Eine Fahrt nach Bremerhaven!! 

Nr. 196 vom 17. August 1841] 

Bremen, Juli 

Um sechs Uhr morgens sollte der „Roland“ abfahren. Ich stand an den 
Räderkasten angelehnt und sah unter der Menschenschar, die sich an Bord 
des Dampfschiffs drängte, nach Bekannten umher. Denn heute war eine 
sonntägliche Lustfahrt nach Bremerhaven veranstaltet, und zwar zu herab- 
gesetzten Preisen, wobei denn jeder die Gelegenheit benutzte, der See ein 
wenig näher zu kommen und einige große Schiffe zu sehen. Es war mir 
merkwürdig, daß die Gewinnsucht, die sonst fortwährend auf eine Geld- 
aristokratie hinarbeitet, hier auch einmal der Demokratie einige Konzes- 
sionen machte. Die Preiserniedrigung machte den Unbemitteitern die Teil- 
nahme möglich, und dazu war der Unterschied zwischen erster und zweiter 
Kajüte aufgehoben, was in Bremen, wo die „höheren Stände“ nichts mehr 
scheuen als gemischte Gesellschaft, sehr viel sagen will. So wurde denn das 
Dampfschiff auch sehr voll. Echte „Bremer Borger“, die in ihrem Leben 
nicht aus dem Gebiet der freien Hansestadt herausgekommen waren und 
nun Ihrer Familie den Hafen zeigen wollten, bildeten den Kern der Gesell- 
- schaft; Küper, Auswanderer, Handwerksgesellen waren ebenfalls in Masse 
da; hier und dort stand ein Mann der Börse, der, zur guten Gesellschaft 
gehörend, sich von der Menge absonderte, und überall sah man die Bauern 
auf dem Schachbrett einer Handelsstadt, die immer vorgeschoben werden, 
die Comptoiristen, welche sich wieder in Commis, erste Lehrlinge und 
Jüngste scheiden. Der Commis dünkt sich schon eine wichtige Person; er 
hat nur einen Schritt bis zur Selbständigkeit; er ist das Faktotum seiner 
Firma, er kennt die Verhältnisse seines Hauses durch und durch, er ist mit 
dem Stande des Marktes vertraut, und auf der Börse drängen sich die 
Makler um ihn. Der erste Lehrling hält sich nicht viel geringer; er steht zwar 

mit dem Prinzipal nicht auf demselben Fuße wie der Commis, doch weiß 
ereinen Makler und namentlich einen Küper oder Kahnschiffer schon ganz 
vortrefflich abzufertigen, und trägt in Abwesenheit des Prinzipals und Com- 
mis das Bewußtsein zur Schau, daß er jetzt die Firma vertritt und der Kredit 
eines ganzen Hauses von seinem Benehmen abhängt. Der Jüngste dagegen 
ist ein unglückliches Geschöpf; er vertritt das Handlungshaus höchstens 
gegen den Arbeiter, der die Güter verpackt, oder den Briefträger, in dessen 
Rayon das Comptoir liegt. Er muß nicht nur sämtliche Handlungsbriefe 
und Wechsel kopieren, Rechnungen austragen und bezahlen, sondern über- 
haupt völlig den Laufburschen machen, die Briefe zur Post bringen, Pakete 
schnüren, Kisten zeichnen und die Briefe von der Post holen. Man kann 
jeden Mittag das Postlokal gedrängt voll von diesen „Jüngsten“ sehen, 
welche die Hamburger Post abwarten. Und was das schlimmste ist, jedes 
Versehen, das auf dem Comptoir vorfällt, muß sich der Jüngste geduldig 
zuschieben lassen; denn es gehört mit zu seinem Beruf, der Sündenbock 
eines ganzen Comptoirs zu sein. Diese drei Klassen sondern sich auch in 
Gesellschaft streng voneinander: die Jüngsten, deren Kinderschuhe meist 
noch nicht ganz vertreten sind, gefallen sich in lautem Lachen und viel 
Lärmen um nichts; die ersten Lehrlinge sprechen eifrig über den jüngsten 
großen Einkauf, den ein Zuckerhändler gemacht_hat, und jeder hat seine 
Vermutungen darüber; die Commis lächeln über Witze, die nicht ans 
Tageslicht kommen, und wissen bezeichnende Dinge von den anwesenden 
Damen zu sagen. 

Nr. 197 vom 18. August 1841] 

Bremen, Juli 

Das Dampfschif fuhr ab. Obwohl die Bremer ein solches Schauspiel 
alle Tage sehen können, so mußte die bremische Neugier sich dennoch in 
einer ungeheuern Menschenmasse betätigen, die von jedem Ufervorsprung 
unserer Abfahrt zusah. - Das Wetter war eben nicht günstig; es war zwar 
derselbe alte, eherne Himmel, von dem Homer erzählt, aber die uns zu- 
gewandte Seite, welche die ewigen Götter nicht alle "Tage putzen lassen, 
war mit bedeutendem Rost überlaufen. Mehr als einmal löschte ein Regen- 
tropfen zischend meine Zigarre aus. Die Dandys, welche ihre Mackintosh- 
röcke bisher über dem Arm trugen, sahen sich veranlaßt, sie anzuziehen, 
und die Damen spannten die Regenschirme auf. - Die Ausfahrt aus Bremen 
ist, von der Weser gesehen, sehr hübsch: links die Neustadt mit ihrem lan- 
gen, baumbepflanzten „Deich“, rechts die Anlagen des Walls, die sich hier 

bis an die Weser erstrecken und von einer kolossaien Windmühle gekrönt 
"werden. Dann aber kommt die bremische Wüste, rechts und links Weiden- 
gebüsch, sumpfige Wiesen, Kartoffelpflanzungen und eine Masse Braun- 
kohlfelder. Braunkohl ist das Lieblingsgericht der Bremer. | 
Auf dem Räderkasten stand, trotz des starken Regens und des scharfen 
Windes, ein langer Ässekuranzmaklergehülfe und unterhielt sich in platt- 
deutscher Sprache mit dem Kapitän, der ruhig seinen Kaffee trank. Dann 
eilte er wieder hinunter zu einer Gesellschaft von Kaufleuten zweiten Ran= 
ges, um ihnen Bericht über die wichügen Äußerungen des Kapitäns abzu- 
statten. Die Commis und ersten Lehrlinge rissen sich fast um diese an- 
gesehene Persönlichkeit, aber er kehrte sich nicht an sie, denn heute sprach 
er nur mit etablierten Häusern. Jetzt stürmte er eilig vom Räderkasten 
herunter und brachte die Nachricht: „In einer Viertelstunde sind wir in 
Vegesack.“ „Vegesack!“ wiederholten erfreut alle Zuhörer; denn Vegesack 
ist die Oase der bremischen Wüste, in Vegesack gibt’s Berge von sechzig 
Fuß Höhe, und der Bremer spricht wohl von der „Vegesacker Schweiz“. 
Vegesack liegt nun auch ganz hübsch, oder wie man hier sagt, „niedlich“, 
oder „süß“, wobei man denn an die letzte, mit Vorteil verkaufte Partie 
gelben Havannazucker denkt. Der Flecken selbst bietet der Weser eine 
anmutige Fronte dar; ehe man hinkommt, sieht man eine Menge Schiffs- 
rümpfe in der Weser liegen; teils ausgediente, teils hier neugebaute. Die 
Lesum fließt hier in die Weser und bildet mit ihren Hügeln ebenfalls ganz 
„niedliche“ Ufer, die sogar romantisch sein sollen, wie mich der Schulmeister 
von Grohn, einem Dorfe bei Vegesack, auf Ehre versicherte. Gleich hinter 
Vegesack versucht das Sandmeer wirklich, bedeutende Wellen zu schlagen 
und senkt sich ziemlich steil in die Weser hinein. Hier liegen die Villen der 
Bremer Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin 
wirklich sehr verschönern. Dann freilich kommt wieder die aite Langeweile. - 
Ich ging unter das Verdeck und fand in einem kleinen Nebenzimmer der 
Kajüte eine Schar „erster Lehrlinge“, welche alle Segel aufspannte, um drei 
hübsche Schneiderstöchter gebührend zu unterhalten; vor der Türe drängte 
sich eine Schar „Jüngster“, die dem Geschwätz der ersten Lehrlinge ge- 
spannt zuhörten; hinter ihnen stand der garde d’honneur’ der Damen, ein 
alter Hausfreund, den das Unwesen zu einem ärgerlichen Brummen ver- 
anlaßte. Mich langweilte das Gespräch, und so ging ich wieder hinauf und 
stellte mich auf den Räderkasten. Nichts ist schöner, als so über einer 
Menge Menschen zu stehen, dem Gedränge zuzuschauen und das Gewirr 

von Worten zu hören, das ohne Zusammenhang von unten heraufschalit. 
Man fühlt den frischen Hauch des Windes frischer dort oben, und der 
Regen, den man freilich auch frischer zu genießen hat, ist wenigstens besser 
als die Tropfen, die einem ein Philister mit seinem Schirme in die Krawatte 
gießt. 

Nr.198 vom 19. August 1841] 

Bremen, Juli 

Endlich, nach verschiedenen uninteressanten hannöverschen und olden- 
burgischen Dörfern, wieder eine erfreuliche Abwechselung, der Freihafen 
Bracke, dessen Häuser und Bäume einen effektvollen Hintergrund zu den 
auf der Weser liegenden Schiffen bilden. Bis hieher kommen schon größere 
Seeschiffe, und von hier abwärts hat die Weser, wenn nicht durch Inseln 
zerrissen, schon eine ansehnliche Breite. - Nach kurzem Aufenthalt fuhr 
das Dampfschiff weiter, und in anderthalb Stunden waren wir nach beinahe 
sechsstündiger Fahrt am Ziele. Als das Fort von Bremerhaven vor uns auf- 
tauchte, zitierte ein Buchhändler von meiner Bekanntschaft Schiller, der 
Assekuranzmakler zitierte die „Shipping and Mercantile Gazette“, ein 
Kaufmann zitierte die letzte Nummer der Einfuhrliste. Mit einem prächti- 
gen Bogen fuhr das Dampfboot in die Geest, einen kleinen Fluß, der sich 
bei Bremerhaven in die Weser ergießt. Aber die Passagiere drängten sich, 
trotz der Ermahnungen des Kapitäns, nach dem Vorderteil des Schiffes, die 
Ebbe hatte den niedrigsten Stand erreicht und mit einem Ruck war „Ro- 
land“, der Repräsentant der bremischen Unabhängigkeit, auf den Sand 
geraten. Die Passagiere zerstreuten sich, die Maschine arbeitete rückwärts 
und „Roland“ kam glücklich von der Sandbank. 

Bremerhaven ist ein junger Ort. 1827 kaufte Bremen von. Hannover 
einen kleinen Strich Landes und ließ den Hafen mit ungeheuren Kosten 
dort erbauen. Allmählich zog eine ganze bremische Kolonie hinüber, und 
noch immer nimmt der Ort an Bevölkerung zu. Darum ist hier alles bre- 
misch, von der Bauart der Häuser bis zu der plattdeutschen Sprache der 
Einwohner, und der Bremer vom alten Schlage, der sich vielleicht über die 
außerordentliche Steuer geärgert hat, mit deren Ertrag das Stückchen Land 
gekauft wurde, kann doch jetzt seine Freude nicht verhehlen, wenn er sieht, 
wie hier alles so schön, so zweckmäßig, so bremisch ist. - Von der Anfahrt 
der Dampfschiffe aus hat man gleich den besten Überblick über das Ganze. 
Ein schöner, breiter Quai, in dessen Mitte das kolossale Hafenhaus in miß- 
lungenem antiken Stil hervorragt; der Hafen in seiner ganzen Länge, mit 

allen seinen Schiffen; links und jenseits desselben das von hannöverschen 
Soldaten besetzte kleine Fort, dessen Backsteinmauern nur zu deutlich 
zeigen, daß es bloß pro forma dasteht. Es ist darum auch ganz konsequent, 
daß man niemand ins Innere des Forts läßt, eine Erlaubnis, die bei jeder 
preußischen Festung leicht zu erlangen ist. - Wir gingen im Regen den 
Quai entlang. Hier und da bot eine Seitenstraße einen Blick in das Innere 
des Orts; alles rechtwinklig, die Straßen schnurgerade, die Häuser häufig 
noch im Bau begriffen. Diese moderne Anlage des Orts sticht allein gegen 
Bremen ab. Die Straßen waren bei dem schlechten Wetter und dem noch 
nicht beendigten Gottesdienst so still wie in Bremen. 

Nr. 199 vom 20. August 1841] 

Bremen, Juli 

Ich ging auf eine große Fregatte, deren Verdeck voll Auswanderer stand, 
die dem Aufwinden der „Jölle“ zusahen. Jälle heißt hier ieder Nachen, der 
se ut u m u 7 J 

einen Kiel hat und sich dadurch zum Dienst auf der See eignet. Die Leute 
waren noch fröhlich; sie hatten noch nicht die letzten Schollen des heimi- 
schen Bodens betreten. Aber ich habe gesehen, wie nahe es ihnen geht, 
wenn sie wirklich die deutsche Erde für immer verlassen, wenn das Schiff, 
mit allen Passagieren an Bord, langsam aus dem Hafen auf die Reede legt 
und von da in die offene See hineinsegelt. Es sind fast lauter treue, deutsche 
Gesichter, ohne Falsch, mit kräftigen Armen, und man braucht nur einen 
Augenblick unter ihnen zu verweilen, nur die Herzlichkeit zu sehen, mit 
der sie sich begegnen, um zu erkennen, daß es wahrlich nicht die Schlech- 
testen sind, die ihr Vaterland verlassen, um sich im Lande der Dollars und 
der Urwälder anzusiedeln. Der Spruch: Bleibe im Lande und nähre dich 
redlich, scheint wie für die Deutschen gemacht, und doch ist es nicht so; 
wer sich redlich nähren will, geht, wenigstens sehr häufig, nach Amerika. 
Und es ist bei weitem nicht immer Nahrungslosigkeit, geschweige denn 
Habsucht, was diese Leute in die Ferne treibt; es ist die schwankende Stel- 
lung des deutschen Bauern zwischen Leibeigenschaft und Unabhängigkeit, 
es ist die Erbuntertänigkeit und das Schalten und Walten der Patrimonial- 
gerichtel), was dem Landmann sein Essen versäuert und den Schlaf un- 
ruhig macht, bis er sich entschließt, sein Vaterland zu verlassen. - Es waren 
Sachsen, die mit diesem Schiffe hinübergingen. Wir stiegen die Treppe 
hinab, um das Innere des Schiffes zu betrachten. Die Kajüte war außer- 
ordentlich elegant und komfortabel eingerichtet; ein kleines, viereckiges 

Zimmer, alles elegant, wie in einem Salon der Aristokratie, Mahagoni mit 
Gold verziert. Vor der Kajüte waren in kleinen, niedlichen Zimmerchen die 
Schlafstätten der Passagiere; daneben schlug aus einer offenen Türe der 
Schinkenduft der Speisekammer uns entgegen. Wir mußten wieder auf 
Verdeck, um eine andere Treppe hinab ins Zwischendeck zu gelangen. „Da 
unten aber ist’s fürchterlich“ !0, zitierten alle meine Begleiter, als wir wie- 
der hinaufstiegen. Da unten lag die Kanaille, die nicht Geld genug hat, um 
neunzig Taler an eine Überfahrt in der Kajüte zu wenden, das Volk, vor 
dem man den Hut nicht zieht, dessen Sitten man hier als gemein, dort als 
ungebildet bezeichnet, die Plebs, die nichts hat, die aber das Beste ist, was 
ein König in seinem Reiche haben kann, und die namentlich in Amerika das 
deutsche Prinzip allein aufrechthält. Die Deutschen in den Städten sind es, 
die den Amerikanern ihre jämmerliche Verachtung gegen unsere Nationali- 
tät beigebracht haben. Der deutsche Kaufmann macht sich eine Ehre daraus, 
seine Deutschheit wegzuwerfen und ein kompletter Yankeeaffe zu werden. 
Dieses Zwittergeschöpf ist glücklich, wenn man ihm den Deutschen nicht 
mehr anmerkt, spricht englisch auch mit seinen Landsleuten, und wenn er 
wieder nach Deutschland kommt, spielt er erst recht den Yankee. Man hört 
oft in den Straßen Bremens englisch sprechen, aber man würde sich sehr 
irren, wenn man jeden, der englisch spricht, für einen Briten oder Yankee 
halten wollte; wenn diese nach Deutschland kommen, so sprechen sie 
immer deutsch, um unsere schwere Sprache zu lernen; jene Leute sind 
immer in Amerika gewesene Deutsche. Der deutsche Bauer allein ist es, 
vielleicht noch der Handwerker in den Seestädten, der mit eiserner Festig- 
keit an seiner volksmäßigen Sitteund Sprache klebt, der, durch die Urwälder, 
die Alleghanygebirge und die großen Ströme von den Yankees geschieden, 
mitten in den Vereinigten Staaten ein neues, freies Deutschland erbaut; in 
Kentucky, Ohio und im Westen von Pennsylvania sind nur die Städte eng- 
lisch, während auf dem Lande alles deutsch spricht. Und der Deutsche hat 
in seinem neuen Vaterlande neue Tugenden gelernt, ohne die alten zu ver- 
lieren. Der deutsche Korporationsgeist hat sich hier zu einem ausgebildeten 
Geiste der politischen, freien Genossenschaft entwickelt, er drängt die Regie- 
rung tagtäglich um Einführung der deutschen Sprache als Gerichtssprache 
in den deutschen Counties!, er schafft eine deutsche Zeitung nach der an- 
dern, die alle einem besonnenen, ruhigen Streben nach Entwicklung der 
vorliegenden Freiheitselemente huldigen, und was das beste Zeichen seiner 
Macht ist, er hat die durch alle Staaten verbreitete Partei der „Native 

Americans“ [#1] hervorgerufen, welche die Einwanderung hindern und dem 
Eingewanderten die Erlangung des Bürgerrechts erschweren wollen. 
„Dort unten aber ist’s fürchterlich.“ Um das ganze Zwischendeck läuft 
eine Reihe Betten herum, mehrere nebeneinander und je zwei übereinander. 
Fine drückende Luft herrscht hier, wo Männer, Weiber und Kinder wie 
die Pflastersteine auf der Straße aneinander gepackt liegen, Kranke neben 
Gesunden, alles zusammen. Man stolpert jeden Augenblick über einen 
Haufen Kleider, Geräte u.dgl.; hier schreien kleine Kinder, dort hebt sich 
ein Kopf aus einem Bette. Es ist ein trauriger Anblick; und wie mag es erst 
sein, wenn ein anhaltender Sturm alles übereinanderwirft und die Wellen 
übers Verdeck jagt, so daß die Luke, die allein noch frische Luft hereinläßt, 
nicht geöffnet werden kann! Und auf den bremischen Schiffen ist alles noch 
am menschlichsten eingerichtet. Wie es den meisten ergeht, die über Havre 
gehen, ist bekannt. Wir besuchten nach diesem noch ein anderes, amerikani- 

sches Schiff; es wurde gerade gekocht, und als eine deutsche Frau, die dabei- 

stand, die schlechten Speisen und die noch schlechtere Zubereitung sah, 

> Ey 
sagte sie unter bitter wäre sie lieber 

a. m - »w ri aan 

zu Hause geblieben. 

Nr.200:vom 21. August 1841] 

Bremen, Juli 

Wir gingen in den Gasthof zurück. Die Primadonna unseres Theaters 
saß mit ihrem Gemahl, dem ultimo uomo! desselben, und mehreren andern 
Schauspielern in einem Winkel; die übrige Gesellschaft war sehr un- 
bedeutend, und so griff ich nach einigen Drucksachen, die auf dem Tische 
lagen, und von denen ein Jahresbericht über den bremischen Handel das 
Interessanteste war. Ich ergriff ihn und las folgende Stellen: „Kaffee im 
Sommer und Herbst gefragt, bis gegen den Winter flauere Zustände auf- 
kamen. Zucker genoß fortwährender Abnahme, jedoch kam die eigentliche 
Idee dafür erst mit den größern Zufuhren.“ Was soll ein armer Literat dazu 
sagen, wenn er sieht, wie die Ausdrucksweise nicht nur der modernen 
Belletristik, sondern auch der Philosophie den Stil der Mäkler durchdringt! 
Zustände und Ideen in einem Handelsbericht — wer hätte das erwartet! 
Ich schlug um und fand die Bezeichnung: „Superfein mittel gut ordinär 
reeller Domingo-Kaffee.“ Ich fragte den anwesenden Commis eines der 
ersten Bremer Reeder, was diese superfeine Bezeichnung sagen wolle. Er 

antwortete: „Sehen Sie diese Probe an, die ich eben von einer für uns an- 
gekommenen Ladung gezogen habe; darauf wird jene Benennung ungefähr 
passen.“ Da fand ich denn, daß superfein mittel gut ordinär reeller Do- 
mingo-Kaffee ein Kaffee von der Insel Haiti ist, von blaßgraugrüner Farbe, 
und wovon das Pfund aus fünfzehn Lot guten, zehn Lot schwarzen Bohnen 
und sieben Lot Staub, Steinchen und anderem Unrat besteht. Ich ließ 
mich so noch in mehrere Mysterien des Hermes einweihen und vertrieb 
mir damit die Zeit bis gegen Mittag, wo wir ein sehr mittelmäßiges Mahl 
einnahmen: und durch die Glocke dann wieder aufs Dampfboot gerufen 
wurden. Der Regen ließ endlich nach, und kaum hatte das Schiff aus der 
Geest „gelegt“, so brachen die Wolken auseinander und die Sonnenstrahlen 
fielen licht und wärmend auf unsere noch immer feuchten Kleider. Zu all- 
gemeiner Verwunderung aber fuhr das Schiff nicht stromaufwärts, sondern 
die Reede hinab, wo ein stolzer Dreimaster eben geankert hatte. Wir waren 
kaum in die Mitte der Strömung gekommen, als die Wellen größer wurden 
und das Schiff merklich zu schwanken anfing. Wer, der jemals auf der See 
war, fühlt sein Herz nicht höher schlagen, wenn er dieses Zeichen von der 
Nähe des Meeres spürt! Man glaubt einen Augenblick, es gehe wieder 
hinaus in die freie rauschende See, zu dem tiefklaren Grün der Wogen, 
mitten hinein in das wunderbare Licht, das Sonne, Himmelblau und Meer 
vereint erzeugen; man beginnt unwillkürlich wieder, die Bewegung des 
Schiffs balancierend mitzumachen. Die Damen waren indes anderer Mei- 
nung, sahen sich erschrocken an und wurden bleich, während das Dampf- 
boot „in a gallant style“, wie die Engländer sagen, einen Halbkreis um 
das neu angekommene Schiff beschrieb und den Kapitän desselben auf- 
nahm. Der Assekuranzmäklergehülfe erklärte eben einigen Herrn, die sich 
vergebens am Bug nach dem Namen des Schiffs umgesehen hatten, daß 
dieses laut seiner Flaggennummer die „Maria“, Kapitän Ruyter, und laut 
der Lloydsliste unter dem und dem Tage von Trinidad de Cuba gesegelt 
sei, als der Kapitän die Treppe des Dampfboots heraufstieg. Unser Asse- 
kuranzmäkler ging ihm entgegen, schüttelte ihm mit Protektormiene die 
Hand und erkundigte sich nach seiner Überfahrt, nach der Ladung, und 
verführte überhaupt einen langen plattdeutschen Diskurs mit ihm, während 
ich den Schmeicheleien zuhörte, die der Buchhändler an die halb naiven, 
halb koketten Schneiderstöchter verschwendete. 

Die Sonne ging in voller Glorie unter. Eine glühende Kugel hing sie in 
einem Netze von Wolkenstreifen, dessen Fäden schon zu brennen schienen, 
so daß man jeden Augenblick hätte erwarten sollen: jetzt, jetzt hat sie das 
Netz durchgebrannt und fällt zischend in den Strom! Aber ruhig sank sie 

hinter eine Baumgruppe, die Mosis feurigem Dornbusche glich. Wahrlich, 
hier wie dort spricht Gott mit lauter Stimme! Doch das heisere Gekrächz 
eines Bremer Oppositionsmannes bemühte sich, ihn zu überschreien; der 
kluge Mann plagte sich, seinem Nachbar zu beweisen, wie es weit klüger 
gewesen wäre, statt den Bremerhaven zu bauen, das Fahrwasser der Weser 
auch für größere Schiffe auszutiefen. Leider geht hier die Opposition nur 
zu oft mehr aus einem Neide gegen die Macht der Patrizier hervor, als aus 
dem Bewußtsein, daß die Aristokratie dem vernünftigen Staate widerstrebe; 
‚und dabei ist sie so beschränkt, daß ebenso schwer mit ihr über die bremi- 
schen Angelegenheiten zu sprechen ist, wie mit den strengen Anhängern 
des Senats. - Beide Parteien überzeugen einen immer mehr, daß so kleine 
Staaten, wie Bremen, sich überlebt haben und selbst in einem mächtigen 
Staatenverbande ein nach außen hin gedrücktes und nach innen phleg- 
matisch-alterschwaches Leben führen müssen. — Jetzt waren wir dicht an 
Bremen. Der lange Ansgariuskirchturm, an den sich unsere „kirchlichen 

 “ n. 
Wi rren“! kninften 
aan a wäh ee ee 

a. UM De 

us Moor und Heide auf, und hald waren wir an