452 33 - Engels an Marie Engels - 4. August 1840 


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Engels an Marie Engels 


in Mannheim 


Liebe Marie! | 

Ich muß Dir nur gleich sagen, daß ich mir für die Zukunft alle guten 
Lehren aus Deiner Feder verbitte. Du mußt ja nicht glauben, mein teuerstes 
Gänschen, daß Du jetzt in der Pension schon einmal probieren könntest, 
weise zu sein, und außerdem kann ich, wenn ich Lust haben sollte, vom 
Pastor! eine Unmasse Bücher voll guter Lehren kriegen. Das Bier auf unserem 
Comptoir bleibt doch stehen, bis es ausgetrunken wird, und seit Du da- 
gegen räsonierst, hat sich unser Bierkommers nur noch vervollkommnet, 
denn wir haben erstens Braunbier und zweitens Weißbier. Das kommt da- 
bei heraus, wenn sich die naseweisen Pensionsfräulein in die Sachen ihrer 
Herren Brüder mischen. 

Ich werde also meine Briefe nicht frankieren. Die Adresse mache bloß: 
Herrn F.E. in Bremen, das ist genug. Den Pfaffen laß mir aber von der 
Adresse weg. Neulich, am 27. bis 30sten Juli, haben wir die Julirevolution 
gefeiert, die vor zehn Jahren in Paris iosging; wir waren einen Äbend im 
Ratskeller und die andern auf Richard Roth seiner Kneipe. Der Kerl ist 
noch immer nicht wieder da. Da haben wir den schönsten Laubenheimer 
von der Welt getrunken und Zigarren geraucht -— wenn Du die gesehen 
hättest, hättest Du bloß um ihretwillen das Rauchen gelernt. Meine 
Zigarrentasche ist noch immer nicht wieder da. Äuch ist ein Bekannter” 
von mir wiedergekommen, der in Pinselfahnien und Kaltermoria gewesen 
ist und den Mister Sippi (soll heißen Pennsylvanien, Baltimore und Missis- 
sippi) gesehen hat. Dieser Kerl ist ein Solinger, und die Solinger sind die 
unglücklichsten Menschen von der Welt, denn sie können ihr Solinger 
Deutsch nicht loswerden. Der Bengel sagt noch immer: im Sohmer is es sehr 
schön Wätter, und für Karoline sagt er fortwährend Kalinah. 

Es ist betrübt, ich habe fast keinen Groten mehr in der Tasche und 
eine Masse Schulden, sowohl eigne als Zigarrengeschäftsschulden. Da plagt 
mich der, von dem ich zuletzt Katharinenpflaumen für Euch kaufte, die 
ich noch nicht bezahlt habe, da ist der Buchbinder noch nicht bezahlt, da 


sind die drei Monate, nach denen ich die gekauften Zigarren bezahlen muß, 


I Georg Gottfried Treviranus - ? Höller 


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längst verstrichen, und der Strücker schickt keine Wechsel, und der Pastor 
ist verreist und kann mir kein Geld geben. Morgen kommt er aber wieder, 
und dann steck ich sechs Louisdor in den Geldbeutel, und wenn ich in 
einem Kaffeehaus für drei Grote ein Stück Kuchen gegessen habe, so 
werf’ ich eine doppelte Pistole auf die Zahlbank: „Können Sie wechseln?“ 
Und dann heißt’s „leider Gottes nein“, dann such’ ich in allen Taschen die 
drei Grote zusammen und geh’ stolz auf meine doppelten Pistolen zur Türe 
hinaus. Wenn ich dann wieder auf dem Comptoir bin, schmeiß ich dem rot- 
lockigen Jüngsten eine Pistole aufs Pult: „Derkhiem, sehen Sie, ob Sie 
kein Kleingeld kriegen können“, und dann ist der Kerl äußerst glücklich, 
denn er hat dann Veranlassung, eine Stunde vom Comptoir zu bleiben und 
herumzuschwänzen, welches unschuldige Vergnügen er sehr liebt. Denn 
das kleine Geld ist hier sehr rar, und wer fünf Taler Kleingeld i in der 
Tasche hat, ist ungeheuer zufrieden. 

Neulich fiel hier ein kostbarer Witz vor. In der Zekons wurde eine 
Köchin gesucht. So kommt ein robustes Mädel ins Verlagsbüro und sagt: 
„Hört Se mol, do hebb’ ick in der Zeitung lesen, dat se ’ne Köksche sökt.“ 
„Jowol“, sagt der Commis. „Wat mot de wol können?“ fragt die Dirne, 
„Jo, de mot Kloveer (Klavier) speelen un danzen un Französch, un singen, 
un neien un sticken — dat mot se all können.“ „Donnerslag“, sagt die Dirne, 
„dat kann eck nit.“ Wie sie aber das ganze Comptoir lachen sicht, fragt sie: 
„Se wet (wollen) mek wol tom besten hebben? Donnerslag, ick lote mi nich 
mokeeren!* Und damit springt sie auf den Commis los und will ihn ab- 
prügeln; sie wurde natürlich gelinde vor die Türe gesetzt. Neulich hat der 
Alte! einen Fuhrmann zur Türe herausgeworfen. Der Kerl hatte preußisches 
Gold zu fordern und wollte die Louisdor zu 5°/js Taler nicht annehmen. 
Da schalten wir uns mit ihm herum, als der Alte kam: „Was ist das hier für 
eine Wirtschaft, soli doch das Donnerwetter dreinschlagen“, und packte 
den Kerl bei der Brust und warf ihn in die Gosse. Darauf kam der Fuhr- 
mann ruhig wieder und sagte: „So wer et nich meent (gemeint), jetz will 
eck de Lujedor woll nehmen.“ 

Ich habe augenblicklich kein andres Couvert zum Briefe als diese ver- 
schriebne Kaffeerechnung, die Dir als einer rechten Kaffeeschwester wohl 
willkommen sein wird. 


Farewell? und schreib bald 


Deinem Bruder 
Friedrich 
B[remen], 4. Aug. 40 


1 Heinrich Leupold — ? Lebe wohl