aus 
romantisch-mittelalterlicher Wurzel aufsprießen läßt und von Shakespeare 
mehr als den rohen Stoff, den er vorfand, dem Mittelalter zuweisen will. 
Spricht hier vielleicht das nicht ganz reine Gewissen des ehemaligen Ro- 
mantikers, das den Vorwurf eines fortwährenden Kryptoromantizismus 
zurückweisen will? 

Auch der Abschnitt über den Despatisnnie, nämlich den nasdles len: 
wird nicht gefallen. Die Heinesche Napoleonsanbetung ist dem Volks- 
bewußtsein fremd, aber dennoch wird es niemandem zusagen, daß Immer- 
mann, der hier die Unparteilichkeit des Historikers in Anspruch nimmt, als 
beleidigter Preuße spricht. Er hat es wohl gefühlt, daß hier ein Hinausgehen 
über den national-deutschen und besonders den preußischen Standpunkt 
nötig sei; darum hält er sich im Stil möglichst vorsichtig, paßt die Gesin- 
nung dem Miodernen so nah wie möglich an und wagt sich nur an Kleinig- 
keiten und Nebensachen. Allmählich wird er aber kühner, gesteht, daß es 
ihm nicht recht eingehen wolle, wie Napoleon zu den großen Männern 


anal 


Immermanns „Memorabilien“ 147 


gerechnet werde, stellt ein vollständiges System des Despotismus auf und 
zeigt, daß Napoleon in diesem Handwerke ein ziemlicher Stümper und 
Böhnhase gewesen sei. Das ist aber nicht der rechte Weg, große Männer 
zu begreifen. 

So stellt sich Immermann - abgesehen von einzelnen Gedanken, die 
seiner Überzeugung vorausgeeilt sind - allerdings in der Hauptsache dem 
modernen Bewußtsein fern. Aber dennoch läßt er sich nicht in eine jener 
Parteien einrangieren, in die man Deutschlands geistigen Status quo zuteilen 
pflegt. Die Richtung, der er am nächsten zu stehen scheint, die Deutsch- 
tümelei, weister ausdrücklich ab. Der bekannte Immermannsche Dualismus 
äußerte sich in der Gesinnung als Preußentum einerseits, als Romantik 
andererseits. Das erstere verlief sich aber allmählich, besonders für den Be- 
amten, in die nüchternste, maschinenmäßigste Prosa, die letztere in eine 
bodenlose Überschwenglichkeit. Solange Immermann auf diesem Punkte 
stehenblieb, konnte er sich keine rechte Anerkennung erringen und mußte 
mehr und mehr einsehen, daß diese Richtungen nicht nur polare Gegen- 
sätze waren, sondern auch das Herz der Nation immer gleichgültiger ließen. 

Endlich wagte er einen poetischen Fortschritt und schrieb die „Epi- 
gonen“. Und kaum hatte das Werk den Laden des Verlegers verlassen, so 
gab es seinem Verfasser Gelegenheit einzusehen, daß nur seine bisherige 
Richtung einer allgemeineren Anerkennung seines Talentes von seiten der 
Nation und der jüngern Literatur entgegengestanden hatte. Die „Epigonen“ 
wurden fast überall gewürdigt und gaben Veranlassung zu Diatriben über 
den Charakter ihres Verfassers, wie sie Immermann bisher nicht gewohnt 
war. Die junge Literatur, wenn man anders diesen Namen für die Frag- 
mente einer Sache noch brauchen darf, die niemals ein Ganzes war, diese 
erkannte zuerst die Bedeutung Immermanns und führte ihn erst recht bei 
der Nation ein. Er war durch die immer schärfer werdende Scheidung zwi- 
schen Preußentum und romantischer Poesie sowie durch die verhältnismäßig 
geringe Popularität, deren seine Schriften genossen, innerlich verstimmt 
gewesen und hatte seinen Werken immer mehr den Stempel schroffer Iso- 
lierung unwillkürlich aufgedrückt. Jetzt, als er einen Schritt vorwärts getan 
hatte, kam mit der Anerkennung auch ein anderer, freierer, heiterer Geist 
über ihn. Die alte jugendliche Begeisterung taute wieder auf und nahm 
im „Münchhausen“ einen Anlauf zur Versöhnung mit der praktisch-ver- 
ständigen Seite des Charakters. Seine romantischen Sympathien, die ihm 
noch immer im Nacken saßen, beschwichtigte er durch „Ghismonda“ und 
„Iristan“; aber welch ein Unterschied gegen frühere romantische Dich- 
tungen, namentlich welche Plastik gegen „Merlin“ herrscht darin! 


10* 


148 Immermanns „Memorabilien“ 


'[„Telegraph für Deutschland“ 
Nr.55, April 1841] 
Überhaupt war die Romantik für Immermann nur Form; vor der Träu- 
merei der romantischen Schule bewahrte ihn die Nüchternheit des Preußen- 
tums; aber diese war es denn auch, die ihn gegen die Zeitentwicklung einiger- 
maßen verstockte. Man weiß, daß Immermann in religiöser Hinsicht zwar 
sehr freisinnig, in politischer aber gar zu eifriger Anhänger der Regierung 
war. Durch seine Stellung zur jüngern Literatur wurde er allerdings den 
politischen Strebungen des Jahrhunderts nähergestellt und lernte sie von 
einer andern Seite kennen; wie indes die „Memorabilien“ zeigen, saß das 
Preußentum noch gar fest in ihm. Dennoch finden sich grade in diesem 
Buche so manche Äußerungen, die mit der Grundansicht Immermanns so 
sehr kontrastieren und so sehr auf moderner Basis beruhen, daß ein be- 
deutender Einfluß der modernen Ideen auf ihn gar nicht zu verkennen ist. 
Die „Memorabilien“ zeigen klar ein Bemühen ihres Verfassers, mit seiner 
Zeit gleichen Schritt zu halten, und wer weiß), ob der Strom der Geschichte 
nicht allmählich den konservativ-preußischen Damm unterwühlt hätte, 
hinter dem Immermann sich verschanzt hielt. 
Und nun noch eine Bemerkung! Immermann sagt, der Charakter jener 
Epoche, die er in den „Memorabilien” schildert, sei Pre jugend- 


lich gewesen; jugendliche Motive seien in Bewegung gesetzt und Jugend- 
stimmungen ängeschlagen worden. Ist’s mit unserer Epoche nicht ebenso? 
Die alte Generation in der Literatur ist ausgestorben, die Jugend hat sich 
des Worts bemächtigt. Von dem heranwachsenden Geschlecht hängt mehr 
als je unsere Zukunft ab, denn dieses wird über Gegensätze zu entscheiden 
haben, die sich immer höher hinaufgipfeln. Die Alten klagen zwar entsetz- 
lich über die Jugend, und es ist wahr, sie ist sehr unfolgsam; laßt sie aber 
nur ihre eignen Wege gehen, sie wird sich schon zurechtfinden, und die sich 
verirren, sind selbst schuld daran. Denn wir haben einen Prüfstein für die 
Jugend an der neuen Philosophie; es gilt, sich durch sie hindurchzuarbeiten 
und doch die jugendliche Begeisterung nicht zu verlieren. Wer sich scheut 
vor dem dichten Walde, in dem der Palast der Idee steht, wer sich nicht 
durchhaut mit dem Schwerte und küssend die schlafende Königstochter 
weckt, der ist ihrer und ihres Reiches nicht wert, der mag hingehen, Land- 
pastor, Kaufmann, Assessor, oder was er sonst will, werden, ein Weib 
nehmen, Kinder zeugen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, aber das 
Jahrhundert erkennt ihn nicht als seinen Sohn an. Ihr braucht darum keine 
Althegelianer zu werden, mit an und für sich, Totalität und Diesigkeit um 
euch zu werfen, aber ihr sollt die Arbeit des Gedankens nicht scheuen; 


Immermanns „Memorabilien“ 149 


denn nur die Begeisterung ist echt, die wie der Adler die trüben Wolken 
der Spekulation, die dünne, verfeinerte Luft in den obern Regionen der 
Abstraktion nicht scheut, wenn es gilt, der Wahrheitssonne entgegenzu- 
fliegen. Und in diesem Sinne hat denn auch die Jugend von heute die 
Schule Hegels durchgemacht, und manches Samenkorn aus den dürren 
Fruchtkapseln des Systems ist herrlich aufgegangen in der jugendlichen 
Brust. Das aber gibt auch das größte Vertrauen auf die Gegenwart, daß ihr 
Schicksal nicht von der tatscheuen Bedächtigkeit, der gewohnheitsmäßigen. 
Philisterei des Alters, sondern von dem edlen, ungebändigten Feuer der 
Jugend abhängt. Darum laßt uns für die Freiheit kämpfen, solange wir 
jung und voll glühender Kraft sind; wer weiß, ob wir’s noch können, wenn 
das Alter uns beschleicht! 
Friedrich Oswald