Von F.Oswald!”" 

Wie der treue Ei der Sage, steht der alte Arndt am Rhein und warnt 

die deutsche Jugend, die nun schon manches Jahr hinüberschaut nach dem 
französischen Venusberg und den verführerischen oliihenden 
ne 

[QA: garble stripped 2026-06-23]

den Ideen, die von seiner Zinne winken. Aber die wilden Jünglinge achten 
des alten Recken nicht und ‚armen hinüber - und nicht alle bleiben ent- 

nervt liegen wie der neue Tannhäuser Heine!”". 

Das ist Arndts Stellung zur deutschen Jugend von heute. So hoch ihn 
alle schätzen, so genügt ihnen sein Ideal des deutschen Lebens nicht; sie 
wollen freieres Walten, vollere, strotzende Lebenskraft, glühendes, stürmi- 
sches Pulsieren in den welthistorischen Adern, die Deutschlands Herzblut 
leiten. Und darum die Sympathie für Frankreich, aber freilich nicht jene 
Sympathie der Unterwerfung, von der die Franzosen fabeln, sondern jene 
höhere und freiere, deren Natur von Börne im „Franzosenfresser“ der 
deutschtümlichen Einseitigkeit gegenüber so schön entwickelt ist. 

Arndt hat es gefühlt, daß die Gegenwart ihm entfremdet ist, daß sie 
nicht ihn um seines Gedankens, sondern seinen Gedanken um seiner star- 
ken, männlichen Persönlichkeit willen achtet. Und darum mußte es ihm, 
dem von Talent und Gesinnung, wie von der Zeitentwicklung einer Reihe 
von Jahren getragenen Manne zur Pflicht werden, seinem Volke ein Denk- 
mal seines Bildungsganges, seiner Denkart und seiner Zeit zu hinterlassen, 
wie er in seinen vielbesprochenen „Erinnerungen aus dem äußern Leben“ 
getan hat. 

Vorläufig von der Tendenz abstrahiert, ist das Arndtsche Buch auch 
ästhetisch allerdings eine derinteressantesten Erscheinungen. Diese gedrun- 
gene, markige Sprache ist in unserer Literatur lange nicht gehört worden 
und verdiente, auf manchen von der jungen Generation einen dauernden 

Eindruck zu machen. Lieber straff als schlaff! Es gibt ja Autoren, die 
das Wesen des modernen Süils darin sehen, daß jede hervortretende Muskel, 
jede angespannte Sehne der Rede hübsch mit weichem Fleisch umhüllt 
wird, selbst auf die Gefahr hin, weibisch zu erscheinen. Nein, da ist mir 
doch der männliche Knochenbau des Arndtschen Stils heber als die 
schwammige Manier gewisser „moderner“ Stilisten! Um so mehr, als 
Arndt die Absonderlichkeiten seiner Genossen von 1813 möglichst ver- 
miieden hat und sich nur im absoluten Gebrauche des Superlativs (wie in 
den südromanischen Sprachen) dem Affektierten nähert. Eine so horrende 
Sprachmengerei, wie sie jetzt wieder in Aufnahme gekommen ist, darf man 
bei Arndt auch nicht suchen; er zeigt im Gegenteil, wie wenig fremde 
Zweige wir auf unseren Sprachstamm zu pfropfen brauchen, ohne in Not 
zu kommen. Wahrhaftig, unser Gedankenwagen fährt auf den meisten 
Wegen besser mit deutschen als mit französischen oder griechischen Ros- 
sen, und mit dem Gespötte über die Extreme der puristischen Richtung ist 
es nicht abgetan. 

Treten wir dem Buche näher. Das mit echt dichterischer Hand ent- 
worfene Idy!l des Jugendlebens nimmt den größten Teil des Buches ein. 
Der mag Gott immer danken, der seine ersten Jahre so verlebt hat wie 
Arndt! Nicht im Staube einer großen Stadt, wo die Freuden des Einzelnen 
von den Interessen des Ganzen erdrückt werden, nicht in Kleinkinder- 
bewahranstalten und philanthropischen Gefängnissen, wo die sprossende 
Kraft verdumpft, nein, unter freiem Himmel in Feld und Wald bildete die 
Natur den stählernen Mann, den das verweichlichte Geschlecht wie einen 
Nordlandsrecken anstaunt. Die große plastische Kraft, mit der Arndt diesen 
Abschnitt seines Lebens schildert, drängt einem fast die Ansicht auf, als 
seien alle idyllischen Dichtungen überflüssig, solange unsere Autoren noch 
solche Idyllen erleben wie Arndt. Am befremdlichsten wird unserem Jahr- 
hundert jene Selbsterziehung des Jünglings Arndt erscheinen, die germani- 
sche Keuschheit mit spartanischer Strenge vereinigt. Diese Strenge aber, 
wo sie so naiv, so frei von Jahnscher Renommisterei ihr hoc tibi proderit 
olim! für sich hinsummt, kann unserer ofenhockernden Jugend nicht genug 
empfohlen werden. Eine Jugend, die das kalte Wasser scheut wie ein toller 
Hund, die bei dem geringsten Frost drei-, vierfache Kleidung anlegt, die 
sich eine Ehre daraus macht, wegen Körperschwäche vom Militärdienste 
freizukommen, ist wahrlich eine schöne Stütze des Vaterlandes! Von der 
Keuschheit vollends zu reden, gilt sie für ein Verbrechen in einer Zeit, wo 

man gewohnt ist, in jeder Stadt zuerst nach dem „Tor, wo die letzten Häuser 
stehen“ 73), sich zu erkundigen. Ich bin wahrlich kein abstrakter Moralist, 
alles asketische Unwesen ist mir verhaßt, ich werde nie mit der gefallenen 
Liebe rechten; aber es schmerzt mich, daß der sittliche Ernst zu verschwin- 
den droht und die Sinnlichkeit sich selbst als das Höchste zu setzen sucht. 
Die praktische Emanzipation des Fleisches wird immer neben einem Arndt 
erröten müssen. 

Mit dem Jahre 1300 tritt Arndt in den ihm geilen Beruf. Napoleons 
Heere überschwemmen Europa, und mit der Macht des Franzosenkaisers 
wächst Arndts Haß gegen ihn; der Greifswalder Professor protestiert im 
Namen Deutschlands gegen die Unterdrückung und muß fliehen. Endlich 
erhebt sich die deutsche Nation und Arndt kehrt zurück. Dieser Teil des 
Buchs wäre ausführlicher zu wünschen; vor der Nationalbewaffnung und 
ihren Taten tritt Arndt bescheiden zurück. Statt uns erraten zu lassen, daß 
er nicht untätig war, nn er uns seinen a an der Zeitentwicklung aus- 

führlicher darstellen, hätte er die G ee jener Tage vom subiektiven 
Standpunkte aus erzählen vollen. Die später ns chicksale werden noch weit 

- spate urn 

kürzer Br Bemerkenswert ist hier einerseits die immer bestimmtere 
Hinneigung zur Orthodoxie im Religiösen, andererseits die mysteriöse, fast 
untertänige und die Rute küssende Art, mit der Arndt von seiner Suspen- 
sion spricht. Wen aber dies befremdete, der wird durch die jüngst in öffent- 
lichen Blättern erlassenen Erklärungen Ärndis, in denen er seine Restitu- 
tion als einen Akt der Gerechtigkeit, nicht als ein Gnadengeschenk ansieht, 
sich überzeugt haben, daß er noch seine alte Festigkeit und Entschiedenheit 
besitzt. 

Eine besondere Wichtigkeit aber erhält das Arndtsche Buch durch die 
gleichzeitige Herausgabe einer Masse von Denkwürdigkeiten über den Be- 
freiungskrieg. So wird uns die ruhmvolle Zeit, wo die deutsche Nation seit 
Jahrhunderten wieder zum ersten Male sich erhebt und auswärtiger Unter- 
drückung in ihrer ganzen Kraft und Größe sich gegenüberstellte, auf leben- 
dige Weise wieder nahegebracht. Und wir Deutschen können uns nicht 
genug an jene Kämpfe erinnern, damit wir unser schläfriges Volksbewußt- 
sein wach erhalten; freilich nicht in dem Sinne einer Partei, die nun alles 
getan zu haben glaubt, und auf den Lorbeeren von 1813 ruhend, sich im 
Spiegel der Geschichte selbstgefällig beschaut, sondern eher im entgegen- 
gesetzten. Denn nicht die Abschüttelung der Fremdherrschaft, deren 
emporgeschrobene, allein auf den Atlasschultern Napoleons ruhende Un- 
natur über kurz oder lang von selbst zusammenkrachen mußte, nicht die 
errungene „Freiheit“ war das größte Resultat des Kampfes, sondern dies 

lag in der Tat selbst und in einem von den wenigsten Zeitgenossen klar 
empfundenen Momente derselben. Daß wir uns über den Verlust der 
nationalen Heiligtümer besannen, daß wir uns bewaffneten, ohne die aller- 
gnädigste Erlaubnis der Fürsten abzuwarten, }a die Machthaber zwangen, 
an unsere Spitze zu treten”, kurz, daß wir einen Augenblick als Quelle der 
Staatsmacht, als souveränes Volk auftraten, das war der höchste Gewinn 
jener Jahre, und darum mußten nach dem Kriege die Männer, die dies am 
klarsten gefühlt, am entschiedensten danach gehandelt hatten, den Regie- 
rungen gefährlich erscheinen. - Aber wie bald schlummerte die bewegende 
Kraft wieder ein! Der Fluch der Zersplitterung absorbierte den dem Ganzen 
so nötigen Schwung für die Teile, zerspaltete das allgemeine Deutsche in 
eine Menge provinzieller Interessen und machte es unmöglich, für Deutsch- 
land eine Grundlage des Staatslebens zu gewinnen, wie sie Spanien sich 
in der Verfassung von 1812 geschaffen hat!’*. Im Gegenteil, der sanfte 
Frühlingsregen von allgemeinen Versprechungen, der uns aus „höheren 
Regionen“ überraschte, war schon zuviel für unsere von der Unterdrückung 
niedergebeugten Herzen, und wir Narren bedachten nicht, daß es Ver- 
sprechungen gibt, deren Bruch vom Standpunkte der Nation aus niemals, 
von dem der Persönlichkeit aus aber schr leicht zu entschuldigen sein 
soll. (?) Dann kamen die Kongresse!”! und gaben den Deutschen Zeit, 
ihren Freiheitsrausch auszuschlafen und sich, erwachend, in dem alten 
Verhältnis von Allerhöchst und Älleruntertänigst wiederzufinden. Wem 
- die alte Strebenslust noch nicht vergangen war, wer sich noch nicht ent- 
wöhnen konnte, auf die Nation zu wirken, den jagten alle Gewalten der Zeit 
in die Sackgasse der Deutschtümelei. Nur wenige ausgezeichnete Geister 
schlugen sich durch das Labyrinth und fanden den Pfad, der zur wahren 
Freiheit führt. nn 
Die Deutschtümler wollten die Tatsachen des Befreiungskrieges er- 
gänzen und das materiell unabhängig gewordene Deutschland auch von der 
geistigen Hegemonie des Fremden befreien. Aber eben darum war sie 
Negation, und das Positive, mit dem sie sich brüstete, lag in einer Unklar- 
heit begraben, aus der es nie ganz erstand; was davon ans Tageslicht der 
Vernunft kam, war meist widersinnig genug. Ihre ganze Weltanschauung 
war philosophisch bodenlos, weil nach ihr die ganze Welt um der Deutschen 
willen geschaffen war und die Deutschen selbst die höchste Entwicklungs- 
stufe längst gehabt hatten. Die Deutschtümelei war Negation, Abstraktion 
im Hegelschen Sinne. Sie bildete abstrakte Deutsche durch Abstreifung 

* Vgl. über diesen Punkt Karl Bade: „Napoleon im Jahre 1813“. Altona 1840 

122 | Ernst Moritz Arndt 

alles dessen, was nicht auf vierundsechzig Ahnen rein deutsch und aus 
volkstümlicher Wurzel entsprossen war. Selbst ihr scheinbar Positives war 
negativ, denn die Hinführung Deutschlands zu ihren Idealen konnte nur 
durch Negation eines Jahrhunderts und seiner Entwickelung geschehen, und 
so wollte sie die Nation ins deutsche Mittelalter oder gar in die Reinheit des 
Urdeutschtums aus dem Teutoburger Walde zurückdrängen. Das Extrem 
dieser Richtung bildete Jahn. Diese Einseitigkeit machte denn die Deut- 
schen zum auserwählten Volk Israel und mißkannte alle die zahllosen welt- 
geschichtlichen Keime, die außerdeutschem Boden entsproßt waren. 
Namentlich gegen die Franzosen, deren Invasion zurückgedrängt war, und 
deren Hegemonie in Äußerlichkeiten darin ihren Grund hat, daß sie die 
Form der europäischen Bildung, die Zivilisation, jedenfalls von allen Völkern 
am leichtesten beherrschen, gegen die Franzosen wandte sich der bilder- 
stürmende Grimm am meisten. Die großen, ewigen Resultate der Revolu- 
tion wurden als „welscher Tand“ oder gar „welscher Lug und Trug“ ver- 
abscheut; an die Verwandtschaft dieser ungeheuren Volkstat mit der Volks- 
erhebung von 1813 dachte niemand; was Napoleon gebracht hatte: Eman- 
zipation der Israeliten, Geschworenengerichte, gesundes Privatrecht statt des 
Pandektenwesens, wurde allein um des Urhebers willen verdammt. Der 
Franzosenhaß wurde Pflicht; der Fluch der Undeutschheit fiel auf jede 
Anschauungsweise, ‘die sich einen höheren Gesichtspunkt zu erobern 
wußte. So war auch der Patriotismus wesentlich negativ und ließ das Vater- 
land ohne Unterstützung im Kampfe der Zeit, während er sich abmühte, 
für längst eingedeutschte Fremdwörter urdeutsche, schwülstige Ausdrücke 
zu erfinden. Wäre diese Richtung konkret deutsch gewesen, hätte sie den 
durch zweitausendjährige Geschichte entwickelten Deutschen genommen, 
wie sie ihn fand, hätte sie das richtigste Moment unserer Bestimmung, die 
Zunge zu sein an der Waagschale der europäischen Geschichte, über die 
Entwickelung der Nachbarvölker zu wachen, hätte sie das nicht übersehen, 
sie würde alle ihre Fehler vermieden haben. - Es darf auf der andern Seite 
aber auch nicht verschwiegen werden, daß die Deutschtümelei eine not- 
wendige Bildungsstufe unseres Volksgeistes war und mit der ihr folgenden 
den Gegensatz bildete, auf dessen Schultern die moderne Weltanschauung 
steht. 

Dieser han gegen die Deutschtümelei war der kosmopolitische 
Liberalismus der süddeutschen Stände, der auf die Negation der National- 

unterschiede und die Bildung einer großen, freien, alliierten Menschheit 
hinarbeitete. Er entsprach dem religiösen Rationalismus, mit dem er aus 
der gleichen Quelle, der Philanthropie des vorigen Jahrhunderts, geflossen 
war, während die Deutschtümelei konsequent zur theologischen Ortho- 
doxie hinführte, wohin fast alle ihre Anhänger (Arndt, Steffens, Menzel) 
mit der Zeit gelangt sind. Die Einseitigkeiten der kosmopolitischen Frei- 
sinnigkeit sind von ihren Gegnern oft - freilich selbst von einseitigen 
Standpunkten - aufgedeckt worden, daß ich mich in bezug auf diese Rich- 
tung kurz fassen kann. Die Julirevolution schien sie anfangs zu begünstigen, 
doch wurde dieses Ereignis von allen Parteien ausgebeutet. Die faktische 
Vernichtung der Deutschtümelei oder vielmehr ihrer Zeugungskraft datiert 
'von der Julirevolution und war in ihr gegeben. Aber ebenso auch der Sturz . 
des Weltbürgertums; denn: die übergreifende Bedeutung der großen 
Woche!!?! war eben die Restitution der französischen Nationalität in ihrer 
Stellung als Großmacht, wodurch denn die andern Nationalitäten gezwun- 
gen waren, sich gleichfalls in sich selbst fest zusammenzuziehen. 
Schon vor dieser jüngsten Welterschütterung arbeiteten zwei Männer 
‚im stillen an der Entwickelung des deutschen Geistes, welche vorzugsweise 
die moderne genannt wird, zwei Männer, die sich im Leben selbst beinahe 
ignoriert und deren gegenseitige Ergänzung erst nach ihrem Tode erkannt 
werden sollte, Börne und Hegel. Börne ist oft und mit dem größten Unrecht 
zum Kosmopoliten gestempelt worden, aber er war deutscher als seine 
Feinde. Die „Hallischen Jahrbücher“ knüpften neulich eine Besprechung 
der „politischen Praxis“ an Herrn von Florencourt!”; aber dieser ist wahr- 
lich nicht ihr Vertreter. Er steht auf dem Punkte, wo sich die Extreme der 
Deutschtümelei und des Kosmopolitismus berühren, wie dies in der 
Burschenschaft geschah, und ist von den späteren Fortbildungen des 
Nationalgeistes nur oberflächlich berührt worden. Der Mann der politi- 
schen Praxis ist Börne, und daß er diesen Beruf vollkommen ausfüllte, das 
ist seine historische Stellung. Er riß der Deutschtümelei ihren prahlerischen 
Flitterstaat vom Leibe und deckte unbarmherzig auch die Scham des 
Kosmopolitismus auf, der nur kraftlose frommere Wünsche hatte. Er trat 
an die Deutschen mit den Worten des Cid: Lengua sin manos, cuemo osas 
fablar?1177] Die Herrlichkeit der Tat ist von keinem so geschildert wie von 
Börne. Alles ist Leben, alles Kraft an ihm. Nur von seinen Schriften kann 
man sagen, daß sie Taten für die Freiheit sind. Man komme mir hier nicht 
mit „Verstandesbestimmungen“, mit „endlichen Kategorien“! Die Art, wie 

Börne die Stellung der europäischen Nationalitäten und ihre Bestimmung 
auffaßte, ist nicht spekulativ. Aber das Verhältnis Deutschlands und Frank- 
reichs hat Börne zuerst in seiner Wahrheit entwickelt, und damit der Idee 
einen größeren Dienst getan als die Hegelianer, die währenddessen Hegels 
„Enzyklopädie“ auswendig lernten und damit dem Jahrhundert genug ge- 
tan zu haben glaubten. Eben jene Darstellung beweist auch, wie hoch Börne 
über der Fläche des Kosmopolitismus steht. Die verstandesmäßige Ein- 
seitigkeit war Börnen so notwendig, wie Hegeln der übergroße Schematis- 
mus; aber statt dies zu begreifen, kommen wir nicht über die derben und 
oft schiefen Axiome der „Pariser Briefe“ hinaus. 

Neben Börne und ihm gegenüber stellte Hegel, der Mann des Gedankens, 
sein bereits fertiges System vor die Nation hin. Die Autorität gab sich nicht 
die Mühe, sich durch die abstrusen Formen des Systems und den ehernen 
Stil Hegels durchzuarbeiten; wie konnte sie auch wissen, daß diese Philo- 
sophie sich aus dem ruhigen Hafen der Theorie auf das stürmische Meer 

en werde daß sie das Schwert echon 711 

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oszuziehen? War ja doch 
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selbst ein so solider, orthodoxer Mann, dessen Polemik aerade gegen: die 
von der Staatsmacht abgelehnten Richtungen, gegen den Rationalismus und 
den kosmopolitischen Liberalismus ging! Aber die Herren, die am Ruder 
saßen, sahen nicht ein, daß diese Richtungen nur bekämpft wurden, um 
der höheren Platz zu machen, daß die neue Lehre erst in der Anerkennung 
der Nation wurzeln müsse, ehe sie ihre lebendigen Konsequenzen frei ent- 
falten können. Wenn Börne Hegeln angriff, so hatte er von seinem Stand- 
punkte aus vollkommen recht, aber wenn die Autorität Hegeln protegierte, 
wenn sie seine Lehre fast zur preußischen Staatsphilosophie erhob, gab sie 
sich eine Blöße, die sie jetzt augenscheinlich bereut. Oder solite Ältenstein, 
der, freilich noch aus einer liberaleren Zeit herstammend, einen höheren 
Standpunkt behauptete, hier so sehr freie Hand gehabt haben, daß alles auf 
seine Rechnung kam? Dem sei, wie ihm wolle, als nach Hegels Tode seine 
Doktrin von dem frischen Hauche des Lebens angeweht wurde, entkeimten 
der „preußischen Staatsphilosophie“ Schößlinge, von denen keine Partei 
sich hatte träumen lassen. Strauß auf theologischem, Gans und Ruge auf 
politischem Felde werden epochemachend bleiben. Erst jetzt zerteilen sich 
die matten Nebelflecke der Spekulation in die leuchtenden Ideensterne, die 
der Bewegung des Jahrhunderts vorleuchten sollen. Man mag der ästheti- 
schen Kritik Ruges immerhin vorwerfen, daß sie nüchtern und im Schema- 
tismus der Doktrin befangen ist; es bleibt sein Verdienst, die politische 
Seite des Hegelschen Systems in ihrer Übereinstimmung mit dem Zeitgeiste 

dargestellt und in die Achtung der Nation restituiert zu haben. Gans hatte 
dies nur indirekt getan, indem er die Geschichtsphilosophie bis auf die 
Gegenwart fortführte; Ruge hat die Freisinnigkeit des Hegelianismus offen 
ausgesprochen, Köppen aa sich ihm zur Seite gestellt; beide haben keine 
Spaltung der Schule Be: and darum alle Ehre ihrem Mute! Die begeisterte, 
unerschütterliche Zuversicht auf die Idee, wie sie dem Neu-Hegelianismus 
eigen, ist die einzige Burg, wohin sich die Freigesinnten sicher zurückziehen 
können, wenn die von oben unterstützte Reaktion ihnen einen augenblick- 
lichen Vorteil abgewinnt. 

Das sind die jüngsten Entwicklungsmomente des deutschen politischen 
Geistes, und die Aufgabe unsrer Zeit ist es, die Durchdringung Hegels und 
Börnes zu vollenden. Im Jung-Hegelianismus ist schon ein gutes Stück 
Börne, und manchen Artikel der „Hallischen Jahrbücher“ würde Börne 
wenig Anstand nehmen zu unterschreiben. Aber teils ist die Vereinigung des 
Gedankens mit der Tat noch nicht bewußt genug, teils ist sie noch nicht in 
die Nation gedrungen. Noch immer wird von mancher Seite her Börne als 
der strikte Gegensatz Hegels angesehen, aber ebensowenig wie Hegels prak- 
tische Bedeutung für die Gegenwart (nicht seine philosophische für die 
Ewigkeit) nach der reinen Theorie seines Systems beurteilt werden darf, 
ebensowenig paßt auf Börne ein flaches Absprechen über seine nie geleug- 
neten Einseitigkeiten und Extravaganzen. 

Ich glaube hiermit die Stellung der Deutschtümelei zur Gegenwart hin- 
reichend bezeichnet zu haben, um zu einer detaillierteren Besprechung ihrer 
einzelnen Seiten, wie sie Arndt in seinem Buche auseinandergelegt, über- 
gehen zu können. Die weite Kluft, die Arndten von der jetzigen Generation 
trennt, spricht sich am klarsten darin aus, daß ihm gerade dasjenige im 
Staatsleben gleichgültig ist, wofür wir Blut und Leben lassen. Arndt erklärt 
sich für einen entschiedenen Monarchisten; gut. Ob aber konstitutionell 
der absolutistisch, darauf kommt er gar nicht zu sprechen. Der Differenz- 
punkt ist hier: Arndt und seine ganze Genossenschaft setzt das Wohl des 
Staats darin, daß Fürst und Volk mit aufrichtiger Liebe einander zugetan 
sind und sich im Streben nach dem allgemeinen Wohl entgegenkommen. 
Für uns dagegen steht es fest, daß das Verhältnis zwischen Regierenden 
und Regierten erst rechtlich geordnet sein muß, ehe es gemütlich werden 
und bleiben kann. Erst Recht, dann Billigkeit! Welcher Fürst wäre so 

schlecht, daß er nicht sein Volk liebte und - ich spreche hier von Deutsch- 
land - von seinem Volke nicht schon darum geliebt würde, weil er sein 
Fürst ist? Welcher Fürst aber darf sich rühmen, seit 1815 sein Volk wesent- 
lich weitergebracht zu haben? Ist es nicht alles unser eignes Werk, was wir 
besitzen, ist es nicht unser trotz Kontrolle und Aufsicht? Es läßt sich schön 
reden von der Liebe des Fürsten und des Volkes, und seit der große Dichter 
von „Heil Dir im Siegerkranz“! sang: „Liebe des freien Mann’s sichert 
die steilen Höh’n, wo Fürsten steh’n“, seitdem ist unendlicher Unsinn 
darüber geschwatzt worden. Man könnte die uns jetzt von einer Seite her 
drohende Regierungsart eine zeitgemäße Reaktion nennen. Patrimonial- 
gerichtel! zur Bildung eines hohen Adels, Zünfte zur Wiedererweckung 
eines „ehrsamen“ Bürgerstandes, Begünstigung aller sogenannten histori- 
schen Keime, welche eigentlich alte abgehauene Strünke sind. - Aber nicht 
nur in bezug auf diesen Punkt hat sich die Deutschtümelei von der ent- 
schiedenen Reaktion um die Freiheit ihres Gedankens prellen lassen, auch 
Ihre Verfassungsideen sind Einflüsterungen der Herren vom „Berliner poli- 
tischen Wochenblatt“. Es tat einem wehe zu sehen, wie selbst der gediegene, 
ruhige Arndt sich von der sophistischen Goldflitter: „organischer Staat“ hat 
- blenden lassen. Die Phrasen von historischer Entwickelung, Benutzung der 
gegebenen Momente, Organismus und so weiter müssen ihrer Zeit einen 
Zauber gehabt haben, von dem wir uns keine Vorstellung machen können, 
weil wir einsehen, daß es meist schöne Worte sind, die es mit ihrer eignen 
Bedeutung nicht ernstlich meinen. Man gehe geradezu auf die Gespenster 
los! Was versteht ihr unter einem organischen Staat? Einen solchen, dessen: 
Institutionen sich mit und aus der Nation im Laufe der Jahrhunderte ent- 
wickelt haben, nicht aber aus der T’'heorie heraus konstruiert sind. Sehr 
schön; nun kommt die Anwendung auf Deutschland! Dieser Organismus 
soll darin bestehen, daß die Staatsgenossen sich in Adel, Bürger und Bauern 
scheiden, benebst allem, was daran hängt. Das soll alles in dem Wort 
Örganismus in nuce verborgen liegen. Ist das nicht eine elende, eine schmäh- 
liche Sophisterei? Selbstentwickelung der Nation, sieht das nicht gerade 
aus wie Freiheit? Ihr greift zu mit beiden Händen und erhascht — den 
ganzen Druck des Mittelalters und des ancien regime. Zum Glück kommt 
diese Taschenspielere: nicht auf Arndts Rechnung. Nicht die Anhänger 
der Ständeteilung, wir, ihre Gegner, wir wollen organisches Staatsleben. 
Es handelt sich vorläufig gar nicht um die „Konstruktion aus der Theorie“; 
aber es handelt sich um das, womit man uns blenden will, um die Selbst- 
entwickelung der Nation. Wir allein meinen es ernstlich und aufrichtig mit 
Ihr; aber jene Herren wissen nicht, daß aller Organismus unorganisch wird, 

sobald er stirbt; sie setzen die toten Kadaver der Vergangenheit mit ihren 
galvanischen Drähten in Bewegung und wollen uns aufbinden, das sei kein 
Mechanismus, sondern Leben. Sie wollen die Selbstentwickelung der Nation 
fördern und schmieden ihr den Klotz des Absolutismus ans Bein, damit sie 
rascher vorankommt. Sie wollen nicht wissen, daß das, was sie Theorie, 
Ideologie oder Gott weiß wie nennen, längst in Blut und Saft des Volks über- 
gegangen und zum Teil schon ins Leben getreten ist; daß damit nicht wir, 
sondern sie in Utopien der Theorie herumirren. Denn das, was vor einem 
halben Jahrhundert allerdings noch Theorie war, hat sich seit der Revo- 
lution als selbständiges Moment im Staatsorganismus ausgebildet. Und, 
was die Hauptsache ist, steht die Entwickelung der Menschheit nicht über 
der der Nation? | 

Und die Ständewirtschaft? Die Scheidewand zwischen Bürgern und 
Bauern ist gar nicht da, es ist selbst der historischen Schule kein Ernst 
damit; diese Scheidewand wird nur pro forma hingestellt, um uns die Ab- 
sonderung des Adels plausibler zu machen. Um den Adel dreht sich alles, 
mit dem Adel fällt das Ständewesen. Mit dem Stande des Adels aber sieht 
es noch schlimmer aus als mit seinem Bestande. Ein erblicher, ein Majorats- 
stand ist denn doch wohl nach modernen Begriffen das Allerunsinnigste. Im 
. Mittelalter freilich! Da waren ja auch in den Reichsstädten (wie in Bremen 
z.B. noch) die Zünfte und ihre Privilegien erblich, da gab es reines Bäcker- 
blut und Zinngießerblut. Freilich, was ist der Adelsstolz gegen das Bewußt- 
sein: Meine Ahnen waren Bierbrauer bis ins zwanzigste Glied! Ein Schläch- 
ter- oder nach bremischem poetischerem Namen Knochenhauerblut haben 
wir noch im Adel, dessen von Herrn Fouqué festgesetzter kriegerischer 
Beruf ja ein fortwährendes Schlachten und Knochenhauen ist. Es ist eine 
lächerliche Arroganz des Adels, sich für einen Stand zu halten, da nach den 
Gesetzen aller Staaten ihm gar kein Beruf, weder der kriegerische noch der 
des großen Grundbesitzes ausschließlich zukommt. Jeder Schrift über den 
‚Adel könnte der Vers des Troubadours Wilhelm von Poitiers als Motto 
vorstehen: „dies Lied soll um ein Nichts sich drehn“ !"), Und weil der 
Adel seine innere Nichtigkeit empfindet, kann kein Adliger den Schmerz 
darüber verbergen, von dem sehr geistreichen Baron von Sternberg an bis 
zu dem sehr geistlosen C.L.F.W.G. von ÄAlvensleben. Jene Toleranz, die 
dem Adel das Vergnügen lassen will, sich für etwas Apartes zu halten, falls er 
nur sonst keine Privilegien in Anspruch nimmt, ist sehr schlecht angebracht. 
Denn solange der Adel noch etwas Apartes vorstellt, solange will und muß 
er Vorrechte haben. Wir bleiben bei unserer Forderung: Keine Stände, wohl 
aber eine große, einige, gleichberechtigte Nation von Staatsbürgern! 

Eine andere Forderung Arndts für seinen Staat sind die Majorate, über- 
haupt eine den Grundbesitz auf fixe Verhältnisse feststellende Agrargesetz- 
gebung. Auch dieser Punkt verdient, abgesehen von seiner allgemeinen 
Wichtigkeit, schon darum Beachtung, weil die erwähnte zeitgemäße Reak- 
tion auch in dieser Hinsicht die Dinge wieder auf den Fuß vor 1789 zu 
setzen droht. Sind doch neuerdings viele geadelt worden unter der Bedin- 
gung, ein den Wohlstand der Familie garantierendes Majorat zu stiften! - 
Arndt ist entschieden gegen die unbeschränkte Freiheit und Teilbarkeit des 
Grundbesitzes; er sieht als ihre unvermeidliche Folge eine Teilung des 
Landes in Parzellen, von denen keine ihren Mann ernähren kann. Aber er 
sieht nicht, daß gerade die volle Freigebung des Grundeigentums die Mittel 
besitzt, alles das im ganzen und großen wieder auszugleichen, was sie im 
‚esetzgebung 
nie unmöglich machen, sondern höchstens erschweren, hemmen sie zugleich 
bei dem Eintritt von Mißverhältnissen die freiwillige Rückkehr zur. gehöri- 
gen Ordnung, machen ein außergewöhnliches Eingreifen des Staats not- 
wendig und hemmen den Fortschritt dieser Gesetzgebung durch hundert 
kleinliche, aber nie zu umgehende Privatrücksichten. Dagegen kann die 
Freiheit des Grundes kein Extrem, weder die Ausbildung des großen Land- 
besitzes zur Aristokratie noch die Zersplitterung der Äcker in allzukleine, 
nutzlos werdende Stückchen aufkommen lassen. Neigt sich die eine Waag- 
schale zu tief, so konzentriert sich der Inhalt der andern alsbald zur Aus- 
gleichung. Und fliegt der Grundbesitz auch aus einer Hand in die andere - 
ich will lieber das wogende Weltmeer mit seiner großartigen Freiheit als 
den engen Landsee mit seiner ruhigen Fläche, deren Miniaturwellen alle 
drei Schritte von einer Landzunge, von einer Baumwurzel, von einem Steine 
gebrochen werden. Nicht nur, daß die Erlaubnis der Majoratsstiftung eine 
Einwilligung des Staats in die Bildung einer Aristokratie ist, nein, diese 
Fesselung des Grundbesitzes arbeitet, wie alle unveräußerliche Erblichkeit, 
geradezu auf eine Revolution hin. Wenn der beste Teil des Landes an 
einzelne Familien geschmiedet und den übrigen Staatsbürgern unzugäng- 
lich gemacht wird, ist das nicht eine direkte Herausforderung des Volkes? 
Beruht nicht die Majoratsbefugnis auf einer Ansicht vom Eigentum, die 
unserer Erkenntnis längst nicht mehr entspricht? Als ob eine Generation 
das Recht hätte, über das Eigentum aller künftigen Geschlechter, welches 

sie augenblicklich genießt und verwaltet, unbeschränkt zu verfügen, als ob 
die Freiheit des Eigentums nicht zerstört würde durch ein Schalten mit 
demselben, welches alle Nachkommen dieser Freiheit beraubt! Als ob eine 
solche Fesselung des Menschen an die Scholle wirklich ewigen Bestand 
haben könnte! Die Aufmerksamkeit übrigens, die Arndt dem Grundeigen- 
tum widmet, ist eine wohlverdiente, und die Wichtigkeit des Gegenstandes 
wäre einer ausführlichen Besprechung von der Höhe der Zeit wohl wert. 
Die bisherigen Theorien leiden alle an der Erbkrankheit der deutschen 
Gelehrten, die ihre Selbständigkeit darein setzen, jeder ein apartes System 
für sich zu haben. 

Verdienten die retrograden Seiten der Deutschtümelei schon eine ge- 
nauere Prüfung, teils um des verehrten Mannes willen, der sie als seine 
Überzeugung verficht, teils um der Begünstigung willen, welche sie neuer- 
dings in Preußen erfahren haben, so muß eine andere Richtung derselben 
darum um so entschiedener zurückgewiesen werden, weil sie augenblick- 
lich unter uns wieder überhandzunehmen droht - der Franzosenhaß. Ich 
will mit Arndt und den übrigen Männern von 1813 nicht rechten, aber das 
servile Gewäsch, das die Gesinnungslosigkeit jetzt in allen Zeitungen gegen 
die Franzosen verführt, ist mir durch und durch zuwider. Es gehört ein 
hoher Grad von Untertänigkeit dazu, um durch den Julitraktat!! über- 
zeugt zu werden, daß die orientalische Frage eine Lebensfrage Deutsch- 
lands ist und Mehemed Ali unser Volkstum gefährdet. Von diesem Stand- 
punkte aus hat denn Frankreich freilich durch die Unterstützung des Ägyp- 
ters dasselbe Verbrechen an der deutschen Nationalität begangen, dessen 
es sich im Anfange dieses Jahrhunderts schuldig machte. Es ist traurig, 
daß man nun schon seit einem halben Jahre kein Zeitungsblatt mehr in die 
Hand nehmen kann, ohne der franzosenfressenden Wut zu begegnen, die 
neu erwacht ist. Und wozu? Um den Russen Gebietszuwachs und den Eng- 
ländern Handelsmacht genug zu geben, daß sie uns Deutsche ganz ein- 
klemmen und zerdrücken können! Das stabile Prinzip Englands und das 
System Rußlands, das sind die Erbfeinde des europäischen Fortschritts, 
nicht aber Frankreich und seine Bewegung. Aber weil zwei deutsche Fürsten 
dem Traktat beizutreten für gut fanden, ist die Sache plötzlich eine deut- 
sche, Frankreich der alte gottlose, „welsche“ Erbfeind, und die ganz natür- 
lichen Rüstungen des allerdings beleidigten Frankreichs sind ein Frevel an 
der deutschen Nation. Das alberne Geschrei einiger französischer Jour- 
nalisten nach der Rheingrenze wird weitläuftiger Erwiderungen wert ge- 
halten, die leider von den Franzosen gar nicht gelesen werden, und Beckers 

Lied: „Sie sollen ihn nicht haben“ .wird par force zum Volksliede gemacht. 
Ich gönne Beckern den Erfolg seines Liedes, ich will den poetischen Inhalt 
desselben gar nicht untersuchen, ich freue mich sogar, vom linken Rhein- 
ufer so deutsche Gesinnung zu vernehmen, aber ich finde es mit den in 
diesen Blättern bereits darüber erschienenen Artikeln, die mir eben zu Ge- 
sichte kommen, lächerlich, daß man das bescheidene Gedicht zur National- 
hymne erheben will. „Sie sollen ihn nicht haben!“ Also wieder negativ? 
Könnt ihr mit einem negierenden Volksliede zufrieden sein? Kann deut- 
sches Volkstum nur in der Polemik gegen das Ausland eine Stütze finden? 
Der Text der Marseillaise ist trotz aller Begeisterung nicht viel wert, aber 
wieviel edler ist hier das Übergreifen über die Nationalität hinaus zur 
Menschheit. Und - nachdem Burgund und Lothringen uns entrissen; nach-- 
dem wir Flandern französisch, Holland und Belgien unabhängig werden 
ließen, nachdem Frankreich mit dem Elsaß schon bis an den Rhein vor- 
gedrungen und nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der ehemals deutschen 
linken Rheinseite noch unser ist, jetzt schämen wir uns nicht, großzutun 
und zu schreiben: das letzte Stück sollt ihr wenigstens nicht haben. O über 
die Deutschen! Und wenn die Franzosen den Rhein hätten, so würden wir 
doch mit dem lächerlichsten Stolze rufen: Sie sollen sie nicht haben, die 
freie deutsche Weser und so fort bis zur Eibe und Oder, bis Deutschland 
zwischen Franzosen und Russen geteilt wäre, und uns nur zu singen bliebe: 
Sie sollen ihn nicht haben, den freien Strom der deutschen Theorie, solang 
er ruhig wallend ins Meer der Unendlichkeit fließt, solange noch ein un- 
praktischer Gedankenfisch auf seinem Grund die Flosse hebt! Statt dad 
wir Buße tun sollten im Sack und in der Asche für die Sünden, durch die 
wir alle jene schönen Länder verloren haben, für die Uneinigkeit und den 
Verrat an der Idee, für den Provinzial-Patriotismus, der vom Ganzen um 
des lokalen Vorteils willen abfällt, und für die nationale Bewußtlosigkeit. 
Allerdings ist es eine fixe Idee bei den Franzosen, daß der Rhein ihr Eigen- 
tum sei, aber die einzige des deutschen Volkes würdige Antwort auf diese 
anmaßende Forderung ist das Arndtsche: „Heraus mit dem Elsaß und 
Lothringen!“ 

Denn ich bin - vielleicht im ea zu vielen, deren Saum ich 
sonst teile - allerdings der Änsicht, daß die Wiedereroberung der deutsch- 
sprechenden linken Rheinseite eine nationale Ehrensache, die Germanisie- 
rung des abtrünning gewordenen Hollands und Belgiens eine politische 
Notwendigkeit für uns ist. Sollen wir in jenen Ländern die deutsche Na- 
tionalität vollends unterdrücken lassen, während im Osten sich das Slawen- 
tum immer mächtiger erhebt? Sollen wir die Freundschaft Frankreichs mit 

der Deutschheit unserer schönsten Provinzen erkaufen; sollen wir einen 
kaum hundertjährigen Besitz, der sich nicht einmal das Eroberte assimi- 
lieren konnte; sollen wir die Verträge von 1815 1°! für ein Urteil des Welt- 
geistes in letzter Instanz halten? 

Aber auf der andern Seite sind wir der Elsasser nicht wert, solange wir 
ihnen nicht das geben können, was sie jetzt besitzen, ein freies, öffentliches 
Leben in einem großen Staate. Es kommt ohne Zweifel noch einmal zum 
Kampfe zwischen uns und Frankreich, und da wird sich’s zeigen, wer des 
linken Rheinufers würdig ist. Bis dahin können wir die Frage ruhig der 
Entwickelung unserer Volkstümlichkeit und des Weltgeistes anheimstellen, 
bis dahin wollen wir auf ein klares, gegenseitiges Verständnis der europäi- 
schen Nationen hinarbeiten und nach der innern Einheit streben, die unser 
erstes Bedürfnis und die Basis unserer zukünftigen Freiheit ist. Solange die 
Zersplitterung unseres Vaterlandes besteht, solange sind wir politisch Null, 
solange sind öffentliches Leben, ausgebildeter Konstitutionalismus, Preß- 
freiheit, und was wir noch mehr verlangen, alles fromme Wünsche, deren 
Ausführung immer halb bleiben wird; darnach also strebt und nicht nach 
Exstirpation der Franzosen! | 

Aber dennoch hat die deutschtümliche Nester ihre Aufgabe naeh Im- 
mer nicht ganz vollbracht: es ist noch genug über die Alpen, den Rhein und 
die Weichsel heimzuschicken. Den Russen wollen wir die Pentarchie!?*! 
lassen; den Italienern ihren Papismus und was daran klebt, ihren Bellini, 
Donizetti und selbst Rossini, wenn sie mit diesem großtun wollen gegen 
Mozart und Beethoven; den Franzosen ihre arroganten Urteile über uns, 
ihre Vaudevilles und Opern, ihren Scribe und Adam. Wir wollen heim- 
jagen, woher sie gekommen sind, alle die verrückten ausländischen Ge- 
bräuche und Moden, alle die überflüssigen Fremdwörter; wir wollen auf- 
hören, die Narren der Fremden zu sein, und zusammenhalten zu einem 
einigen, unteilbaren, starken - und so Gott will, freien deutschen Volk.