Von Friedrich Oswald 


I 


Karl Gutzkow als Dramatiker 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.51 vom 26. März 1840] 

Man hätte glauben sollen, daß nach dem bekannten Artikel Gutzkows 
im „Jahrbuch der Literatur“ !?%] seine Gegner sich zu gleich edler Rache 
gedrungen fühlen würden; Kühne etwa ausgenommen, der wirklich auch 
hier zu oberflächlich abgefertigt wurde. Aber man kennt den Egoismus 
unserer Literatur schlecht, wenn man dergleichen erwartet. Es war sehr 
bezeichnend, daß der „Telegraph“ in seinem literarischen Kurszettel die 
Selbstschätzung jedes Schriftstellers zur Normalzahl nahm. So war voraus- 
zusehen, daß von dieser Seite den neuesten Gutzkowschen Schriften kein 
besondrer Willkommen zuteil werden würde. 

Aber es gibt doch Leute unter unsern Kritikern, die sich der Unpartei- 
lichkeit gegen Gutzkow rühmen, andre, die eine entschiedene Vorliebe für 
seine literarische Wirksamkeit von sich gestehen. Diese haben viel Rühmens 
gemacht von seinem „Richard Savage“), von „Savage“, den Gutzkow in 
‚zwölf Tagen in hebernder Hast geschrieben hat, - und den „Saul“, dem 
man es ansieht, mit wie vieler Liebe ihn der Dichter ausgearbeitet, wie 
sorgsam er ihn gepflegt hat, den fertigen sie mit ein paar Worten halber An- 
erkennung ab. Gerade während „Savage“ auf allen Bühnen sein Glück 
machte, alle Journale mit Kritiken füllte, da hätten doch diejenigen, denen 
die Bekanntschaft mit diesem Drama versagt war, sich veranlaßt sehen 
‚müssen, im „Saul“, der ihnen gedruckt vorlag, dem dramatischen Talente 
Gutzkows nachzuspüren. Aber wie wenige Blätter haben auch nur eine 


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36 Modernes Literaturleben 


oberflächliche Kritik dieser Tragödie gebracht! Man weiß wahrlich nicht, 
was man von unsrem Literaturgetriebe halten soll, wenn man dieser Ver- 
nachlässigung die Diskussionen gegenüberstelli, die Becks „Fahrender 
Poet“ erregte - eine Dichtung, die der Klassizität wahrlich ferner steht als 
Gutzkows „Saul“! 

Bevor wir aber zur Besprechung dieses Dramas übergehen, haben wir 
uns mit den beiden dramatischen Studien im „Skizzenbuch“ zu beschäfti- 
gen. Der erste Akt einer unvollendeten Tragödie „Marino Falieri“ zeigt, 
wie sehr Gutzkow jeden einzelnen Akt in sich zu verarbeiten und abzu- 
runden versteht, wie gewandt er den Dialog behandeln und ihn mit Fein- 
heit, Grazie und Witz ausstatten kann. Aber er hat nicht Handlung genug, 
man kann seinen Inhalt in drei Worten erzählen, und somit würde er auf 
der Bühne auch den langweilen, der die Schönheiten der Ausführung zu 
kosten versteht. Die Verbesserung wäre freilich schwierig, da die Handlung 
so beschaffen ist, daß, ohne Schaden auf der andern Seite, nichts mehr 
aus dem zweiten in den ersten Akt herübergenommen werden könnte. 
Hier aber bewährt sich der echte Dramatiker, und wenn Gutzkow, wie 
ich überzeugt bin, ein solcher ist, so muß er in der versprochenen und 
hoffentlich bald vollendeten ganzen Tragödie das Problem befriedigend 
lösen. Ä | 

„Hamlet in Wittenberg“ gibt uns schon die Umrisse eines Ganzen. 
Gutzkow hat sehr gut daran getan, hier nur Umrisse zu geben, da die 
gelungenste Partie, die Szene, in der Ophelia auftritt, in genauerer Aus- 
malung beleidigen würde. Dagegen ist mir unerklärlich, wie Gutzkow, um 
in Hamlets Brust den Zweifel, das deutsche Element, zu bringen, diesen 


mit Faust zusammenbringen konnte. Es ist ja gar nicht nötig, diese Rich- 
tung von außen in Hamlets Seele zu bringen, da sie längst darin und ihm 
angeboren ist. Shakespeare hätte sie sonst auch wohl noch besonders moti- 
viert. Gutzkow beruft sich hier auf Börne, aber gerade dieser weist ja neben 
der Zergliederung Hamlets auch die Einheit seines Charakters nach!), 
Und wodurch kommen bei Gutzkow diese Elemente in den Geist Hamlets? 
Etwa durch den Fluch, den Faust über den jungen Dänen ausspricht? 
Solche Deus-ex-machina-Wirkungen würden alle dramatische Poesie 
unmöglich machen. Durch die von Hamlet belauschten Gespräche Fausts 
mit Mephistopheles? Erstlich würde dann der Fluch seine Bedeutung 
verlieren, und zweitens ist der Faden, der von diesem Charakter des 
Shakespeareschen Hamlet führt, oft so fein, daß man ihn aus den Augen 
verliert, und konnte dann drittens Hamlet gleich darauf so gleichgültig von 
andern Dingen sprechen? Anders ist’s mit der Erscheinung Opheliens. 


I- Karl Gutzkow als Dramatiker 37 


Hier hat Gutzkow Shakespeare'n durchschaut, und wenn das nicht, so hat 
er ihn ergänzt. Es ist ein Kolumbusei, nachdem die Kritik sich zweihundert 
Jahre darüber gestritten, wird hier eine Lösung gebracht, die so originell 
‘wie poetisch und wahrscheinlich die einzig mögliche ist. Auch die Aus- 
führung dieser Szene ist meisterhaft. Wer durch eine gewisse Szene in der 
„Wally“ nicht überzeugt worden war, daß Gutzkow auch Phantasie auf- 
zuwenden hat und kein kalter Verstandesmensch ist, der kann es hier er- 
fahren. Der zarte, dichterische Hauch, der um die duftige Gestalt Ophe- 
liens weht, ist mehr, als man von bloßen Umrissen erwarten durfte. - Total 
mißlungen sind die Verse, die Mephistopheles spricht. Die Sprache des 
Goetheschen „Faust“, den Wohlklang, der aus den scheinbaren Knittel- 
versen heraustönt, nachzubilden, dazu gehörte ein zweiter Goethe; jedem 
andern werden diese leichten Verse unter der Hand hölzern und schwer- 
fällig. Über die Auffassung des bösen Prinzips will ich mit Gutzkow hier 
nicht rechten. 

Wir kommen jetzt zu unsrem Hauptwerke, dem „König Saul“. Man hat 
Gutzkow vorgeworfen, er habe dem „Savage“ mehrere Posaunen- und 
Trompetenfanfaren im „Telegraphen“ vorhergehen lassen, obwohl sich 
der ganze Skandal um zwei oder drei kleine Notizen dreht; daß andre ihre 
Werke von bezahlten Musikanten bewillkommnen lassen, daran denkt nie- 
mand; aber weil es Gutzkow ist, der diesem eine derbe Wahrheit gesagt 
und jenem vielleicht eine kleine Ungerechtigkeit zugefügt hat, wird es ihm 
zum großen Verbrechen angerechnet. Bei dem „König Saul“ finden diese 
Vorwürfe keine Stelle; unangemeldet, weder von Feuilletonsnotizen noch 
von Proben im „Telegraphen“, trat er in die Welt. Dieselbe Bescheidenheit 
im Drama selbst; da steigen keine Knalleffekte mit Donner und Blitz wie 
vulkanische Inseln aus dem Meere eines wäßrigen Dialogs, da werden keine 
pomphaften Monologe abgeleiert, deren begeisterte oder rührende Rhetorik 
mehrere dramatische Schnitzer bedecken muß; da entwickelt sich alles 
ruhig und organisch, und die Handlung wird von einer bewußten, poetischen 
Kraft sicher bis zum Schlusse geführt. Und wird unsre Kritik ein solches 
Werk einmal lesen und dann einen Artikel schreiben, dessen geistreichen 
Blumen-Arabesken man es ansieht, welchem flachen Sandboden sie ent- 
sprossen sind? Das rechne ich dem „König Saul“ eben hoch an, daß seine 
Schönheiten nicht auf der Oberfläche liegen, daß man sie suchen muß, ja 
daß man nach einmaliger Lektüre das Buch verächtlich in einen Winkel 
werfen kann. Laßt einen gebildeten Menschen vergessen, wie berühmt 
Sophokles ist, und laßt ihn dann zwischen der „Antigone“ und dem „Saul“ 
wählen; ich bin überzeugt, nach einmaliger Lektüre würde er beide Werke 


38 Modernes Literaturleben 


gleich schlecht finden. Ich will damit natürlich nicht gesagt haben, daß der 
„Saul“ sich mit des größten Griechen größter Dichtung messen könne, ich 
will nur den Grad der Verkehrtheit bezeichnen, mit dem eine leichtfertige 
Oberflächlichkeit urteilen kann. Es war ergötzlich anzusehen, wie einige 
geschworne Feinde des Verfassers nun plötzlich glaubten, einen ungeheuren 
Triumph zu haben, wie sie jubelnd auf den „Sau!“ hinwiesen, als auf ein 
Denkmal der ganzen Hohlheit und Unpoesie Gutzkows, wie sie mit Samuel 
nichts anzufassen wußten und behaupteten, von ihm hieße es immer: „Ich 
weiß nicht, lebt er oder ist er tot?“ Es war spaßhaft, wie schön sie unbewußt 
ihre grenzenlose Oberflächlichkeit an den Tag legten. Gutzkow mag sich 
aber beruhigen; so ist es den Propheten ergangen, die vor ihm gewesen sind, 
und am Ende kommt sein „Saul“ auch noch unter die Propheten; so 
haben sie Ludwig Uhlands Dramen verachtet, bis Wienbarg ihnen die 
Augen geöffnet hat!””!. Gerade die Uhlandschen Dramen haben in der 
bescheidnen Einfachheit ihres Kleides viel Verwandtes mit dem „Saul“. 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.52 vom 27.März 1840] 


Ein andrer Grund, weshalb die Oberflächlichkeit so leicht mit dem 
„Saul“ fertig wurde, liegt in der eigentümlichen Auffassung der Ge- 
schichtsfabel. Bei Geschichtswerken, die so bekannt sind wie das erste 
Buch Samuelis und die so manchen und verschiedenartigen Betrachtungs- 
weisen unterliegen, hat jeder seinen eigentümlichen Standpunkt, den er im 
Fall einer poetischen Bearbeitung wenigstens einigermaßen im Gedichte 
anerkannt oder beachtet sehen will. Der eine ist für Saul, der andre für 
David, der dritte für Samuel; und jeder, mag er noch so hoch und teuer 
versichern, er wolle dem Dichter seine Ansicht lassen, ist doch pikiert, 
wenn die seinige nicht respektiert wird. Aber Gutzkow hat sehr gut getan, 
hier die gemeine Heerstraße zu verlassen, wo auch der ordinärste Karren 
ein Geleise findet. Ich möchte den sehen, der es unternimmt, einen rein 
historischen Saul in der Tragödie zu schaffen. Ich kann mich mit den bis- 
herigen Versuchen, die Geschichte Sauls auf rein historischen Boden zu- 
rückzuführen, nicht begnügen. Die historische Kritik der alttestament- 
lichen Schriften ist noch nicht aus den Revieren des abgedankten Rationalis- 
mus herausgekommen. Ein Strauß hätte hier noch viel zu tun, wenn er 
streng und scharf heraussondern wollte, was Mythe, was Geschichte, was 
von den Priestern untergeschoben ist. Ferner, ist nicht durch tausend 
mißglückte Versuche erwiesen, welch ein unfruchtbarer Boden für das 


I: Karl Gutzkow als Dramatiker 39 


Drama der Orient als solcher ist? Und wo ist denn in der Geschichte das 
Höhere, das siegend hervorgeht, wenn die Individualitäten, die sich über- 
lebt haben, zusammenkrachen? Doch wohl nicht David? Der bleibt ja nach 
wie vor dem Einfluß der Priester zugänglich und ist höchstens in dem 
unhistorischen Licht, in dem ihn die Bibel darstellt, ein poetischer Held. 
Somit hat Gutzkow hier nicht nur ein Recht gebraucht, das jedem Dichter 
zusteht, er hat auch die Hindernisse hinweggeräumt, die einer poetischen 
Darstellung entgegenstehen. Wie würde denn ein rein historischer Saul, 
bekleidet mit allem dem, was Zeit und Nationalität ihm angeheftet, er- 
scheinen? Denkt ihn euch, wie er in hebräischen Parallelismen spricht, wie 
alle seine Vorstellungen sich auf Jehova, alle seine Bilder sich auf den 
hebräischen Kultus beziehen, denkt euch den historischen David, der in 
Psalmenphrasen spricht - an einen historischen Samuel ist noch gar nicht 
zu denken -, und dann fragt euch, ob solche Gestalten im Drama auch nur 
erträglich sind? Hier mußten die Kategorien der Zeit und der Nationalität 
entfernt werden, hier müßten die Umrisse der Charaktere, wie sie in der 
biblischen Geschichte und der bisherigen Kritik gegeben sind, manche 
sehr nötige Veränderung erleiden; ja, hier mußte sich: bei ihnen manches 
- zum klaren Begriff entwickelt haben, was sie der Geschichte nach nur als 
Ahnung oder höchstens ‘als unbestimmte Vorstellung kannten. So hatte 
der Dichter vollkommnes Recht, den Begriff der Kirche zum Beispiel bei 
seinen Personen vorauszusetzen. - Und hier kann man Gutzkow nicht 
anders als den größten Beifall zollen, wenn man betrachtet, wie er seine 
Aufgabe gelöst hat. Die Fäden, aus denen er seine Charaktere gewebt hat, 
finden sich alle, wenn auch vielfach verschlungen, in seiner Quelle wieder; 
manchen Faden mußte er herausziehen und wegwerfen, aber nur die 
parteilichste Kritik kann ihm vorwerfen, er habe Fremdes — die Philister- 
szene ausgenommen - hineingewebt. 

Im Mittelpunkte des Dramas gruppieren sich drei Charaktere, durch 
deren eigentümliche Darstellung Gutzkow seinen Stoff erst eigentlich 
tragisch gemacht hat. Hier zeigt sich eine echt poetische Geschichts- 
auffassung, man wird mich nie überzeugen können, daß ein „kalter Ver- 
standesmensch“, ein „Mann der Debatte“ fähig sei, aus einer verworrenen 
Erzählung gerade das herauszunehmen, was den höchsten tragischen 
Effekt hervorbringen muß. Diese drei Charaktere sind Saul, Samuel und 
David. Saul schließt eine Periode der hebräischen Geschichte ab, die Zeit 
der Richter, die Zeit der Heldensage; Saul ist der letzte israelitische 
Nibelunge, dessen Reckengeschlecht ihn zurückgelassen hat in einer Zeit, 
die er nicht versteht und die ihn nicht versteht. Saul ist ein Epigone, dessen 


40 Modernes Literaturleben 


Schwert ursprünglich bestimmt war, durch die Nebel der Mythenzeit zu 
blitzen, dessen Unglück es aber ist, die Zeit der eindringenden Kultur 
erleben zu müssen; eine Epoche, die ihm fremd ist, die sein Schwert mit 
Rost bedeckt, und die er darum zurückzudrängen sucht. Er ist sonst ein 
edler Mensch, dem kein menschliches Gefühl fremd ist, aber er kennt die 
Liebe nicht, wenn sie im Gewande der neuen Zeit zu ihm tritt. Er hält 
diese neue Zeit. und ihre Zeichen für Priesterwerk, während die Priester sie 
nur vorbereiten, nur Werkzeuge in der Hand der Geschichte sind, aus 
deren hierarchischer Saat eine ungeahnte Pflanze sprießt; er bekämpft die 
neue Epoche, aber sie kommt über ihn, sie wird riesenstark über Nacht und 
zerschmettert mit allen, die ihr widerstehen, auch den großen, edlen Saul. - 
Samuel steht auf dem Übergange zur Kultur; als privilegierte Besitzer der 
Bildung bereiten hier, wie immer, die Priester den Kulturzustand bei 
rohen Völkern vor, aber die Bildung dringt ins Volk, und die Priester müssen, 
dem Volk gegenüber, andre Waffen ergreifen, wenn sie ihren Einfluß 
behaupten wollen. Samuel ist ein echter Priester, dessen Heiligstes die 
Hierarchie ist; er glaubt fest an seine göttliche Sendung, er ist überzeugt, 
daß mit dem Sturz der Priesterherrschaft Jehovas Zorn über das Volk ein- 
brechen werde. Mit Schrecken sieht er, daß das Volk, wenn es einen König 
fordert, schon zu viel weiß; er sieht, daß die moralische Gewalt, der impo- 
nierende Priesterrock beim Volke nicht mehr ausreicht; er muß zu den 
Waffen der Klugheit greifen und wird unvermerkt ein Jesuit. Äber die 

krummen Wege, die er jetzt einschlägt, sind gerade dem Könige, der den 
Priestern nie befreundet sein konnte, doppelt verhaßt, und im Kampfe 
werden Sauls Augen bald so scharf für die Priesterkniffe als stumpf für 
die Zeichen der Zeit. Das dritte Element, das siegend aus diesem Kampfe 
hervorgeht, der Vertreter einer neuen geschichtlichen Epoche, in der das 
Judentum eine neue Stufe seines Bewußtseins erklimmt, ist David, än 

Menschlichkeit Saul gleich, an Verständnis der Zeit ihn bei weitem über- 
ragend. Als Zögling Samuels, kaum der Schule enilassen, tritt er zuerst auf; 

aber er hat seine Vernunft nicht so sehr unter die Autorität gebeugt, daß 
sie ihre Elastizität verloren "hätte, sie schnellt empor und gibt ihm-seine- 
Selbständigkeit wieder. Mag ihm Samuels persönlicher Eindruck noch 
immer imponieren, sein Verstand hilft ihm stets durch, seine Dichter- 
phantasie erbaut ihm das neue Jerusalem wieder, sooft Samuel es mit 
seinen Bannsprüchen niederblitzt. Saul kann sich nicht mit ihm versöhnen, 

weil beide ein entgegengesetztes Ziel verfolgen, und wenn er einmal sagt, 

er hasse nur das, was Priestertrug in Davids Seele gelegt habe, so ver- 

wechselt er hier wieder die Wirkungen der Priesterherrschsucht mit den 


1. Karl Gutzkow als Dramatiker 4] 


Zeichen einer neuen Zeit. So entwickelt sich David vor unsern Augen vom 
blöden Knaben zum Träger einer Epoche, und so verschwinden die 
scheinbaren Widersprüche, die in seiner Darstellung liegen. 

Ich habe absichtlich, um die Entwicklung dieser drei Charaktere nicht 
zu stören, eine Frage übergangen, die alle Kritiker aufwarfen, die sich die 
Mühe gaben, den „Saul“ einmal zu lesen, die Frage, ob Samuel in der 
Hexenszene und am Schluß bei lebendigem Leibe auftrete oder ob sein 
Geist die dort verzeichneten Reden halte. Gesetzt, diese Frage ließe sich 
aus dem „Saul“ nicht so leicht oder gar nicht genügend beantworten; wäre 
denn das ein so großer Fehler? Ich glaube nicht - nehmt ihn doch wofür 
ihr wollt, und habt ikr Lust, so stellt ennuyante Diskussionen darüber an; 
hat doch Shakespeare denselben Fall bei dem Wahnsinn Hamlets, den 
alle Kritiker und Erklärer seit zweihundert Jahren, „drei lang und drei 
breit und überhaupt sehr vieleckig“, besprochen und von allen Seiten be- 
schaut haben. Gutzkow indessen hat däs Problem gar so schwer nicht 
gemacht. Er weiß längst, wie lächerlich Gespenster am hellen Tage sind, 
wie mal & propos" der schwarze Ritter in der „Jungfrau von Orleans“ [30 
auftritt und daß gerade im „Saul“ aller Geisterspuk am unrechten Orte 
sein würde. Besonders in der Hexenszene ist die Maske leicht zu durch- 
schauen, wenn auch nicht schon früher, ehe von Samuels Tode die Rede 
war, der alte Hohepriester in ähnlicher Weise aufgetreten wäre. 

Von den übrigen Charakteren des Stückes ist Abner, der sich mit 
voller Überzeugung und aus reiner Übereinstimmung der Gemüter an 
Saul hingibt, und in dem der Krieger und Pfaffenfeind den Menschen 
ganz in den Hintergrund gerückt hat, am besten gezeichnet. Am wenigsten 
gelungen sind dagegen Jonathan und Michal. Jonathan ergeht sich von 
Anfang zu Ende in Phrasen über die Freundschaft, streicht seine Liebe zu 
David heraus, ohne sie anders als mit Worten zu beweisen; er ist ganz in die 
Freundschaft gegen David aufgegangen und hat alle Mannheit und Kraft 
dabei verloren. Man kann seine butterartige Weichheit nicht füglich 
Charakter nennen. Hier ist Gutzkow in Verlegenheit gewesen, was er mit 
Jonathan machen sollte. Auf jeden Fall ist er in dieser Weise überflüssig. 
Michal ist ganz unbestimmt gehalten und nur durch ihre Liebe zu David 
einigermaßen charakterisiert. Wie sehr diese beiden Personen verfehlt 
sind, sieht man am besten aus der Szene, wo sie sich über David unter- 
reden. Was hier über Liebe und Freundschaft gesagt wird, ermangelt aller 
jener in die Augen springenden Schärfe, alles jenes Gedankenreichtums, 


1 ungelegen 


42 Modernes Literaturleben 


den wir an Gutzkow gewohnt sind. Lauter Phrasen, die weder recht wahr 
noch recht falsch sind, nichts Bezeichnendes, nichts Prägnantes. - Zeruja 
ist eine Judith; ich weiß nicht, war es Gutzkow oder Kühne, der einmal 
sagte, daß Judith, wie jedes die Schranken des Geschlechtes durch- 
brechende Weib, nach ihrer Tat sterben müsse, wenn sie nicht unschön 
erscheinen solle, demgemäß stirbt Zeruja auch. - An sich ist die Charakte- 
ristik der Philisterfürsien vortrefllich und reich an köstlichen Zügen, ob 


aber ins Stück passend, ist eine andre Frage, die ihre Erledigung noch 
finden wird. 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.53 vom 30. März 1840] 

Von einer fortlaufenden Zergliederung der dramatischen Ökonomie 
wird man mich gern dispensieren; doch wird auch hier einzelnes, nament- 
lich die Exposition, hervorzuheben sein. Diese ist vorzüglich und enthält 
Züge, in denen das große dramatische Talent Gutzkows unverkennbar ist. 
Ganz der raschen, springenden Natur Gutzkows gemäß, tritt die Masse des 
Volks nur in kurzen Szenen auf. Es ist etwas Mißliches um große Volks- 
szenen; wer nicht ein Shakespeare oder Goethe ist, dem werden sie leicht 
unversehens trivial und bedeutungslos. Dagegen sind wenige Worte, von 
ein paar Kriegern oder andern Männern der Mlasse gewechselt, oft von 
großer Wirkung und erreichen ihren Zweck, die öffentliche Meinung zu 
skizzieren, vollkommen; dazu können sie weit öfter eintreten, ohne auf- 
zufallen und zu ermüden. So die erste und vierte Szene des ersten Akts. 
Die zweite und dritte Szene enthalten den Monolog Sauls und dessen 
Unterredung mit Samuel, die zu den schönsten und poesievollsten Stellen 
des Dramas gehören. Die in antiker Weise gezügelte Leidenschaftlichkeit 
des Dialogs bezeichnet den Geist, in dem das Ganze geschrieben ist. 
Nachdem in diesen Szenen der Stand der Handlung in raschen Umrissen 
dargestellt ist, werden wir in der fünften Szene zwischen Jonathan und 
David in das Speziellere eingeführt. Diese Szeneleidet etwas an Unordnung 
der Gedanken: man verliert den dialektischen Faden mehrmals aus den 
Augen - ohne Zweifel gleich von vornherein Wirkung der verunglückten 
Zeichnung Jonathans. Meisterhaft dagegen ist die Schlußszene des Akts. 
Wir haben die Hauptcharaktere schon einigermaßen kennengelernt, und 
hier werden sie zusammengeführt; mit dem ernsten Willen, sich zu ver- 
söhnen, treten David und Saul zusammen; hier hatte der Dichter ihre ver- 
schiedne Natur zu entwickeln, ihre Unvereinbarkeit zu zeigen und statt der 
beabsichtigten Versöhnung den notwendigen Konflikt herbeizuführen. 


I: Karl Gutzkow als Dramatiker 43 


Und diese Aufgabe, die nur das lebendigste Bewußtsein, die schärfste 
Abgrenzung der Charaktere, der sicherste Blick in die menschliche Seele 
genügend lösen kann, ist hier unübertrefflich gelöst, die Übergänge im 
Gemüte Sauls von einem Extrem zum andern sind so psychologisch wahr, 
so fein motiviert, daß ich diese Szene, trotz des verunglückten Bildes mit 
dem Eidam, für die beste des ganzen Dramas halten muß. 

Im zweiten Akte ist die Philisterszene auffallend oder, um einen Kühne- 
schen Ausdruck zu gebrauchen, „neu-pikant“. Ob aber der reiche Witz 
derselben hinreicht, ihr eine Stelle in der Tragödie zu sichern, bezweifle 
ich. Wenn Gutzkow seinen Saul aus den Begriffen seiner Zeit heraushob, 
wenn er ihm ein Bewußtsein unterlegte, das er nicht hatte, so ist das zu 
rechtfertigen; durch diese Szene aber wird ein rein moderner Begriff 
hineingebracht, und David steht hier auf deutschem Boden. Das ist, wenigstens 
für die Tragödie, verletzend. Komische Szenen konnten immerhin vor- 
kommen, aber sie mußten anderer Art sein. Die Komik in der Tragödie 
ist nicht, wie eine oberflächliche Kritik sagt, der ÄAbwechselung oder des 
Kontrastes wegen da; eher schon, um das Leben, das aus Scherz und 
Ernst gemischt ist, getreuer darzustellen. Aber ich zweifle, ob Shakespeare 
sich mit solchen Gründen begnügt hätte. Tritt nicht stets im Leben die 
ergreifendste "Tragödie im komischen Gewande auf? Ich will nur an den 
Charakter erinnern, der, obwohl er in Romanform auftritt und auftreten 
muß, doch der tragischste ist, den ich kenne, an Don Quixote. Was ist 
tragischer als ein Mann, der aus reimer Menschenliebe und unverstanden 
von seiner Zeit den komischsten Torheiten anheimfällt? Noch tragischer 
Blasedow, ein Don Quixote der Zukunft, dessen Bewußtsein gesteigerter 
ist als das seines Vorbildes. Beiläufig muß ich hier Blasedow gegen die 
sonst gründliche Kritik im „Rheinischen Jahrbuche“ verteidigen!"!, die 
Gutzkow vorwirft, er habe eine tragische Idee komisch behandelt. Blasedow 


mußte wie Don Quixote komisch behandelt werden. Traktiert ihn ernsthaft, _ 


und es wird ein Prophet des Weltschmerzes, ein ganz gewöhnlicher, zer- 
rissener, — nehmt dem Roman die komische Folie, und ihr bekommt eines 
jener formlosen, unbefriedigenden Werke, mit denen die moderne Literatur 
anfing. Nein, „Blasedow“ ist das erste sichre Zeichen, daß die junge Litera- 
tur die freilich notwendige Periode der Trostlosigkeit, der „Wallys“ und 
„mit rotem Leben geschriebenen“ Nächte hinter sich hat. -— Die echte 
Komik der Tragödie zeigt sich im Narren Lears oder in den Totengräber- 
szenen des „Hamlet“. 


44 Modernes Literaturleben 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.54 vom 31. März 1840] 


Die Klippen der Dramatiker - die beiden letzten Akte sind auch hier 
nicht ohne Schaden vom Verfasser passiert worden. Der vierte Akt enthält 
nichts als Entschlüsse; Saul entschließt sich, Astharoth entschließt sich 


zweimal, Zeruja entschließt sich, David entschließt sich. Dann die Hexen- 


szene, die auch nur geringe Resultate herbeiführt. Der fünfte Akt besteht 
aus nichts als Schlacht und Reflexion. Saul reflektiert etwas zuviel für einen 
Helden, David zuviel für einen Dichter. Man glaubt oft in ihm nicht einen 
Dichierhelden, sondern einen Dichterdenker, Theodor Mundt etwa, zu 
hören. Überhaupt hat Gutzkow die Art, Monologe dadurch versteckter 
zu machen, daß er sie in Gegenwart anderer sprechen läßt. Da solche 
Monologe aber selten zu Entschlüssen führen können und rein reflektiv 
sind, so fallen doch noch der eigentlichen Monologe mehr als genug ab. 

Die Sprache unsres Dramas ist, wie es sich von Gutzkow erwarten heß, 
durchaus originell. Jene Bilder der Gutzkowschen Prosa, die so bezeichnend 
sind, daß man gar nicht merkt, wie man aus der einfachen, nackten Prosa 
in die blühende Region des modernen Stils gerät, jene kurzen treffenden 
Ausdrücke, die oft ans Sprichwort streifen, finden wir hier wieder. Gütz- 
kow ist kein Lyriker, außer in den Iyrischen Momenten der Handlung, wo 
ihn die Iyrische Begeisterung überrascht und er sich der Prosa bedienen 
kann. Darum sind die in Davids Mund gelegten Lieder entweder miß- 
lungen oder unbedeutend. Wenn David zu den Philistern spricht: 


Ich brauch’ euch nichts als Verse wie 
Aus Scherz zum Kranz zu einen - 


Was heißt das? - Der Grundgedanke eines solchen Liedes ist oft sehr 
hübsch, aber die Ausführung mißrät jedesmal. Auch sonst merkt man der 
Sprache an, daß Gutzkow im Verse noch nicht hinreichende Gewandtheit 
besitzt, was freilich besser ist, als wenn der Vers durch alte Phrasen flüssiger, 
aber auch wäßriger gemacht worden wäre. 

Mißlungene Bilder sind auch nicht ganz vermieden worden. So z.B. 


5:7: 


Des Priesters Zorn, 
Dem erst das Volk die Krone abgetrotzt, 
Und dem sie dann in seiner magern Hand 
Ein Stecken sollte sern. 


Hier ist die Krone schon ein Bild für Königtum und kann nicht wieder die 
abstrakte Grundlage für das zweite Bild des Steckens sein. Dies ist um so 


II - Moderne Polemik 45 


auffallender, als der Fehler so leicht zu umgehen war, und beweist deutlich, 
daß Gutzkow’n der Vers noch viel zu schaffen macht. 

Den „Richard Savage“ kennenzulernen, verhinderten mich die Um- 
stände. Ich gestehe indes, daß der ungemessene Beifall, den die ersten 
Aufführungen hervorriefen, mir das Stück verdächtigte. Mir fiel dabei ein, 
wie es vor drei Jahren mit der „Griseldis“!] sing. Seitdem haben sich 
mißbilligende Stimmen genug hören lassen, die erste und - soviel man aus 
den in Journalen gegebenen Auszügen schließen kann, ohne das Stück zu 
kennen — die gründlichste seltsamerweise in einem politischen Blatte, im 
„Deutschen Courier“ !], Doch kann ich mich leicht einer Kritik über- 
heben, denn welches Blatt hätte ihn nicht schon besprochen? Warten wir 
also, bis er gedruckt vorliegt. 

„Werner“, Gutzkows jüngste Arbeit, hat in Hamburg denselben 
_ Beifall gefunden. Nach den Antezedenzien zu schließen, wird das Stück 
nicht nur an sich großen Wert haben, sondern auch die erste eigentlich 
moderne Tragödie sein. Es ist eigentümlich, daß Kühne, der die moderne 
Tragödie so häufig besprochen, daß man fast denken solle, er selbst 
schriebe eine solche, sich hier von Gutzkow zuvorkommen läßt. Oder sollte 
er nicht auch Beruf fühlen, sich im Drama zu versuchen? 

Gutzkow aber, der der jungen Literatur den Weg auf die Bühne ge- 
bahnt hat, möge fortfahren, mit originellen, lebensvollen Dramen die 
Plattheit und Mittelmäßigkeit von den usurpierten Brettern zu-verdrängen. 
Durch Kritik, und sei sie noch so vernichtend, geht’s nicht, das haben wir 
gesehen. Von denen, die gleiche Tendenzen mit ihm verfolgen, wird er 
kräftigst unterstützt werden, und so gehen uns neue Hoffnungen für das 
deutsche Drama und die deutsche Bühne auf. 


13 
Moderne Polemik 


[„Mitiernachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.83 vom 21. Mai 1840] 

Die junge Literatur hat eine Waffe, durch die sie unbezwinglich ge- 
worden ist und alle jungen "Talente unter ihre Fahnen versammelt. Ich 
meine den modernen Stil, der in seiner konkreten Lebendigkeit, in der 
Schärfe des Ausdrucks, in der Mannigfaltigkeit seiner Nuäncen jedem 
jungen Schriftsteller ein Bette bietet, in dem der Strom oder Bach seines 


4 Modernes Literaturleben 


Genius bequem fortrollt, ohne seine Eigentümlichkeit - wenn eine da ist — 
zu stark mit fremden Elementen, mit Heinescher Kohlensäure oder Gutz- 
kowschem Ätzkalk zu versetzen. Es ist eine Freude zu sehen, wie jeder 
junge Autor den modernen Stil mit seinen stolz aufsteigenden Begeisterungs- 
raketen, die auf ihrem Höhepunkte in einen bunten poetischen Feuerregen 
aufgehen oder in prasselnde Witzfunken zerstieben, zu adoptieren sucht. 
In dieser Beziehung sind die Kritiken im „Rheinischen Jahrbuche“!!, die 
ich im ersten Artikel dieser Darstellungen schon erwähnte‘, von Wichtig- 
keit; sie sind das erste Zeichen der Wirkung, die eine neue Literaturepoche 
auf dem der deutschen Poesie ziemlich entfremdeten rheinischen Boden 
hervorgebracht kat. Hier ist der ganze moderne Stil mit seinen Lichtern 
und Schatten, mit seinen originellen, aber treffenden Bezeichnungen, mit 
dem poetischen Streiflicht, das ihn überglänzt. 

Wir können bei so bewandten Umständen in bezug auf unsere Autoren 
nicht nur sagen: le style c’est !’homme?, sondern auch: le style c’est la littera- 
ture,. Der moderne Stil trägt das Gepräge der Vermittlung, aber nicht nur, 
wie neulich L. Wihl bemerkte, zwischen den stilistischen Koryphäen der 
Vergangenheit, sondern auch zwischen Produktion und Kritik, Poesie und 
Prosa. Es ist Wienbarg, bei dem sich diese Elemente am innigsten durch- 
dringen; in den „Dramatikern der Jetztzeit“ ist der Dichter in den Kritiker 
aufgegangen. Ähnliches gälte von dem zweiten Bande der Kühneschen 
„Charaktere“, wäre hier der Stil besser zusammengehalten. - Der deutsche 
Stil hat seinen dialektischen Vermittlungsprozeß durchgemacht; aus der 
naiven Unmittelbarkeit unsrer Prosa schied sich die Sprache des Ver- 


standes, die im marmornen Stile Goethes kulminierte, und die Sprache der 
Phantasie nel des Gemüts, Aare Herrlich art uns von 1. 


ward. Mit Börne begann die Vermittlung, doch überwog auch noch bei 
ihm - besonders in den Briefen - das verständige Element, wogegen Heine 
der poetischen Seite zu ihrem Rechte verhalf. In dem modernen Stil ist die 
Vermittlung vollendet; Phantasie und Verstand fließen nicht bewußtlos 
ineinander, noch stehen sie sich schroff gegenüber; sie sind, wie im mensch- 
lichen Geiste, so im Stil vereinigt, und weil ihre Vereinigung bewußt ist, 
so ist sie auch dauernd und echt. Darum kann ich jene Zufälligkeit nicht 
gelten lassen, die Wihl dem modernen Stil noch immer vindiziert, und 
muß hier eine genetische, geschichtsgemäße Entwicklung sehen. — Die- 
selbe Vermittlung in der Literatur; da ist beinahe keiner, der nicht Pro- 


Jean Paul enthüllt 


1 Siehe vorl. Band, S.43 - ? der Stil macht den Menschen - ° der Stil macht die Lite- 


ratur 


II - Moderne Polemik 47 


duktion und Kritik in sich vereinigte; selbst unter den Lyrikern hat Creize- 
nach den „Schwäbischen Apoll“ und Beck über die ungarische Literatur!! 
geschrieben, und der Vorwurf, daß die junge Literatur sich in der Kritik 
verlöre, hat seinen Grund weit mehr in der Masse der Kritiker als der 
Kritiken. Oder überwiegen die Produktionen Gutzkows, Laubes, Mundts, 
Kühnes ihre kritischen Schriften — quantitativ. wie qualitativ — nicht be- 
deutend? So bleibt der moderne Stil ein Spiegelbild der Literatur. Es gibt 
aber eine Seite des Stils, die immer ein Schibboleth für sein Wesen ist: 
die polemische. Bei den Griechen gestaltete sich die Polemik zur Poesie 
und wurde plastisch durch Aristophanes. Unter den Römern wurde ihr das 
für alles passende Kleid des Hexameters übergeworfen, und Horaz, der 
Lyriker, bildete sie gleichfalls lyrisch zur Satire aus. Im Mittelalter, als die 
Lyrik in voller Blüte stand, ging sie bei den Provenzalen in die Sirventes 
und Kanzone, bei den Deutschen in das Lied über. Als im siebenzehnten 
Jahrhundert der bare Verstand sich zum Herrn der Poesie aufwarf, wurde 
das Epigramm der späteren Römerzeit hervorgesucht, um zur Fassung des 
polemischen Witzes zu dienen. Die klassische Nachahmungssucht der 
Franzosen rief Boileaus horazisierende Satiren hervor. Das vorige 
Jahrhundert, das an alles anknüpfte, bis die deutsche Poesie sich rein selb- 
ständig entwickelte, versuchte es in Deutschland mit allen polemischen 
Formen, bis Lessings antiquarische Briefe in der Prosa das Gebiet 
fanden, das der Polemik die freieste Entwicklung verstattet. Die Taktik 
Voltaires, die dem Gegner gelegentlich einen Hieb versetzt, ist echt 
französisch; ebenso der ’Tirailleurkrieg Berangers, der mit demselben 
französischen Charakter alles in ein Chanson bringt. Und die moderne 
Polemik? 

Verzeihe mir, Leser, du hast wahrscheinlich längst erraten, wohinaus 
diese Diatribe will; aber ich bin nun einmal ein Deutscher. und kann meine 
stets vom Ei anfangende deutsche Natur nicht loswerden. Ich will dagegen 
jetzt desto grader sein; es handelt sich um die Zerwürfnisse in der modernen 
Literatur, um die Berechtigung der Parteien und vorzüglich um den Streit, 
an den sich die übrigen anlehnen, den Streit zwischen GutzRow und Mundt 
oder, wie die Sachen jetzt stehen, zwischen Gutzkow und Kühne. Dieser 
Streit wird nun seit zwei Jahren in der Mitte unserer literarischen Ent- 
wicklungen geführt und konnte nichi ohne, teils günstigen, teils ungünstigen, 
Einfluß darauf bleiben. Ungünstig, weil der ruhige Gang der Entfaltung 
immer gestört wird, wenn die Literatur sich zum 'Tummelplatze persön- 
licher Sympathien, Antipathien und Idiosynkrasien hergibt; günstig, weil 
sie, um mit Hegel zu reden, aus der Einseitigkeit, in der sie sich als Partei 


48 Modernes Literaturleben 


befand, heraustrat und durch den Zerfall selbst ihren Sieg bewies; ferner, 
weil wider die Erwartung vieler der „jüngere Nachwuchs“ nicht Partei er- 
griff und die Gelegenheit, sich von allen fremden Einflüssen zu befreien 
und einer selbständigen Entwicklung hinzugeben, benutzte. Wenn darum 
doch einige Partei ergriffen haben, so beweisen sie dadurch, wie wenig 
Vertrauen sie in sich selbst setzen und wie wenig der Literatur an ihnen 
gelegen sein kann. 

Ob Gutzkow den ersten Stein aufgehoben, ob Mundt zuerst nach der 
linken Hüfte gegriffen, kann füglich ununtersucht bleiben; genug, Steine 
sind geworfen und Schwerter gezogen worden. Es handelt sich nur um die 
tieferen Ursachen eines Krieges, der später oder früher zum Ausbruch 
kommen mußte; denn daß hier subjektive Veranlassungen, ein hämischer 
Neid, eine leichtsinnige Kriegslust auf irgendeiner Seite obwalten, das 
glaubt doch niemand, der den ganzen Verlauf unparteiisch angesehen hat. 
Nur bei Kühne war die persönliche Freundschaft gegen Mundt ein Motiv 
und an sich gewiß kein unedles, die auch ihm von Gutzkow gewordene 
Herausforderung anzunehmen. 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.84 vom 22.Mai 1840] 

Guizkows literarisches Tun und Trachten trägt den Charakter einer 
scharf ausgeprägten Individualität. Die wenigsten seiner zahlreichen 
Schriften hinterlassen einen ganz befriedigenden Eindruck, und doch läßt 
sich nicht leugnen, daß sie zu dem Äusgezeichnetsten gehören, was die 
deutsche Literatur a 1830 hervorgebracht hat. Woher kommt dies? 
Ich glaube in ihm einen Dualismus zu sehen, der viel Verwandtes hat mit 
dem Zwiespalt in Be Gemüt, den Gutzkow selbst zuerst aufriß. 
Gutzkow besitzt, anerkannt von allen deutschen Autoren - schönwissen- 
schaftlichen natürlich - die größte Verstandeskraft; sein Urteil wird nie 
verlegen, sein Blick orientiert sich in den verwickeltsten Erscheinungen 
mit der wunderbarsten Leichtigkeit. Neben diesem Verstande steht aber 
eine ebenso mächtige Hitze der Leidenschaft, die sich bei seinen Produk- 
tionen als Begeisterung äußert und seine Phantasie in jenen Zustand, ich 
möchte fast sagen, der Erektion versetzt, in dem ihr allein eine geistige 
Zeugung möglich ist. Seine Werke, wenn auch oft lang ausgetragene Kom- 
positionen, sind im Nu entstanden, und sieht man ihnen auf der einen 
Seite auch die Begeisterung an, in der sie geschrieben sind, so verhindert 
andrerseits diese Hast doch oft die ruhige Verarbeitung des einzelnen, und 


sie bleiben wie die „Wally“ bloße Skizzen. Mehr Ruhe herrscht in den 


Il - Moderne Polemik 49 


späteren Romanen, am meisten im „Blasedow“, der überhaupt mit einer 
an Gutzkow bisher ungewohnten Plastik ausgemeißelt ist. Seine früheren 
Figuren waren mehr Charakterbilder als Charaktere, vereooc, zwischen 
Himmel und Erde schwebend, wie Karl Grün sagt. Dennoch kann Gutz- 
kow nicht verhindern, daß die Begeisterung auf Momente dem Verstande 
Platz macht; in dieser Stimmung sind jene Stellen seiner Werke geschrieben, 
die den erwähnten unangenehmen Eindruck hervorrufen; es ist die Stim- 
mung, die Kühne in seiner beleidigenden Sprache „greisenhaftes Frösteln“ 
nannte. — Jene Leidenschaftlichkeit aber ist es auch, die Gutzkow so leicht 
in Zorn geraten läßt, oft über die unbedeutendsten Dinge, und die einen 
sprudelnden Haß, eine stürmende Heftigkeit in seine Polemik legt, die 
Gutzkow hintennach gewiß bereut; denn er muß) einsehen, wie unklug er 
in den Äugenblicken der Wut gehandelt hat. Daß er dies einsieht, beweist 
der bekannte Artikel im „Jahrbuch der Literatur“ !?!, auf dessen Unparter- 
lichkeit er sich etwas zugute tut - er weiß also, daß seine Polemik nicht frei 
von augenblicklichen Einflüssen ist. - Zu diesen beiden Seiten seines 
Geistes, deren Einheit Gutzkow bis jetzt noch nicht gefunden zu haben 
scheint, tritt noch ein unbändiges Unabhängigkeitsgefühl; er kann nicht 
die leichtesten Fesseln tragen, und ob sie von Eisen oder von Spinnweben 
“wären, er ruhte nicht eher, als bis er ste zerrissen. Als er wider Willen mit 
Heine, Wienbarg, Laube und Mundt zum Jungen Deutschland gerechnet 
wurde und dieses Junge Deutschland anfing, in eine Clique auszuarten, 
überkam ihn ein unbehagliches Gefühl, das ihn erst seit dem offnen 
Bruche mit Laube und Mundt wieder verlassen hat. So sehr ihn aber diese 
Unabhänsiskeitslust vor fremdem Einfluß bewahrt hat, so leicht steigert 
sie sich zu einem Zurückstoßen alles andern, zu einem Sich-in-sich-selbst- 
Zusammenziehen, zu einem Übermaße des Selbstgefühls, und streift dann 
an Selbstsucht. Ich bin weit entfernt, Gutzkow vorzuwerfen, er.strebe mit 
Bewußtsein nach unumschränkter Herrschaft in der Literatur, aber zu- 
weilen gebraucht er Ausdrücke, die seinen Gegnern den Vorwurf des Egois- 
mus erleichtern. Die Leidenschaftlichkeit treibt ihn schon, sich zu geben 
ganz wie er ist, und so kann man bei ihm am ersten den ganzen Menschen 
in seinen Schriften erkennen. - Zu diesen geistigen Eigentümlichkeiten 
noch ein seit vier Jahren stets von der Zensurschere verwundetes Leben, 
Hemmungen der freien literarischen Entwicklung von Polizei wegen ge- 
nommen, so darf ich hoffen, Gutzkows literarische Persönlichkeit in ihren 
Hauptzügen skizziert zu haben. | = Zu 


1 (Meiears) hoch oben 


4 Marx/Engels, Werke, EB2 


5 Modernes Literaturleben 


Während dieser sich so als eine durchaus originelle Natur erweist, 
finden wir bei Mundt eine liebenswürdige Harmonie aller geistigen Kräfte, 
wie sie die erste Bedingung eines Humoristen ist; einen ruhigen Verstand, 
ein gutes, deutsches Herz und dazu die nötige Phantasie. Mundt ist ein 
echt deutscher Charakter, der eben darum aber auch sich selten hoch über 
das Gewöhnliche aufschwingt und oft genug ans Prosaische streift. Er ist 
liebenswürdis, deutschgründlich, grundehrlich, aber kein Dichter, dem es 
um künstlerische Durchbildung zu tun ist. Mundts Werke vor der „Ma- 
donna“ sind unbedeutend; die „Modernen Lebenswirren“ sind reich an 
gutem Humor und schönen Einzelnheiten, aber als Kunstwerk wertlos 
und als Roman langweilig; in der „Madonna“ riß ihn die Begeisterung für 
die neuen Ideen zu einem Schwunge hin, den er bisher nicht gekannt hatte, 
aber dieser Schwung brachte wieder kein Kunstwerk, sondern nur einen 
Haufen guter Gedanken und herrlicher Bilder zustande. Und doch ist die 
„Madonna“ Mundts bestes Werk, denn die am literarischen Himmel bald 
darauf vom deutschen Wolkensammler Zeus heraufgesandten Regen- 
schauer kühlten Mundts Begeisterung bedeutend ab. Der bescheidene 
deutsche Hamlet bekräftigte seine Gefahrlosigkeitsbeteuerungen durch un- 
schuldige kleine Novellen, in denen die Ideen der Zeit mit gestutztem 
Bart und gekämmtem Haar auftraten und im Supplikantenfrack eine 
alleruntertänigste Bittschrift um gnädigste Realisation einreichten. Seine 
„Komödie der Neigungen“!?”] brachte seinem Dichterruhme eine Wunde 
bei, die er mit „Spaziergängen und Weltfahrten“ statt mit neuen, ab- 
gerundeten Dichtungen heilen wollte. Und wenn Mundt sich nicht wieder 
mit der früheren Begeisterung auf die Produktion wirft, wenn er uns nicht 
statt Reisebeschreibungen und Journalartikeln Dichtungen gibt, so wird 
in kurzem von Mundt, dem Dichter, nicht mehr die Rede sein. Ein zweiter 
Rückschriit Mundts hieß sich in seinem Stile bemerken. Seine Vorliebe für 
Varnhagen, in demer Deutschlandsersten Stilisten zuentdecken glaubte, ließ 
ihn dessen diplomatische Wendungen, gezierte Ausdrücke und abstrakte 
Schnörkel adoptieren; und dabei sah Mundt gar nicht, daß hierdurch das 
Grundprinzip des modernen Stils, die konkrete Frische und Lebendigkeit, 
im Innersten verletzt wurde. 


1,Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 

Nr.85 vom 25. Mai 1840] 
Zu diesen Verschiedenherten der beiden Streitenden kam noch ein ganz 
entgegengesetzter Bildungsgang. Gutzkow trat von vornherein mit einer 
Begeisterung für den „modernen Moses“ Börne auf, die noch immer als 


II - Moderne Polemik 5] 


innige Verehrung in seiner Seele lebt; Mundt saß im sichern Schatten, 
den der Riesenbaum des Hegeischen Systemes warf, und ließ eine Zeitlang 
den Hochmut der meisten Hegelianer durchblicken; die Axiome des philo- 
sophischen Padischah, daß Freiheit und Notwendigkeit identisch und die 
Bestrebungen des süddeutschen Liberalismus Einseitigkeiten seien, hielten 
Mundts politische Ansichten während der ersten Jahre seines literarischen 
Auftretens befangen. Gutzkow schied aus Berlin mit einem Widerwillen 
gegen die dortigen Zustände und gewann in Stuttgart eine Vorliebe für 
Süddeutschland, die ihn nie wieder verließ; Mundt befand sich wohl im 
Berliner Leben, saß gern in den ästhetisierenden Teegesellschaften und 
destillierte sich aus dem geistigen Treiben Berlins seine „Persönlichkeiten 
und Zustände“!], jenes literarische Treibhausgewächs, das bei ihm und 
anderen alle freie poetische Tätigkeit erstickt hat. Es ist betrübend anzu- 
sehen, wie Mundt im zweiten Heft des „Freihafens“ für 1838 bei der Kritik 
eines Münchschen Werks!?! über die Schilderung einer solchen Persönlich- 
keit in Entzücken gerät, in ein Entzücken, das ihm ein Dichterwerk nie ent- 
locken konnte. Er vergaß über die Berliner Zustände - dies Wort ist wie für 
Berlin erfunden - alles andere und ließ sich sogar zu einer lächerlichen 
‘Verachtung der Naturschönheiten verführen, wie sie in der „Madonna“ 
hervortritt. | 2 I 

So standen sich Gutzkow und Mundt gegenüber, als ihre Wege plötz- 
lich bei den Ideen der Zeit zusammentrafen. Sie würden sich bald wieder 
getrennt haben, sie hätten sich vielleicht aus der Ferne noch manchen Gruß 
zugewinkt und sich gern des Zusammentreffens erinnert, als durch die 
Stiftung des jungen Deutschlands und das „Roma locuta est“ des durch- 
lauchtigsten Bundestages!*?! beide zur Vereinigung gezwungen wurden. 
Hierdurch wurde der Stand der Sache wesentlich verändert. Gutzkow 
und Mundt waren durch gemeinsames Schicksal verpflichtet, bei gegen- 
seitigen Beurteilungen Rücksichten eintreten zu lassen, deren Beobachtung 
beiden auf die Dauer unerträglich werden mußte. Das Junge Deutschland 
oder, wie es sich nach der Katastrophe von oben mit einem unverfänglichern 
Namen und um andere Gleichstrebende nicht auszuschließen nannte, die 
Junge Literatur, war nahe daran, in eine Clique auszuarten, und das wider 
Willen. Man sah sich von allen Seiten genötigt, die widerstrebenden Ten- 
denzen fallenzulassen, die Schwächen zu verdecken, das Übereinstimmende 
zu sehr hervorzuheben. Dieser unnatürliche, erzwungene Verstellungs- 
zustand konnte nicht lange währen. Wienbarg, der herrlichste Charakter 
des Jungen Deutschlands, zog sich zurück; Laube hatte von vornherein 
gegen die Konsequenzen, die sich der Staat erlaubte, protestiert; Heine 


4*r 


52 Modernes Literaturleben 


war in Paris zu isoliert, um die elektrischen Funken seines Witzes in die 
Literatur des Tages springen zu lassen; Gutzkow und Mundt waren offen 
genug, um, ich möchte sagen nach gegenseitiger Verabredung, den Land- 
frieden zu brechen. 

Mundt polemisierte wenig und unbedeutend; einmal aber ließ er sich 
verleiten, seine Polemik in einer Weise anzubringen, die aufs schärfste 
'gerügt werden muß. Am Schlusse des Artikels „Görres und die katholische 
Weltanschauung“ („Freihlafen]* 1838, II.) sagt er, wenn die deutsche 
Religiosität nichts vom Jungen Deutschland wissen wolle, so habe dieses 
auch hinreichend gezeigt, daß es in religiöser Hinsicht der faulen Elemente 
genug enthalte. Es ist klar, daß hiermit außer Heine, der uns hier nichts 
angeht, Gutzkow gemeint ist. Aber soviel Achtung mußte Mundt denn 
doch wohl vor seinen Schicksalsgenossen haben, daß er, wenn diese Be- 
schuldigung auch wahr wäre, nicht der Borniertheit, der Philisterei und 
dem Pietismus recht gegen sie gäbe! Mundt nimmt sich wahrlich schlecht 
‘genug, wenn er mit pharisäischem Triumphe sagt: Ich danke dir, Herr, daß 
ich nicht bin wie Heine, Laube und Gutzkow, und daß ich mich, wenn 
auch nicht vor dem Deutschen Bunde, doch vor der deutschen Religiosität 
einigermaßen sehen lassen kann! 

Gutzkow dagegen hatte seine ordentliche Lust an der Polemik. Er zog 
alle Register auf und ließ auf das Ällegro moderato der „Literarischen 
Elfen“ !# ein Allegro furioso von Feuilletonsnotizen folgen. Er hatte einen 
Vorteil gegen Mundt, indem er dessen literarische Grillen in ihrer ganzen 
Schärfe herausheben und unter den Bereich seiner immer geladenen Witz- 
kanonen stellen konnte. Da war fast wöchentlich wenigstens ein Hieb auf 
Mundt im „Telegraphen“ zu lesen, da wußte er das ganze Übergewicht, das 
der Besitz eines Journals über den auf eine Vierteljahrsschrift und seine 
eigenen Werke beschränkten Gegner gibt, zu benutzen; merkwürdig ist 
besonders, daß Gutzkow seine Polemik steigerte, seine Nichtachtung der 
literarischen Gaben Mundts erst allmählich eintreten ließ, während dieser 
gleich nach der Kriegserklärung, ohne jenen absteigenden Klimax zu 
beachten, Gutzkow als eine untergeordnete Persönlichkeit behandelte. - 
Die gewöhnlichen Kunstgriffe politischer Blätter, Artikel von gleicher 
Farbe in anderen Journalen zu empfehlen, unter dem Scheine der An- 
erkennung und achtungswerten Unparteilichkeit versteckte Malicen ein- 
zuschmuggeln usw., wurden in diesem Streit auf literarisches Gebiet über- 
tragen; ob auch eigene Artikel unter dem Aushängeschilde auswärtiger 
Korrespondenzen aufgetreten sind, kann natürlich nicht entschieden wer- 
den, da gleich von Anfang an jeder Partei eine Menge dienstbeflissener, 


II - Moderne Polemik 53 


namenloser Handlanger zuströmte, die sich sehr geschmeichelt fühlen 
würden, wenn man ihre Arbeiten für Werke ihres kommandierenden 
Generals hielte. Gerade diesen Zwischenträgern, die sich durch ihren Eifer 
eine belobende Feuilletonsnotiz erkaufen wollten, mißt Marggraff die 
größte Schuld am Streite zu. 

Gegen Ende 1838 trat ein dritter Streiter in die Schranken, dessen 
Waffenrüstung wir vorläufig ins Auge zu fassen haben, Kühne. Dieser, seit 
langem Mundts persönlicher Freund und ohne Zweifel jener Gustav, an 
den sich Mundt in der „Madonna“ einmal wendet, hat auch in seinem 
literarischen Charakter viel Verwandtes mit Mundt, obgleich auf der 
andern Seite ein französisches Element bei ihm nicht zu verkennen ist. Mit 
Mundt verknüpfte ihn besonders der gemeinsame Bildungsgang durch 
Hegel und das Berliner soziale Leben, aus dem für Kühne ebenfalls die 
Neigung für Persönlichkeiten und Zustände und den eigentlichen Erfinder 
dieser literarischen Zwittergeschöpfe, Varnhagen von Ense, erwuchs. Auch 
‚Kühne gehört zu denen, die von Varnhagens Stil viel Rühmens machen 
und übersehen, daß das Gute daran eigentlich nur Nachahmung Goethes 
ist, 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
| _Nr.86 vom 26. Mai 1840] 

Der Grundstock der literarischen Gestalt Kühnes ist der Esprit, jener 
französische, rasch kombinierende Verstand, verbunden mit einer beweg- 
lichen Phantasie. Auch dem Extrem dieser Richtung, der Phrase, ist Kühne 
so wenig fremd, daß er es im Gegenteil zu einer seltenen Meisterschaft in 
ihrer Handhabung gebracht hat, und man Kritiken, wie die über den zweiten 
Band der Mundtschen „Spaziergänge“ („Eleg[ante] Zeitung“ 1838, Mait), 
nicht ohne einen gewissen Genuß lesen kann. Natürlich fällt es auch oft 
genug vor, daß dieses Phrasenspiel einen unangenehmen Eindruck machen 
muß und man an ein paar treffende, zum Gemeinplatz gewordene Worte des 
Mephistopheles erinnert wird. Man läßt sich solche phrasendurch- 
fiochtenen Stellen in einem Journale wohl gefallen; wenn aber auch in 
einem Werke, wie die „Charaktere“, ein Passus vorkommt, der sich zwar 
ganz gut lesen läßt, aber alles reellen Fonds ermangelt - und das ist mehr als 
einmal der Fall -, so zeigt dies denn doch eine zu große Leichtfertiskeit der 
Auswahl. Auf der andern Seite macht diese französische Gewandtheit 
Kühnen zu einem unserer besten Journalisten, und es wäre ihm gewiß ein 


! In der „Mitternachtzeitung“: März 


54 Modernes Literaturleben 


leichtes, bei größerer Tätigkeit die „Elegante Zeitung“ weit über ihren 
jetzigen Stand hinaufzuschrauben. Aber merkwürdigerweise zeigt Kühne 
bei weitem nicht eine Regsamkeit, die seinem an Laube erinnernden Esprit 
einzig zu entsprechen scheint. — Als Kritiker entfaltet Kühne diese trans- 
rhenanische Natur am deutlichsten. Während Gutzkow nicht rastet, bis er 
seinem Gegenstande auf den Grund gekommen ist und rein aus der Sache 
sein Urteil fällt, ohne etwaige begünstigende und mildernde Nebenrück- 
sichten zu erwägen, stellt Kühne den Gegenstand unter das Licht eines 
geistreichen Gedankens, den freilich meist die Betrachtung des Objekts 
hervorgerufen hat. Wenn Gutzkow einseitig ist, so isi er es, weil er ohne 
das billige Ansehen der Person mehr nach den Schwächen als den Tugenden 
des Objekts urteilt und von angekenden Dichtern wie Beck klassische 
Schöpfungen fordert; wenn Kühne einseitig ist, so bemüht er sich, alle 
Seiten seines Objekts unter einem Gesichtspunkt aufzufassen, der nicht der 
höchste, übersichtlichste ist, und entschuldigt das Spielende der Beckschen 
„Stillen Lieder“ mit der auf Beck freilich passenden Phrase, er sei ein 
Iyrischer Musikant. 

Bei Kühne sind ferner zwei Perioden zu unterscheiden; den Anfang 
seiner literarischen Laufbahn bezeichnete ein Befangensein in der Hegel- 
schen Doktrin und, wie mir scheint, ein Hingeben oder eine Gemeinschaft- 
lichkeit der Ansichten mit Mundt, wobei die Selbständigkeit nicht immer 
zu ihrem Rechte kam. Die „Quarantäne“ bezeichnet den ersten Schritt zur 
Emanzipation von diesen Einflüssen; ganz entwickelt hat sich Kühnes 
Anschauung erst in den Literaturwirren seit 1836. Zu einer Vergleichung 
Kühnes und Gutzkows in ihren dichterischen Bestrebungen bieten sich 
zwei gleichzeitig geschriebene Werke dar, die „Quarantäne im Irrenhause“ 
und die „Seraphine“. In beiden spiegelt sich die ganze Persönlichkeit ihrer 
Verfasser. Gutzkow hat in Arthur und Edmund die verständige und gemüt- 
liche Seite seines Charakters individualisiert; Kühne, als Anfänger, gab sich 
unbefangener ganz in dem Helden der „Quarantäne“, wie er den Ausweg 
sucht aus dem Labyrinthe des Hegelschen Systems. Gutzkow exzelliert, 
wie immer, in der Schärfe der Seelenmalerei, in der psychologischen Moti- 
vierung; fast der ganze Roman wird im Gemüte verhandelt. Durch solch 
eine verstandesmäßige Zusammensetzung der Triebfedern aus lauter Miß- 
verständnissen wird aber aller ruhige Genuß, auch der eingestreuten idyl- 
lischen Situationen, wieder zernichtet, und so meisterhaft die „Seraphine“ 
nach der einen Seite ist, so mißlungen ist sie nach der andern. - Kühne 
dagegen sprudelt von geistreichen Räsonnements über Hegel, deutsche 
Grübelei und Mozartsche Musik, mit denen er drei Viertel des Buches 


II] - Moderne Polemik 55 


füllt, ohne am Ende etwas anderes als die Langeweile bei den Lesern da- 
durch zu erreichen und den Roman als solchen zu verderben. Die „Sera- 
phine“ enthält keinen einzigen vollkommenen Charakter, am wenigsten ist 
es Gutzkow gelungen, was er eigentlich damit bezweckte, nämlich seine 
Fähigkeit zur Schilderung weiblicher Charaktere zu zeigen. Die Frauen 
aller seiner Romane sind entweder trivial, wie Celinde im „Blasedow“, oder 
ohne das Echtweibliche, wie Wally, oder unschön durch Mangel an innerer 
Harmonie, wie eben Seraphine. Er scheint dies fast selbst einzusehen, wenn 
er in „Saul“ die Michal sagen läßt: u 


Zerlegen kannst du, wie das menschliche 
Gehirn, des Weiibes Herz, - - 


Kannst alles zeigen, draus ein Frauenherz 
Besteht, doch was drin Lebensfunke ist, 
Das weist kein Messer nach, kein spottender Vergleich. 


Derselbe Mangel prägnanter Charakteristik tut sich in der „Quarantäne“ 
kund. Der Held ist kein ganzer Charakter, sondern eine iindividualisierte 
Durchgangsepoche des Zeitbewußtseins, dem daher auch alles Persönliche 
abgeht. Die übrigen Figuren sind fast alle zu unbestimmt gehalten, so daß 
man von den wenigsten mit Fug sagen kann, ob sie gelungen sind oder 
nicht. oe, 

Kühne war von Gutzkow schon länger herausgefordert, antwortete 
aber nur indirekt, indem er Mundts Verdienste über die Maßen erhob und 
Gutzkows selten erwähnte. Endlich trat auch er, zuerst ruhig und mehr 
kritisch als polemisch, gegen ihn auf; er nannte ihn einen Mann der Debatte, 
wollte ihm aber keine fernere literarische Berechtigung zugestehen; und 
bald darauf begann er seinerseits die Offensive in einer Art, wie sie wohl 
niemand erwartet hatte, mit dem Artikel „Gutzkows neueste Romane“ !], 
Mit vielem Geiste wird hier jene dualistische Seite Gutzkows in die Kari- 
katur verzerrt und in seinen Schriften nachgewiesen, daneben aber auch 
eine solche Masse von unwürdigen Ausdrücken, grundlosen Behauptungen 
und schlechtverhehlten Konsequenzmachereien aufgehäuft, daß Gutzkow 
gegen diese Polemik nur im Vorteil war. Er antwortete auch nur mit 
einer kurzen Hinweisung auf das „Jahrbuch der Literatur“ für 1839 (warum 
ist das für 1840 noch nicht erschienen?), das seinen Artikel über die neue- 
sten Literaturzerwürfnisse brachte]. Die Politik, durch Unparteilichkeit 
die Gemüter für sich zu gewinnen, war klug genug, und die Überwin- 
dung, die Gutzkow'n dieser Artikel gekostet hat, muß anerkannt werden; 
wenn er nicht vollkommen genügte und namentlich über Kühne, dem ein 


56 Modernes Literaturleben 


‚bedeutender Einfluß auf die Tagesliteratur und ein tüchtiges, wenn auch 
in den „Klosternovellen“ noch nicht ganz klares Talent zum historischen 
Roman denn doch einmal nicht abgesprochen werden kann, zu leicht ab- 
sprach, so ist dies gern nachzusehen, bis die Gegner gleiches getan oder ihn 
noch übertroffen haben. 


[„Mitternachtzeitung für gebildete Leser“ 
Nr.87 vom 28. Mai 1840] 

Aber dieses ee der Literatur“ trug den Keim zu neuer Spaltung 
in sich, den „Schwabenspiegel“ Heines!"*!. - Wie es hiermit zugegangen ist, 
mögen von den Beteiligten selbst nur einige wissen; ich übergehe die ganze 
fatale Geschichte am besten. Oder hat Heine nicht bald einmal wieder die 
erforderliche Bogenzahl zusammen, um einen zensurfreien Band, der dann 
auch den vollständigen „Schwabenspiegel“ enthielte, herauszugeben? Man 
könnte dann wenigstens sehen, was die sächsische Zensur zu streichen für 
gut befunden hätte und ob die Verstümmelung wirklich einer Zensur- 
behörde zur Last zu legen wäre. Genug, der Krieg wurde wieder an- 
gefacht, Kühne benahm sich unklug, indem er den albernen Artikel über 
„Savage“ aufnahm und Dr. Wihls Erklärung!! (welche aufzunehmen frei- 
lich eine starke Zumutung an die „Elegante“ war, etwa wie wenn Beck 
seine Erklärung gegen Gutzkow an den „Telegraphen“ geschickt hätte) 
mit einer hündischen Parodie begleitete, die von der andern Seite gleich- 
falls bellend zurückgewiesen wurde. Diese Hundegeschichte ist der 
schimpflichste Fleck aller modernen Polemik; wenn unsere Literaten an- 
fangen, sich wie Bestien zu behandeln und die Grundsätze der Natur- 
geschichte praktisch anzuwenden, so wird die deutsche Literatur bald einer 
Mienagerie gleichen und der lang erwartete Literaturmessias mit Martin 
und van Amburgh fraternisieren. 

: Damit die schon wieder ermattende Polemik nicht einschliefe, regte 
ein böser Dämon den Streit zwischen Gutzkow und Beck an.#! - Über 
Beck hab’ ich mein Urteil schon anderswo abgegeben!, doch, wie ich gern 
gestehe, nicht ohne Parteilichkeit. Der Rückschritt, den Beck im „Saul“ und 
in den „Stillen Liedern“ zeigt, ließ mich mißtrauisch und unbillig gegen 
die „Nächte“ und den „Fahrenden Poeten“ werden. Ich hätte jenen Artikel 
nicht schreiben und ihn noch weniger in der Zeitschrift geben sollen, die 
ihn brachte. Man wird mir daher erlauben, mein Urteil dahin zu berichti- 
gen, daß ich Becks Vergangenheit, die „Nächte“ und den „Fahrenden 


1 Siehe vorl. Band, S. 22-26 u. 31 


II - Moderne Polemik 57 


Poeten“ allerdings anerkenne, daß esmir aber gegen mein kritisches Gewissen 
ginge, wenn ich die „Stillen Lieder“ und den ersten Akt des „Saul“ nicht 
als einen Rückschritt bezeichnen sollte. Die Fehler der ersten beiden 
Werke Becks waren bei seiner Jugend notwendig, ja man konnte geneigt 
sein, in den drängenden Bildern, den halbreif hingeworfenen Gedanken 
eine Überfülle von Kraft zu sehen, und jedenfalls lag hier ein Talent vor, 
von dem das Beste zu hoffen war. — Statt jener flammenden Bilder, statt 
jener wilderregten Jugendkraft bringen die „Stillen Lieder“ eine Abspan- 
nung, eine Mattigkeit, die von Beck am wenigsten zu erwarten war, und der 
erste Akt des „Saul“ war ebenso kraftlos. Aber vielleicht ist diese Schlaff- 
heit nur die natürliche, momentane Folge jener Überreizung, vielleicht 
ersetzen die folgenden Akte des „Saul“ alle Mängel des ersten - nein, Beck 
ist ein Dichter, und die Kritik sollte auch bei dem schärfsten und gerech- 
testen Tadel eine Scheu haben vor seinen zukünftigen Schöpfungen. Eine 
solche Pietät verdient jeder echte Dichter; und gerade ich möchte nicht 
gern für einen Feind Becks gelten, da ich, wie ich gern gestehe, seinen 
Dichtungen die mannigfachsten und nachhaltigsten Anregungen verdanke. 

Der Streit zwischen Gutzkow und Beck hätte füglich unterbleiben 
können. Es läßt sich nicht leugnen, daß Beck, freilich unwillkürlich, in dem 
Gange der Exposition seines „Sauls“ sich einigermaßen an Gutzkow an- 
geschlossen hat, indes leidet seine Rechtlichkeit nicht darunter, sondern 
nur seine Originalität. Gutzkow, statt sich darüber zu entrüsten, hätte sich 
vielmehr dadurch geschmeichelt fühlen sollen. Und Beck, statt die Origina- 
htät seiner Charaktere, die von niemand bezweifelt wurde, hervorzuheben, 
hätte den einmal hingeworfenen Fehdehandschuh zwar aufnehmen müssen, 
wie er denn auch tat, aber auch den Akt umarbeiten sollen, was er hoffent- 
lich getan haben wird. | 

Jetzt stellte sich Gutzkow den gesamten Leipziger Literaten feiindlich 
gegenüber und verfolgt sie seitdem stark mit Feuilletonwitzen. Er sieht eine 
komplett organisierte Räuberbande darin, die ihn und die Literatur auf alle 
nur mögliche Weise verfolgt; aber er täte wahrlich besser, sie auf andere 
Weise anzugreifen, wenn er nicht vom Kriege ablassen will. Persönliche 
Verbindungen und deren Reaktionen auf das öffentliche Urteil sind unter 
den Leipziger Literaten unvermeidlich. Und Gutzkow möge sich selber 
fragen, ob er sich immer von dieser zuweilen leider unumgänglichen Sünde 
freigehalten hat; oder soll ich ihn an gewisse Frankfurter Bekanntschaften 
erinnern? Wenn das „Nordlicht“, die „Elegante“ und die „Eisenbahn“ 
zuweilen in ihren Urteilen übereinstimmen, ist denn das zu verwundern? 
Die Bezeichnung Clique paßt für diese Verhältnisse ganz und gar nicht. 


55 Modernes Literaturleben 


So stehen die Sachen jetzt; Mundt hat sich zurückgezogen und kümmert 
sich um. den Streit nicht mehr; Kühne ist auch des ewigen Kriegführens 
ziemlich überdrüssig geworden; Gutzkow wird gewiß auch bald einsehen, 
daß seine Polemik dem Publikum nachgerade langweilig werden muß. Sie 
werden allmählich anfangen, sich auf Romane und Dramen herauszufordern, 
sie werden merken, daß ein geharnischtes Feuilleton nicht das Kriterium für 
ein Journal ist, daß die Gebildeten der Nation nicht dem raschesten Pole- 
miker, sondern dem besten Dichter den Preis zuerkennen; sie werden sich 
an eine ruhige Existenz nebeneinander gewöhnen und vielleicht — sich 
wieder achten lernen. Sie mögen sich Heines Benehmen vorhalten, der trotz 
des Streites aus seiner Achtung für Gutzkow kein Hehl macht. Sie mögen 
das Verhältnis ihres Wertes nicht nach ihrem subjektiven Ermessen, sondern 
nach dem Benehmen der Jüngeren bestimmen, denen über kurz oder lang 
die Literatur gehören wird. Sie mögen von den „Hallischen Jahrbüchern“ 
lernen, daß die Polemik nur gegen die Kinder der Vergangenheit, gegen 
die Schatten des Todes gerichtet werden darf. Sie mögen bedenken, daß 

sonst zwischen Hamburg und Leipzig literarische Kräfte sich erheben 
_ können, die ihr polemisches Feuerwerk in Schatten stellen. Die Hegelsche 
Schule in ihren jüngsten, freien Entfaltungen und der vorzugsweise sog. 
jüngere Nachwuchs gehen einer Vereinigung entgegen, die den bedeutend- 
sten Einfluß auf die Entwicklung der Literatur haben wird. In Moritz 
Carriere und Karl Grün ist diese Vereinigung schon vollbracht.