Siegfrieds Heimat 
Von Friedrich Oswald 


[„ Telegraph für Deutschland” 
Nr. 197, Dezember 1840] 


Do wuohs in Niderlanden eins richen Küneges kint, 
Sin vater hiez Siegmunt, sin muoter Siglint, 

In einer bürge riche, diu witen was bekant, 

Niden bi dem Rine, diu was ze Santen genant. 


Der Nibelunge Not, [I] 20 


Nicht allein oberhalb Köln sollte der Rhein besucht werden, und nament- 
lich die deutsche Jugend sollte sich nicht dem reisenden John Bull gleich- 
stellen, der sich von Rotterdam bis Köln in der Kajüte des Dampfschiffes 
langweilt, und erst dann aufs Verdeck steigt, weil hier sein Panorama des 
Rheins von Köln bis Mainz oder sein Guide for travellers on the Rhinet 
beginnt. Die deutsche Jugend sollte sich einen wenig besuchten Ort zum 
Wallfahrtsorte wählen, ich meine die Heimat Hürnensiegfrieds, Xanten. 

Römerstadt, wie Köln, blieb es im Mittelalter klein und äußerlich un- 
bedeutend, während Köln groß wurde und einem kurfürstlichen Erzbis- 
tume den Namen gab. Aber Xantens Kathedrale blickt in herrlicher Voll- 
endung weithin in die Prosa der holländischen Sandfläche, und Kölns 
kolossalerer Dom blieb Torso; aber Xanten hat Siegfried und Köln nur 
den heiligen Hanno, und was ist das Hannolied gegen die Nibelungen! 

Ich kam vom Rheine her. Durch enge, verfallene Tore trat ich in die 
Stadt; schmutzige, enge Gassen führten mich auf den freundlichen Markt, 
und von dort schritt ich auf ein überbautes Tor in der Mauer zu, die den 
ehemaligen Klosterhof mit der Kirche umgrenzte. Über dem Tore, rechts 
und links, unter den beiden Türmchen, standen zwei Basreliefs, unverkenn- 
bar zwei Siegfriede, leicht von dem Schutzpatron der Stadt, dem über jeder 


1 Führer für Rheinreisende 


106 Siegfrieds Heimat 


Haustüre abgebildeten heiligen Viktor, zu unterscheiden. Der Heid steht 
da, im enganschließenden Schuppenpanzer, den Speer in der Hand, auf 
dem Bilde rechts dem Lindwurm den Speer in den Rachen rennend, links 
den „starken Zwerg“ Älberich niedertretend. Es war mir auffallend, diese 
Bildwerke in Wilhelm Grimms deutscher Heldensage, wo doch sonst alles 
gesammelt ist, was sich auf den Gegenstand bezieht, nicht erwähnt zu fin- 
den. Auch sonst erinnere ich mich nicht, von ihnen gelesen zu haben, und 
doch gehören sie mit zu den wichtigsten Zeugnissen für die örtliche An- 
knüpfung der Sage im Mittelalter. | 

Ich durchschritt den hallenden, gotisch gewölbten Torweg und stand 
vor der Kirche. Die griechische Baukunst ist helles, heiteres Bewußtsein, 
die maurische Trauer, die gotische heilige Ekstase; die griechische Architek- 
tur ist lichter, sonniger Tiag, die maurische sterndurchflimmerte Dämme- 
rung, die gotische Morgenröte. Hier vor dieser Kirche empfand ich, wie 
niemals, die Gewalt des gotischen Baustils. Nicht zwischen modernen 
Gebäuden, wre en Kölne er Dom, oder sar verbaut mit Häusern die on 


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Eindruck; sondern nur zwischen waldigen Bergen, wie die Koche von 
Altenberg im Bergischen, oder wenigstens getrennt von allem Fremdartigen, 
Modernen, zwischen Klostermauern und alten Gebäuden, wie der Dom 
von Xanten. Da erst empfindet man es tief, was ein Jahrhundert volibringen 
kann, wenn es sich mit aller seiner Macht auf ein Einziges, Großes wirft. 
Und stände erst der Kölner Dom so frei und dem Blick von allen Seiten, 
in allen seinen riesigen Dimensionen so offen, wie die Kirche von Xanten, 
wahrlich, das neunzehnte Jahrhundert müßte sterben vor Scham, daß es 
mit all seiner Superklugheit dieses Gebäude nicht vollenden kann. Denn 
wir kennen die religiöse Tat nicht mehr, und darum wundern wir uns auch 
über eine Mistreß Fry, die im le zu den gewöhnlichsten Er- 
scheinungen gehört hätte. 

Ich trat in die Kirche; es wurde gerade das Hochamt schien Die Orgel- 
töne brausten vom Chor herunter, eine jubelnde Schar herzenerobernder 
Krieger, und jagten durch das hallende Schiff, bis sie sich in den entfernteren 
Gängen der Kirche verliefen. Und laß auch du dein Herz von ihnen be- 
zwingen, Sohn des neunzehnten Jahrhunderts - diese Klänge haben Stär- 
kere und Wildere gebändigt denn du! Sie haben die alten deutschen Götter 
aus ihren Hainen vertrieben, sie haben die Helden einer großen Zeit über 
das stürmische Meer, durch die Wüste und ihre nie besiegten Kinder nach 
Jerusalem geführt, sie sind die Schatten tatendürstender, heißblütiger Jahr- 


Siegfrieds Heimat | 107 


hunderte! Dann aber, wenn die Posaunen das Wunder der Transsubstan- 
tiation verkünden, wenn der Priester die blitzende Monstranz erhebt und 
alles Bewußtsein der Gemeine trunken ist vom Wein der Andacht, dann 
stürze hinaus, rette dich, rette dein Denken aus diesem Meere des Gefühls, 
das durch die Kirche wogt, und bete draußen zu dem Gott, des Haus nicht 
von Menschenhänden gemacht ist, der die Welt durchhaucht und im Geist 
und in der Wahrheit angebetet sein will. 

Erschüttert ging ich weg und ließ mich zu einem Gasthof, dem einzigen 
des Städichens, zeigen. Als ich in die Wirtsstube trat, merkte ich, daß ich 
in Hollands Nachbarschaft sei. Eine seltsam gemischte Ausstellung von 
Gemälden und Kupferstichen an den Wänden, ins Glas geschnittenen 
Landschaften an den Fenstern, Goldfischen, Pfauenfedern und tropischen 
Blattgerippen vor dem Spiegel zeigte recht deutlich den Stolz des Wirtes, 
Dinge zu besitzen, die andere nicht haben. Diese Raritätensucht, die in ent- 
schiedener Geschmacklosigkeit sich mit den Produkten der Kunst und 
Natur, gleichviel ob schön oder häßlich, umgibt und die sich am wohlsten 
in einem Zimmer befindet, das von solchen Unsinnigkeiten strotzt, das ist 
die Erbsünde des Holländers. Welch ein Schauder ergriff mich aber erst, 
als der gute Mann mich in seine sogenannte Gemäldesammlung führte! 
Ein kleines Zimmer, die Wände ringsum dicht bedeckt von Gemälden 
geringen Wertes, obwohl er behauptete, Schadow habe ein Porträt, welches 
freilich viel hübscher war als die übrigen, für einen Hans Holbein erklärt. 
Einige Altarbilder von Jan van Calcar (einem benachbarten Städtchen) hatten 
lebhaftes Kolorit und würden dem Kenner interessant gewesen sein. Aber 
wie war dieses Zimmer noch sonst dekoriert! Palmenblätter, Korallenzweige 
. und dergleichen ragten aus jeder Ecke hervor, ausgestopfte Eidechsen waren 
überall angebracht, auf dem Ofen standen ein paar von bunten Seemuscheln 
zusammengesetzte Figuren, wie man sie namentlich in Holland häufig fin- 
det; in einer Ecke stand die Büste des Kölners Wallraf und unter ihr hing 
der mumienhaft ausgedörrte Leichnam einer Katze, die mit einem Vorder- 
fuß einem gemalten Christus am Kreuz grade ins Gesicht trat. Sollte einer 
meiner Leser einmal nach Xanten in dies einzige Hotel verschlagen werden, 
so frage er den gefälligen Wirt nach seiner schönen antiken Gemme; er be- 
sitzt eine wunderschöne, in einen Opal geschnittene Diana, die mehr wert 
ist als seine ganze Gemäldesammlung. 

In Xanten muß man nicht versäumen, die Sammlung von Altertümern 
des Herrn Notar Houben! zu sehen. Hier ist fast alles vereinigt, was auf 


1 Im „Telegraph für Deutschland“: Huber 


108 Siegfrieds Heimat 


‘dem Boden der Castra veteral! ausgegraben und aufgefunden wurde. Die 

Sammlung ist interessant, doch enthält sie nichts von besonderem Kunst- 
wert, wie das von einer Militärstation, wie Castra vetera war, auch zu er- 
warten ist. Die wenigen schönen Gemmen, die hier gefunden wurden, sind 
ganz zerstreut in der Stadt; das einzige größere Denkmal der Skulptur ist 
eine etwa drei Fuß lange Sphinx im Besitze des erwähnten Gastwirts; sie 
ist von gewöhnlichem Sandstein, schlecht erhalten, übrigens auch nie 
schön gewesen. 

Ich ging vor die Stadt und bestieg einen Sandberg, die einzige natürliche 
Erhöhung in weitem Kreise. Das ist der Berg, wo nach der Sage Siegfrieds 
Burg gestanden hat. Am Eingange eines Fichtenwaldes setzte ich mich 
nieder und sah auf die Stadt herab. Von allen Seiten durch Dämme um- 
geben, lag sie in einem Kessel, über dessen Rand sich nur die Kirche maje- 
stätisch erhob. Rechts der Rhein, der mit breiten, blinkenden Armen eine 
grüne Insel umschließt, links die Clevischen Berge in blauer Ferne. 


2 
Was ist es, das uns in der r Sage i von Siegfried so mächtig ergreift? Nicht 
der Verlauf der Geschichte an sich, nicht der schmählichste Verrat, dem 


der jugendliche Held unterliegt; es ist die tiefe Bedeutsamkeit, die in seine 
Person gelegt ist. Siegfried ist der Repräsentant der deutschen Jugend. Wir 
alle, die wir ein von den Beschränkungen des Lebens noch ungebändigtes 
Herz im Busen tragen, wissen, was das sagen will. Wir fühlen alle denselben 
Tatendurst, denseiben Trotz gegen das Herkommen in uns, der Siegfrieden 
aus der Burg seines Vaters trieb; das ewige Überlegen, die philiströse Furcht 
vor der frischen Tat ist uns von ganzer Seele zuwider, wir wollen hinaus 
in die freie Welt, wir wollen die Schranken der Bedächtigkeit umrennen 
und ringen um die Krone des Lebens, die Tat. Für Riesen und Drachen 
haben die Philister auch gesorgt, namentlich auf dem Gebiete von Kirche 
und Staat. Aber das Zeitalter ist nicht mehr; man steckt uns in Gefängnisse, 
Schulen genannt, wo wir, statt selber um uns zu schlagen, das Zeitwort: 
schlagen so recht zum Spott durch alle Modi und Tempora griechisch 
durchkonjugieren müssen, und wenn man uns aus der Disziplin losläßt, so 
fallen wir der Göttin des Jahrhunderts, der Polizei, in die Arme. Polizei 
beim Denken, Polizei beim Sprechen, Polizei beim Gehen, Reiten und 
Fahren, Pässe, Aufenthaltskarten und Douanenscheine - es schlage der 
Teufel Riesen und Drachen tot! Nur den Schein der Tat haben sie uns ge- 
lassen, das Rapier statt des Schwertes; und was sol! alle Fechterkunst mit 
dem Rapier,wenn wir sie nicht mit dem Schwerte anwenden dürfen? Und 
wenn einmal die Schranken durchbrochen werden, wenn die Philisterei und 
der Indifferentismus einmal überritten wird, wenn der Tatendrang sich 


Siegfrieds Heimat 109 


Luft macht - seht ihr dort jenseits des Rheines den Turm von Wesel? Die 
Zitadelle jener Stadt, die eine Burg der deutschen Freiheit genannt wird, 
sie ist ein Grab der deutschen Jugend geworden, und sie muß der Wiege 
des größten deutschen Jünglings grade gegenüberliegen! Wer hat dort ge- 
sessen? Studenten, welche nicht umsonst wollten fechten gelernt haben, 
vulgo Duellanten und Demagogen. Jetzt, nach der Amnestie Friedrich 
Wilhelms IV., darf man es sagen, daß diese Amnestie ein Akt nicht nur 
der Gnade, sondern auch der Gerechtigkeit war. Alle Prämissen und nament- 
lich die Notwendigkeit zugegeben, daß der Staat gegen diese Verbindun- 
gen einschreiten mußte; so werden doch alle, die das Wohl des Staates 
nicht im blinden Gehorsam, in der strikten Subordination sehen, darin mit 
mir übereinstimmen, daß durch die Behandlung der Beteiligten eine Restitu- 
tion derselben in Ehren und Würden bedingt war. Die demagogischen Ver- 
bindungen unter der Restauration und nach den Julitagen!”! waren ebenso 
erklärlich, wie sie jetzt unmöglich sind. Wer hatte denn damals jede freie 
Regung unterdrückt, wer hatte das Pochen des jugendlichen Herzens unter 
„provisorische“ Kuratel gestellt? Und wie sind jene Unglücklichen be- 
handelt worden? Kann man es leugnen, daß dieser Rechtsfall grade dazu 
gemacht ist, um alle Nachteile und Fehler der schriftlichen und geheimen 
Rechtspflege ins hellste Licht zu stellen, um den Widerspruch zu beweisen, 
daß besoldete Staatsdiener, anstatt unabhängiger Geschwornen, über An- 
klagen auf Vergehen gegen den Staat zu richten haben; kann man es leug- 
nen, daß die ganze Verurteilung in Bausch und Bogen, „im Rummel“, wie 
die Kaufleute sagen, geschehen ist? 

Doch ich will hinuntergehen an den Rhein und lauschen, was die abend- 
rotumstrahlten Wellen der Muttererde Siegfrieds erzählen von seinem 
Grabe zu Worms und vom versenkten Horte. Vielleicht daß eine gütige Fee 
Morgana mir das Schloß Siegfrieds neu erstehen läßt oder mir vorspiegelt, 
was seinen Söhnen im neunzehnten Jahrhundert für Heldentaten vor- 
behalten sind.