462 36 - Engels an Marie Engels . 29. Oktober 1840 


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Engels an Marie Engels 


in Mannheim 


Liebe Marie! 

Schreib mir nächstens nicht wieder über Barmen, die Mutter läßt die 
Briefe immer so lange liegen, bis sie selbst schreibt, und das dauert oft sehr 
lange. Aber was ich Dir schreiben wollte: Du darfst’s aber nicht nach 
Hause schreiben, denn ich wili sie nächstes Frühjahr damit überraschen, 
ich trage jetzt einen ungeheuren Schnurrbart und werde mir nächstens 
einen Henriquatre und Ziegenbart zulegen. Die Mutter wird sich wundern, 
wenn auf einmal so ein langer schwarzbärtiger Kerl über die Bleiche kommt. 
Nächstes Jahr, wenn ich nach Italien geh’, muß ich doch auch wie ein Ita- 


liener aussehen. 
Dies hat die kleine | a 
Sophie Leupold | Pa 
geschrieben, die mich eben auf dem Comptoir I 
besuchte, während der Älte! und Eberlein, der 
hier im Hause ißt, bei einem großen Mittagessen 
sind. O, ich könnte Dir interessante Dinge erzäh- 
len von diesem Mittagessen, vonnochnichtöffent- 
lichen Verlobungen und verstohlnen Küssen, aber 
das ist nichts für ein Mädchen in Pension. Das er- 
fährst Du noch früh genug, wenn wir wieder zu Hause sind. Dann setz’ ich 
mich in den Garten, und Du bringst mir einen großen Krug Bier und Butter- 
brot mit Wurst heraus, und dann sag’ ich: Sieh, meine liebe Schwester, weil 
Du mir jetzt das Bier herausgebracht hast? und weil es so ein schöner 
Sommerabend ist, so will ich Dir auch erzählen von dem großen Mittagessen, 
was Anno 1840, am 29sten des Monats Oktober in Bremen, Martini Numero 
elf, im Königlich-Sächsischen Konsulat gefeiert wurde. Jetzt aber kann ich 
Dir nur soviel sagen, daß an Madeira, Portwein, Pouillak, Haut Sauternes 
und Rheinwein heut mittag ganz ungeheure Quantitäten werden ver- 
trunken werden. Denn obwohl nur fünf Herren da sind, so trinken sie alle 
doch sehr gut, fast so gut wie ich. - Augenblicklich haben wir Freimarkt, 


I Heinrich Leupold -? in der Handschrift: ist 


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und wenn ich auch nicht die Ehre habe, Ihrer Königlichen Hoheit, einer 
Großherzogin und vielen allerdurchlauchtigsten Prinzessinnen vorgestellt 
zu werden, so haben wir doch auch Spaß. Ich bin glücklicherweise so kurz- 
sichtig, daß ich gar nicht weiß, wie die paar hohen, höchsten und aller- 
höchsten Personen, die die Ehre gehabt haben, an mir vorbeizufahren, aus- 
sehen. Wenn Dir nächstens wieder so eine Ällergnädigste vorgestellt wird, 
so schreib mir doch, ob sie hübsch ist, sonst interessieren mich solche Per- 
sönlichkeiten gar nicht. Unser edler Ratskeller ist jetzt so schön eingerichtet, 
wie er nur sein kann, man sitzt so recht schön zwischen den Fässern. Vori- 
gen Sonntag hatten wir einen Schnurrbartskommers drin. Ich habe nämlich 
ein Zirkulär ausgehen lassen an alle schnurrbartsfähigen jungen Leute, daß 
es endlich Zeit wäre, all die Philister zu perhorreszieren, und daß das nicht 
besser geschehen könnte, als daß wir Schnurrbärte trügen. Wer also Cou- 
rage genug hätte, der Philisterei zu trotzen und einen Schnurrbart zu 
tragen, der sollte sich unterschreiben. Gleich hatt’ ich ein Dutzend 
Schnurrbärte zusammen, und nun wurde der fünfundzwanzigste Oktober, 
als an welchem Tage unsre Schnurrbärte einen Monat alt wurden, zu 
einem gemeinschaftlichen Schnurrbartsjubiläum angesetzt. Ich dachte mir 
aber wohl, wie es kommen würde, kaufte ein wenig Schnurrbartwichse und 
nahm sie mit hin; da fand sich denn, daf3 der eine Zwar einen sehr schönen, 
aber leider ganz weißen Bart hatte, der andre aber von seinem Prinzipal die 
Weisung bekommen hatte, das verbrecherische Ding wegzuhacken. Genug, 
heut abend mußten wir wenigstens welche haben, und wer keinen hatte, 
mußte sich einen malen. Dann stand ich auf und brachte folgende Gesund- 
heitau: : 
Einen Schareber trugen jeder Zeit 
Alle tapfern Männer weit und breit,] 
Und die fürs Vaterland schwangen das Schwert, 
Trugen alle schwarz’ und braune Schnurrbärt'. 
_ Drum sollen in diesen kriegerischen Tagen 
Wir all’ einen stolzen Schnurrbart tragen. 
Die Philister freilich haben’s nicht gelitten 
_ Und sich die Schnurrbärte weggeschnitten, 
Wir aber sind keine Philister nicht, 
Drum lassen wir wachsen den Schnurrbart dicht, 
Hoch lebe jeder gute Christ, 
Der mit einem Schnurrbart behaftet ist, 
Und alle Philister pereant, 


Die die Schnurrbärt’ haben verpönt und verbannt. 


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Auf diese Knittelverse wurde mit großem Enthusiasmus angestoßen, 
und dann trat ein andrer auf. Diesem wollte sein Prinzipal keinen Haus- 
schlüssel geben, und so mußte er um zehn Uhr zu Hause sein, sonst wurde 
das Haus zugeschlossen, und sie ließen ihn nicht mehr ein. Es geht hier 
manchem armen Teufel so. Dieser sagte: | 


Pereant alle 

Prinzipale, 

Die nicht hergeben den Hausschlüssel! 
Haare und Fliegen mögen sie finden 
Beim Abendessen in der Schüssel, 
Und sich schlaflos im Bette winden! 


Darauf wurde wieder angestoßen. So ging’s fort bis um zehn Uhr, da 
mußten die Hausschlüssellosen nach Haus, wir Glücklichen aber, die wir 
Hausschlüssel haben, blieben sitzen und aßen Austern. Ich hab’ acht Stück 
gegessen, mehr aber konnt’ ich nicht, ich kann bis jetzt das Zeug nicht 
goutieren. | 

Da Du so gern Rechnungen hast und mich sogar dafür mit dem gelben 
Couvertorden belohnen willst, so will ich die Gnade haben, Dich mit der 
Bemerkung zu regalieren, daß Courant jetzt 1061/,% steht, während es vor 
einem Jahre 114 stand. Die Louisdors fallen so, daß derienige, der hier in 
Bremen eine Million Taler vor einem Jahre hatte, jetzt nur noch neun- 
hunderttausend, also hunderttausend Taler weniger hat. Ist das nicht 
enorm? 

Du schreibst mir noch immer nichts von dem Wisch für Ida!, hast Du 
ihn gekriegt und abgegeben oder nicht? Es wäre mir fatal, wenn ich ihn 
nicht abgeschickt hätte und er hier liegengeblieben und dem Alten in die 
Hände gekommen wäre. Schreib mir also und zwar den langen sechs- 
. seitigen Brief, den Du mir versprochen hast. Ich werde mich zu revan- 
chieren wissen. Hier auf dem Couvert wirst Du wieder mit einigen Rech- 
nereien regaliert, die Du Dir zu Herzen nehmen kannst. Daß ich diesen 
Brief noch einmal abschreiben mußte, daran ist Herr Timoleon Miesegans 
in Bremen schuld, derselbe, den der Alte vor zwei Jahren einmal aus dem 
Hause geworfen hat. Mit Achtung und Ergebenheit 

Friedrich 
Biremen], 29. Okt. 1840 


1 Ida Engels