Die deutschen Volksbücher'?'! 
Von Friedrich Oswald 

Ist es nicht ein großes Lob für ein Buch, wenn es ein Volksbuch, ein 
deutsches Volksbuch ist? Aber darum dürfen wir auch Großes von einem 
solchen Buche verlangen, darum muß es allen vernünftigen Ansprüchen 
genügen und von jeder Seite in seinem Werte unangreifbar sein. Das Volks- 
buch hat den Beruf, den Landmann, wenn er abends müde von seinem 
harten Tagewerk zurückkehrt, zu erheitern, zu beleben, zu ergötzen, ihn 
‚seiner Mühen vergessen zu machen, sein steiniges Feld in einen duftigen 
Rosengarten umzuwandeln; es hat den Beruf, dem Handwerker seine Werk- 
statt, dem geplagten Lehrjungen seine elende Dachkammer in eine Welt 
der Poesie, in einen goldenen Palast umzuzaubern und ihm sein handfestes 
Liebchen in Gestalt einer wunderschönen Prinzessin vorzuführen; aber es 
hat auch den Beruf, neben der Bibel ihm sein sittliches Gefühl klarer zu 
‚machen, ihm seine Kraft, sein Recht, seine Freiheit zum Bewußtsein zu 
bringen, seinen Mut, seine Vaterlandsliebe zu wecken. 

Sind also im allgemeinen die Anforderungen, die man, ohne ungerecht 
zu sein, an ein Volksbuch machen darf, reicher poetischer Inhalt, derber 
Witz, sittliche Reinheit, und für das deutsche Volksbuch kräftiger, biederer 
deutscher Geist, Eigenschaften, die zu jeder Zeit sich gleichbleiben, so sind 
wir daneben auch berechtigt zu verlangen, daß das Volksbuch seiner Zeit 
'entspreche oder aufhöre, Volksbuch zu: sein. Sehen wir insbesondere die 
Gegenwart an, das Ringen nach Freiheit, das alle ihre Erscheinungen her- 
vorruft, den sich entwickelnden Konstitutionalismus, das Sträuben gegen 
den Druck der Aristokratie, den Kampf des Gedankens mit dem Pietismus, 
der Heiterkeit mit den Resten düsterer Askese, so sehe ich nicht ein, inwie- 
fern es unrecht wäre zu verlangen, das Volksbuch solle hier dem Ungebilde- 
teren zur Hand gehen, ihm, wenn auch natürlich nicht in unmittelbarer 

Deduktion, die Wahrheit und Vernünftigkeit dieser Richtungen zeigen — 
aber auf keinen Fall die Duckmäuserei, das Kriechen vor dem Adel, den 
Pietismus befördern. Von selbst versteht es sich aber, daß Gebräuche 
früherer Zeiten, deren Ausübung jetzt Unsinn oder gar Unrecht wäre, dem 
Volksbuche fremd bleiben müssen. 

Nach diesen Grundsätzen dürfen und müssen wir auch diejenigen 
Bücher beurteilen, die jetzt wirklich deutsche Volksbücher sind und ge- 
wöhnlich unter diesem Namen zusammengefaßt werden. Sie sind teils Er- 
zeugnisse der mittelalterlichen deutschen oder romanischen Poesie, teils 
des Volksaberglaubens. Früher von den höhern Ständen verachtet und ver- 
spottet, wurden sie von den Romantikern bekanntlich hervorgesucht, be- 
arbeitet, ja gefeiert. Aber die Romantik sah nur auf den poetischen Gehalt, 
und wie unfähig sie war, ihre Bedeutung als Volksbücher zu fassen, zeigt 
Görres in seinem Werk darüber. Daß Görres überhaupt seine Urteile alle 
dichtet, hat er ja noch in der neuesten Zeit gezeigt. Doch beruht auf seinem 
Buche noch immer die gewöhnliche Ansicht über diese Bücher, und Mar- 
bach beruft sich noch darauf bei der Ankündigung seiner Ausgabe. In der 
dreifachen neuen Bearbeitung dieser Bücher - durch Marbach in Prosa, 
durch Simrock eine prosaische und eine poetische -, von denen zwei wieder 

‚für das Volk bestimmt sind, war die Aufforderung gegeben, die Gegen- 
stände dieser Bearbeitungen nochmals genau in ihrem volkstümlichen 
Werte zu prüfen. 

Das Urteil über den poetischen Wert dieser Bücher : jedem einzel- 
nen überlassen bleiben, solange die Poesie des Mittelalters überhaupt so 
sehr verschieden beurteilt wird; daß sie aber wirklich echt poetisch sind, 
wird wohl keiner leugnen. Mögen sie also auch als Volksbücher sich nicht 
legitimieren können, der poetische Gehalt soil ihnen ungeschmälert bleiben, 
ja, nach Schillers Worten: 

"Was unsterblich im Gesang soll leben, 
Muß im Leben untergehnl?), 

möchte vielleicht mancher Dichter einen Beweggrund mehr finden, das, 

was sich als unhaltbar fürs Volk erweist, der Poesie durch Bearbeitung zu 
retten. - Zwischen denen dieser Erzählungen, die deutschen, und denen, 
die romanischen Ursprungs sind, findet sich ein sehr bezeichnender Unter- 
schied; die deutschen, echte Volkssagen, stellen den Mann handelnd in den 
Vordergrund; die romanischen heben das Weib, entweder geradezu duldend 
(Genovefa) oder liebend, also auch passiv gegen die Leidenschaft, hervor. 
Nur zwei sind ausgenommen: die Haimonskinder und Fortunat, beide 

romanisch, aber auch Volkssagen, während Oktavian, Melusine etc. Pro- 
dukte der Hofpoesie und erst später durch prosaische Bearbeitung ins Volk 
übergegangen sind. - Von den komischen ist auch nur eins nicht geradezu 
deutschen Ursprungs, Salomon und Morolf, während Eulenspiegel, die 
Schildbürger usw. uns nicht streitig gemacht werden können. 

Fassen wir die Gesamtheit dieser Bücher ins Auge und beurteilen wir 
sie nach den im Änfange ausgesprochenen Grundsätzen, so ist es klar, daß 
sie nur nach einer Seite hin diesen Ansprüchen genügen; sie haben Poesie 
und Witz in reichem Maße und in einer auch dem Ungebildetsten im all- 
gemeinen ganz verständlichen Form, nach der andern Seite hin aber genügt 
die Gesamtheit gar nicht, einzelne sprechen gerade das Gegenteil aus, 
andere genügen nur teilweise. Die besonderen Zwecke, die die Gegenwart 
von ihnen verlangen dürfte, gehen ihnen als Produkten des Mittelalters 
natürlich ganz ab. Trotz der äußeren Reichhaltigkeit dieses Literatur- 
zweiges und trotz Tiecks und Görres’ Deklamationen lassen sie also noch 
sehr viel zu wünschen übrig; ob diese Lücke aber jemals auszufüllen sein 
wird, ist eine andere Frage, die ich mir nicht zu beantworten getraue. 

Um nun zu dem einzelnen überzugehen, so ist ohne Zweifel das wichtigste 
die Geschichte vom gehörnten Siegfried. - Das Buch laß ich mir gefal- 
len; dasisteineErzählung, diewenigzu wünschen übrigläßt, daist dieüppigste 
Poesie, bald mit der größten Naivetät, bald mit dem schönsten humoristi- 
schen Pathos vorgetragen; da ist sprudelnder Witz — wer kennt nicht die 
kostbare Episode vom Kampf der beiden Memmen? Da ist Charakter, ein 
kecker, jugendlich-frischer Sinn, an dem sich jeder wandernde Handwerks- 
bursche ein Exempel abnehmen kann, wenn er auch nicht mehr mit Drachen 
und Riesen zu kämpfen hat. Und werden nur die Druckfehler verbessert, 
an denen besonders die mir vorliegende (Kölner) Ausgabe?! überaus reich 
ist, und die Interpunktion richtig gesetzt, so verschwinden Schwabs und 
Marbachs Überarbeitungen gegen diesen echten Volksstil. Das Volk hat 

sich aber auch dankbar dagegen bewiesen; keines dieser Bücher ist mir so 
häufig vorgekommen wie dieses. 

Herzog Heinrich der Löwe. - Von diesem Buche habe ich mir leider 
kein altes Exemplar verschaffen können; die neuere, in Einbeck gedruckte 
Ausgabe!! scheint ganz an die Stelle der alten getreten zu sein. Voran steht 
eine Genealogie des Braunschweigischen Hauses, die bis zum Jahr 1735 

geht, dann folgt die Biographie des Herzogs Heinrich nach der Geschichte 
und darauf die Volkssage. Noch sind beigefügt eine Erzählung, die von 
Gottfried von Bouillon dasselbe erzählt, wie die Volkssage von Heinrich 
dem Löwen, die Geschichte vom Sklaven Ändronicus, welche einem palästi- 
nischen Abt Gerasimi zugeschrieben und am Schluß bedeutend verändert 
wird, und ein Gedicht aus der neueren romantischen Schule, dessen Ver- 
fasser mir nicht einfällt, in dem die Sage vom Löwen noch einmal erzählt 
wird. So verschwindet die Sage, auf der doch das Volksbuch beruht, gänz- 
lich unter den Anhängseln, mit denen es die Freigebigkeit des weisen 
Herausgebers ausstattete. Die Sage selbst ist sehr schön, aber das übrige 
kann nicht interessieren; was geht den Schwaben die braunschweigische 
Geschichte an? Und was soll die moderne, wortreiche Romanze hinter dem 
einfachen Stil des Volksbuches? - Doch auch der ist fort; der geniale Be- 
arbeiter, der mir ein Pfarrer oder Schulmeister aus dem Ende des vorigen 
Jahrhunderts zu sein scheint, schreibt folgendermaßen: 

„So war das Ziel der Reise erreicht, das heilige Land lag vor Augen, der Boden 
wurde betreten, an den sich die bedeutendsten Erinnerungen der religiösen Ge- 
schichte knüpfen! Die fromme Einfalt, die hieher verlangensvoll geschaut hatte, ging 
hier über in inbrünstige Ändacht, fand hier volle Befriedigung, und ward die leb- 
hafteste Freude in dem Herrn.“ 

Man stelle die Sage in ihrer alten Sprache wieder her, füge, um ein 
Buch vollzumachen, andre echte Volkssagen hinzu und sende sie so unters 
Volk, so wird sie den poetischen Sinn wachhalten; aber in dieser Gestalt 
ist sie es nicht wert, unter dem Volke zu zirkulieren. 

Herzog Ernst. - Der Verfasser dieses Buches ist kein besonderer Poet 
gewesen, indem er alle poetischen Momente im orientalischen Märchen 
vorfand. Doch ist das Buch gut geschrieben und sehr unterhaltend für das 
Voik; das ist aber auch alles. An die Wirklichkeit der darin vorkommenden 
Phantasiegebilde wird doch kein Mensch mehr glauben; man mag es 
darum unverändert in den Händen des Volks lassen. 

Ich komme jetzt zu zwei Sagen, die das deutsche Volk schuf und 
ausbildete, zu dem Tiefsten, was die Volkspoesie aller Völker aufweisen 
kann. Ich meine die Sage von Faust und vom ewigen Juden. Sie sind 
unerschöpflich, jede Zeit kann sie sich aneignen, ohne sie in ihrem Wesen 
umzumodeln; und wenn auch die Bearbeitungen der Faustsage nach 

Goethe zu den Iliaden post Homerum gehören mögen, so decken sie uns 
doch immer neue Seiten daran auf - von der Wichtigkeit der Ahasversage 
für die neuere Poesie gar nicht zu reden. Aber wie enthalten die Volks- 
bücher diese Sagen! Nicht als Produkte der freien Phantasie, nein, als 
Kinder eines sklavischen Aberglaubens sind sie aufgefaßt; das Buch vom 
ewigen Juden verlangt sogar einen religiösen Glauben an seinen Inhalt, 
den es mit der Bibel und vielen abgeschmackten Legenden zu rechtfertigen 
sucht; von der Sage enthält es nur das Alleräußerlichste, aber eine sehr 
lange und langweilige christliche Vermahnung über den Juden Ahasverus. 
Die Faustsage ist zu einer gemeinen Hexereigeschichte herabgesunken, 
mit ordinären Zauberanekdoten verziert, sogar die wenige Poesie, die sich 
in der Volkskomödie erhalten hat, ist fast ganz verschwunden. Nicht nur 
aber sind diese beiden Bücher unfähig, einen poetischen Genuß zu bieten, 
sie müssen in. der gegenwärtigen Gestalt den alten Aberglauben wieder be- 
festigen und erneuern; oder was soll man anders von solchen Teufeleien 
erwarten? Das Bewußtsein der Sage und ihres Inhalts scheint auch im 
Volke ganz zu verschwinden; Faust gilt für einen ganz gewöhnlichen 
Hexenmeister und Ahasver für den größten Bösewicht außer Judas Ischariot. 
Aber sollte es nicht möglich sein, diese beiden Sagen dem deutschen Volke 
zu retten, sie in ihrer ursprünglichen Reinheit wiederherzustellen und ihr 
Wesen so klar auszudrücken, daß auch dem Ungebildeteren der tiefe Sinn 
nicht ganz unverständlich ist? Marbach und Simrock sind noch nicht zur 
Bearbeitung dieser Sagen gekommen; möchten sie bei diesen eine weise 
Kritik vorwalten lassen! Ä 

Eine andre Reihe der Volksbücher liegt vor uns, es sind A scherz- 
haften, Eulenspiegel, Salomon und Morolf, Der Pfaff vom Kalen- 
'berge, Die sieben Schwaben, Die Schildbürger. Das ist eine Reihe, 
wie sie wenige Völker aufzuweisen haben. Dieser Witz, diese Natürlichkeit 
der Anlage wie der Ausführung, der gutmütige Humor, welcher den beißen- 
den Spott überall begleitet, damit er nicht zu arg werde, diese frappante 
Komik der Situation könnte wahrlich einen großen Teil unserer Literatur 
beschämen. Welcher Autor der Gegenwart hätte Erfindungsgabe genug, 
ein Buch wie die Schildbürger schaffen zu können? Wie prosaisch steht 
Mundts Humor da, vergleicht man ihn mit dem der sieben Schwaben! 
Freilich gehörte eine ruhigere Zeit dazu, dergleichen zu produzieren, als 
die unsrige, die, einem ruhelosen Geschäftsmanne gleichend, stets die 
wichtigen Fragen im Munde führt, die sie zu beantworten habe, ehe sie an 
andres denken könne. - Was die Form dieser Bücher betrifft, so möchte, 
außer Entfernung eines oder des andern mißratenen Witzes und Reinigung - 

des entstellten Süls, wenig an ihnen zu ändern sein. Von Eulenspiegel sind 
mehrere, mit preußischem Zensurstempel versehene Ausgaben weniger 
vollständig; gleich im Anfange fehlt ein derber Witz, der bei Marbach in 
einem sehr guten Holzschnitte dargestellt ist. 

Einen schroffen Gegensatz hierzu bilden die Geschichten von Genovefa, 
Griseldis und Hirlanda, drei Bücher romanischen! Ursprungs, die alle 
ein Weib zur Heldin haben, und zwar ein leidendes Weib; sie bezeichnen 
das Verhältnis des Mittelalters zur Religion, und das auf sehr poetische 
Weise - nur sind Genovefa und Hirlanda zu sehr über einen Leisten ge- 
hauen. Äber, um Gottes willen, was soll das deutsche Volk heutzutage 
damit? Man kann sich zwar unter Griseldis das deutsche Volk sehr schön 
vorstellen und unter Markgrafen Walther die Fürsten - aber da müßte 

denn die Komödie doch ganz anders schließen, als es im Volksbuche ge- 
“ schieht, man würde sich die Vergleichung beiderseits verbitten und würde 
hie und da gutes Recht dazu haben. Soll die Griseldis noch Volksbuch 
bleiben, so kommt sie mir vor wie eine Petition an die hohe deutsche 
Bundesversammlung um Emanzipation der Frauen. Man weiß aber hie 
und da, wie vor vier Jahren dergleichen romanhafte Petitionen aufge- 
nommen wurden!”), weshalb ich mich sehr wundere, daß Marbach nicht 
nachträglich zum Jungen Deutschland gerechnet worden. — Das Volk hat 
lange genug Griseldis und Genovefa vorgestellt, es spiele jetzt auch einmal 
den Siegfried und Reinald; aber der rechte Weg, es dahin zu bringen, ist 
doch wohl nicht das Anpreisen jener alten Demütigungshistorien? 

Das Buch vom Kaiser Octavianus gehört seiner ersten Hälfte nach 
dieser Klasse an, während es durch die zweite Hälfte sich an die eigent- 
lichen Liebesgeschichten anschließt. Die Geschichte von der Helena ist 
nur eine Nachahmung des Oktavian, oder beide sind vielleicht verschiedene 
Auffassungen derselben Sage. Die zweite des Oktavian ist ein vortreffliches 
Volksbuch und allein dem Siegfried zur Seite zu stellen; die Charakteristik 
des Florens, sowie seines Pflegevaters Clemens und des Claudius ist aus- 
gezeichnet, und Tieck hatte es. hier sehr leicht!; aber zieht sich nicht 
überall der Gedanke hindurch, daß adliges Blut besser sei als Bürgerblut? 
Und wne oft finden wir nicht diesen Gedanken noch im Volke selbst! Wenn 
dieser Gedanke nicht aus dem Oktavian verbannt werden kann - und das 
halte ich für unmöglich -, wenn ich bedenke, daß er zuerst entfernt werden 
muß, wo konstitutionelles Leben erstehen soll -, so mag das Buch so 
poetisch sein, wie es will, censeo Carthaginem esse delendam?. 

Den genannten tränenreichen Leidens- und Duldergeschichten stehen 
drei andre gegenüber, die die Liebe feiern. Es sind: Magelone, Melusina 
und Tristan. Magelone sagt mir als Volksbuch am meisten zu; Melusina 
ist wieder voll von absurden Monstrositäten und fabelhaften Übertreibun- 
gen, so daß man beinahe eine Donquijotiade darin schen möchte, und ich 
wieder fragen muß: was soll das dem deutschen Volke? Und nun gar die . 
Geschichte von Tristan und Isalde - ihren poetischen Wert will ich nicht 
antasten, weil ich die herrliche Bearbeitung Gottfrieds von Straßburg 
liebe, wenn auch hie und da Mängel in der Erzählung zu finden sein 
möchten -, aber es gibt kein Buch, das weniger dem Volke in die Hände 
gegeben werden dürfte als gerade dieses. Zwar liegt hier eine moderne 
Frage wieder sehr nahe, die Emanzipation der Frauen; ein geschickter 
Dichter würde bei einer Bearbeitung des Tristan jetzt diese Frage gar nicht 
mehr von seiner Arbeit ausschließen können, ohne darum in eine gesuchte 
und langweilige Tendenzpoesie zu verfallen. Aber im Volksbuch, wo von 
dieser Frage keine Rede ist, kommt die ganze Erzählung auf eine Ent- 
schuldigung des Ehebruchs heraus - und das in den Händen des Volks zu 
lassen, ist doch sehr bedenklich. Indes verschwindet das Buch fast ganz, 
und sehr selten bekommt man ein Exemplar davon zu Gesicht. 

Die Haimonskinder und Fortunat, wo wir wieder den Mann im 
Mittelpunkte der Handlung sehen, sind einmal wieder ein paar rechte 
Volksbücher. Hier der heiterste Humor, mit dem der Sohn Fortunas alle 
seine Abenteuer durchficht -— dort der kecke Trotz, die ungebändigte 
Oppositionslust, die der absoluten, tyrannischen Gewalt Karls des Großen 
jugendkräftig entgegentritt und sich nicht scheut, erlittene Beleidigungen 
mit eigener Hand, auch vor dem Auge des Fürsten, zu rächen. Solch ein 
jugendlicher Geist muß in den Volksbüchern herrschen, der läßt viele 
Mängel übersehen; aber wo ist der in Griseldis und ihren Verwandten zu 
finden? | 

Zuletzt kommt das Beste, der geniale hundertjährige Kalender, das 
superkluge Traumbuch, das nie fehlende Glücksrad und ähnliche un- 
sinnige Kinder des leidigen Äberglaubens. Mit welchen elenden Sophismen 
Görres dieses Zeug entschuldigt hat, weiß ein jeder, der sein Buch nur 

einmal angesehen hat. Alle diese traurigen Bücher hat die preußische 
Zensur mit ihrem Stempel beehrt. Freilich sind sie weder revolutionär, 
wie Börnes Briefe, noch unsittlich, wie man von der „Wally“ behauptet. 
Man sieht, wie falsch die Anschuldigungen sind, als sei die preußische 
Zensur ausnehmend scharf. Ich brauche wohl kein Wort mehr darüber zu 
verlieren, ob solches Zeug ferner unter dem Volke bleiben solle. 

Von den übrigen Volksbüchern ist nichts zu sagen; die Geschichten 
von Pontus, Fierabras etc. haben sich längst verloren und verdienen 
also diesen Namen nicht mehr. Aber ich glaube, schon in diesen wenigen 
Andeutungen gezeigt zu haben, wie ungenügend diese Literatur erscheint, 
wenn man sie im Interesse des Volks, nicht im Interesse. der Poesie beur- 
teilt. Was ihr nottut, sind Bearbeitungen einer strengen Auswahl, die vom 
alten Ausdruck nicht ohne _Not abgehen und gut ausgestattet unter das. 
Volk gebracht werden. Mit Gewalt die auszurotten, die vor der Kritik 
nicht bestehen können, dürfte weder leicht möglich, noch rätlich sein; 
nur dem wirklich Äbergläubischen darf der Zensurstempel versagt werden. 
Die übrigen verlieren sich von selbst; Griseldis findet sich selten, Tristan 
fast gar nicht. In manchen Gegenden ist es nicht möglich, auch nur ein 
einziges Exemplar aufzutreiben, z.B. im Wuppertal; in andern, wie in 
Köln, Bremen etc. hat fast jeder Krämer Exemplare an den Fenstern für 
die hereinkommenden Bauern ausgehängt. 

Aber eine vernünftige Bearbeitung ist das deutsche Volk, sind die 
besseren dieser Bücher doch wohl wert? Es ist freilich nicht jedermanns 
Sache, eine solche Bearbeitung auszuführen; ich kenne nur zwei, die 
kritischen Scharfsinn und Geschmack genug bei der Auswahl, Gewandtheit 
[QA: garble stripped 2026-06-23]

im alter tümlichen Stil bei der Ausführ rung DESITZEN;, das sind die Brüder 
Grimm; ob sie aber auch Lust und Muße zu dieser Arbeit haben würden? 
Die Marbachsche Bearbeitung paßt gar nicht für das Volk. Was ist da zu 
hoffen, wenn er gleich mit Griseldis anfängt? Nicht nur fehlt ihm alle Kritik, 
auch hat er sich zu Auslassungen hinreißen lassen, die gar nicht nottaten; 
dazu hat er den Stil recht matt und farblos gemacht -— man vergleiche das 
Volksbuch vom gehörnten Siegfried und jedes andre mit der Bearbeitung. 
Da ist nichts als auseinandergerissene Sätze, Wortversetzungen, zu denen 
keine Veranlassung war als Herrn Marbachs Sucht, in Ermanglung ander- 
weitiger Selbständigkeit, hier selbständig zu scheinen. Oder was trieb ihn 
sonst dazu, die schönsten Stellen aus dem Volksbuch zu verändern und 
mit seiner unnötigen Interpunktion zu versehen? Wer das Volksbuch 
nicht kennt, für den sind die Marbachschen Erzählungen ganz gut, aber 
sobald man beide vergleicht, sieht man, daß Marbachs ganzes Verdienst die 

Verbesserung der Druckfehler ist. Seine Holzschnitte sind von ganz ver- 
schiedenem Wert. - Die Simrocksche Bearbeitung ist noch nicht weit genug 
gediehen, um ein Urteil darüber fällen zu können; doch traue ich Simrock 
weit mehr zu als seinem Nebenbuhler. Seine Holzschnitte sind auch durch- 
gängig besser als die Marbachs. 

Sie haben für mich einen außerordentlichen, poetischen Reiz, diese 
alten Volksbücher mit ihrem altertümlichen Ton, mit ihren Druckfehlern 
und schlechten Holzschnitten; sie versetzen mich aus unsern geschraubten, 
modernen „Zuständen, Wirren und feinen Bezügen“ in eine Welt, die der 
Natur weit näher liegt. Aber davon darf hier keine Rede sein; Tieck freilich 
hatte in diesem poetischen Reiz sein Hauptargument - aber was gilt Tiecks, 
Görres und aller andern Romantiker Autorität, wenn die Vernunft 
dawiderspricht, und wenn es sich um das deutsche Volk handelt?