458 35 - Engels an Marie Engels - 18./19. September 1840 


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Engels an Marie Engels 


in Mannheim 


[Bremen] den 18.Sept. 1840 

Meine Allerwerteste! | | 

Augenblicklich ist der Äquinoktialsturm los auf eine furchtbare Weise: 
in unsrem Hause ist diese Nacht ein Fenster eingeweht worden, und die 
Bäume krachen ganz gotteserbärmlich. Morgen und übermorgen werden 
was Nachrichten von gescheiterten Schiffen einlaufen! Der Alte! steht am 
Fenster und macht ein kraus Gesicht, denn vorgestern ist ein Schiff in See 
gegangen, worin er für 3000 Taler Leinen hat, und die sind nicht versichert. 
Du schreibst ja nichts über den Brief an Ida, den ich meinem vorigen Brief 
beilegte, oder sollte ich vergessen haben, ihn hineinzutun? - Ich bleibe 
jetzt wirklich bis Ostern hier, welches mir aus diversen Gründen äußerst 
gepfiffen ist. Also die Ida ist nun weg, das wird Dir sehr fatal sein. 

Wir haben hier auch ein tüchtiges Lager, das beinah 3000 Mann stark 
ist, Oldenburger, Bremer, Lübecker und Hamburger Truppen. Neulich 
war ich da, es war ein enormer Witz. Gleich vorn im Zelt (da hatein Kneipen- 
inhaber ein großes Eßzelt gebaut) saß ein Franzose, der war ganz knüll 
und konnte nicht mehr auf den Beinen stehen. Die Kellner hingen ihm 
einen großen Kranz um, und nun fing er an zu brüllen: Bekrenst mit Laup 
ten libehn vollehn Beker!'?0], Nachher schleppten sie ihn auf die Toten- 
kammer, d.h. den Heuboden, da blieb er liegen und schlief. Als er wieder 
nüchtern war, lieh er von einem andern ein Pferd, setzte sich drauf und 
galoppierte in einem fort am Lager auf und ab. Er war immer nah dran, 
aufs angenehmste herunterzufallen. Wir haben dort äußerst viel Jokus ge- 
nossen und besonders schönen Wein. Vorigen Sonntag ritt ich nach Vege- 
sack, bei welcher Tour ich das Vergnügen hatte, viermal durch naß geregnet 
zu werden, und ich hatte doch soviel innere Glut in mir, daß ich immer 
gleich wieder trocken wurde. Ich hatte aber auch ein abscheuliches Roß, 
das furchtbar hart trabte, so daß das infame Schmeißen einem durch Mark 
und Bein ging. -Soeben werden wieder 6 Flaschen Bier für unsangeschleppt, 


i He inrich Leupold - ? Ida Engels | 


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welche sogleich in den Entzündungsprozeß - ich dachte an Zigarren, es 
muß heißen in den Äusleerungsprozeß übergehen sollen. - Eine Flasche 
hab’ ich schon beinah verzehrt und einen Brand dabei verraucht, sogleich 
geht unser Don Guillermo!, der junge Prinzipal, nochmals weg, und dann 
wird von neuem angefangen. | 

Den 19.Sept. 1840. Ihr habt doch ein langweiligeres Leben als wir. 
Gestern nachmittag waren keine Arbeiten mehr zu tun, und der Alte 
war weg, und Wilhelm L[eupold] ließ sich auch selten sehen. So steckt 
ich mir eine Zigarre an, schrieb erst das Vorstehende an Dich, sodann 
nahm ich Lenaus „Faust“ aus dem Pulte und las darin. Nachher trank ich 
noch eine Flasche Bier und ging um halb acht zum Roth; wir schoben in 
die Union, ich las Raumers „Geschichte der Hohenstaufen“ und aß dann 
ein Beefsteak und Gurkensalat. Um halb elf ging ich nach Hause, las 
Diez’ „Grammatik der romanischen Sprachen“, bis ich schläfrig wurde. 
Dazu ist morgen wieder Sonntag und am Mittwoch bremischer Buß- und 
Bettag, und so kramt man sich allmählich bis in den Winter hinein. Diesen 
Winter werd’ ich mit Eberlein Tanzstunden nehmen, um meine steifen 
Beine an ein wenig Grazie zu gewöhnen. 


Hier hast Du eine Szene von der Schlachte, d.h. der Straße, die an der 
einen Seite die Weser hat und wo die Waren ausgeladen werden. Der Kerl 
mit der Peitsche ist der Fuhrmann, der die Kaffeesäcke, die. dahinten liegen, 


1 Wilhelm Leupold 


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eben wegfahren will; der Kerl mit dem Sack rechts ist der Schlachtkaper, 
der sie aufladet; neben ihm ein Küper, der eben eine Probe gezogen hat 
und noch in der Hand hält, und daneben der Kahnschiffer, aus dessen Kahn 
die Säcke geladen wurden. Du wirst nicht leugnen können, daß diese 
Gestalten sehr interessant sind. Wenn der Fuhrmann fährt, so setzt er sich 
ohne Sattel, Bügel und Sporen aufs Pferd und hackt ihm die Fersen fort- 
während in die Rippen, so: 


Jetzt regnet’s wieder ganz ungebührlich für einen Sonnabendabend, es 
sollte eigentlich nur in der Woche regnen, aber von Sonnabendmittag an 
schönes Wetter sein. Weißt Du, was superfein mittelgut ordinärer Domingo- 
kaffee ist? Das ist wieder einer von den tiefen Begriffen, die in der Philoso- 
phie des Kaufmannsstandes vorkommen, und die Eure Geisteskräfte nicht 
verstehen können. Superfein mittelgut ordinärer Domingokaffee ist Kaffee 
von der Insel Haiti, der einen leisen Anflug von grüner Farbe hat, im 
übrigen grau ist, und wo man zu zehn guten Bohnen vier schlechte Bohnen, 
sechs Steinchen und ein viertel Lot Dreck, Staub usw. in den Kauf be- 
kommt. Jetzt hast Du’s wohl begriffen. Davon kostet das Pfund jetzt 9/, 
Groten, das sind 4 Silbergroschen /,,, Pfennige. Solche Handels- 
geheimnisse dürfte ich eigentlich nicht verraten, da man nicht aus der 
Schule schwatzen soll; aber weil Du es bist, so will ich eine Ausnahme 
machen. — Eben sagt unser Ärbeitsmann: Herr Derkhiem, wann Se sek met 
de Jungens gemein mokt, so m&t Se sek en beten mehr en Respekt hohlen, 
sons krigt Se dat Volk ganz unner de Föte, Heinrich, dat es en slimmen 


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Jung, do hebb’ ick manch’ en Tuck med har’d, Se met nich so veel domet 
speelen, Se möt se gliks wat achter de Ohren geven, anners helpt nich, un 
wann Se no’n Ohlen goht, de dait de Jungens ok nix, de segt man blot: 
Laßt mir den Kerl vom Halse. Da kannst Du Dich ein wenig in unsrem 
Plattdeutsch üben. Im übrigen bin ich Dein ganz ergebenster | 


| Friedrich 
Bremen, ‚| 9,9,40