Dem Tiere hat die Natur selber den Wirkungskreis bestimmt, in welchem 
es sich bewegen soll, und ruhig vollendet es denselben, ohne über ihn hinaus- 
zustreben, ohne auch nur einen anderen zu ahnen. Auch dem Menschen 
gab die Gottheit ein allgemeines Ziel, die Menschheit und sich zu veredlen, 
aber sie überließ es ihm selber, die Mittel aufzusuchen, durch welche er es 
erringen kann; sie überließ es ihm, den Standpunkt in der Gesellschaft zu 
wählen, der ihm am angemessensten ist, von welchem aus er sich und die 
Gesellschaft am besten erheben kann. 

Diese Wahl ist ein großes Vorrecht vor den übrigen Wesen der Schöp- 
fung, aber zugleich eine Tat, die sein ganzes Leben zu vernichten, alle 
seine Pläne zu vereiteln, ihn unglücklich zu machen vermag. Diese Wahl 
ernst zu erwägen, ist also gewiß die erste Pflicht des Jünglings, der seine Lauf- 
bahn beginnt, der nicht dem Zufall seine wichtigsten Angelegenheiten über- 
lassen will. 

Jeder hat ein Ziel, das ihm wenigstens groß scheint, vor Augen, das 
auch groß ist, wenn die tiefste Überzeugung, die innerste Stimme des 
Herzens es so nennt, denn die Gottheit läßt den Irdischen nie ganz ohne 
Führer; sie spricht leise, aber sicher. 

Leicht aber wird diese Stimme übertäubt, das, was wir für Begeisterung 
gehalten, kann der Augenblick erzeugt haben, wird der Augenblick vielleicht 
auch wieder vernichten. Unsere Phantasie ist vielleicht entflammt, unser 
Gefühl erregt, Scheinbilder gaukeln um unser Auge, und begierig stürzen 
wir zu dem Ziele, von dem wir wähnen, die Gottheit selbst habe es uns 
gezeigt; aber, was wir glühend an unseren Busen gedrückt, stößt uns bald 
zurück, und unsre ganze Existenz sehn wir vernichtet. 

Wir müssen daher ernst prüfen, ob wir wirklich für einen Beruf be- 
geistert sind, ob eine Stimme von innen ihn billigt, oder ob die Begeisterung 
Täuschung, das, was wir für einen Ruf der Gottheit gehalten, Selbstbetrug 
gewesen ist. Wie aber vermögen wir dieses zu erkennen, als wenn wir der 
Quelle der Begeisterung selbst nachspüren? 


Das Große glänzt, der Glanz erregt Ehrgeiz, und der Ehrgeiz kann 
leicht die Begeisterung oder, was wir dafür gehalten, hervorgerufen haben; 
aber, wen die Furie der Ehrsucht lockt, den vermag die Vernunft nicht mehr 
zu zügeln, und er stürzt dahin, wohin ihn der ungestüme Trieb ruft: er 
wählt sich nicht mehr seinen Stand, sondern Zufall und Schein bestim- 
men ihn. 

Und nicht zu dem Stande sind wir berufen, in welchem wir am meisten 
zu glänzen vermögen; er ist nicht derjenige, der in der langen Reihe von 
Jahren, in welchen wir ihn vielleicht verwalten, uns nie ermatten, unsern 
Eifer nie untersinken, unsere Begeisterung nie erkalten läßt, sondern bald 
werden wir unsere Wünsche nicht gestillt, unsere Ideen nicht befriedigt 
sehn, der Gottheit grollen, der Menschheit fluchen. 

Aber nicht nur der Ehrgeiz kann eine plötzliche Begeisterung für einen 
Stand erregen, sondern vielleicht haben wir denselben durch unsere Phan- 
tasien ausgeschmückt, und die hat ihn zu dem Höchsten, was das Leben 
zu bieten vermag, ausgeschmückt. Wir haben ihn nicht zergliedert, nicht 
die ganze Last betrachtet, die große Verantwortlichkeit, die er auf uns 
wälzt; wir haben ihn nur von der Ferne gesehn, und die Ferne täuscht. 

Hierin kann unsre eigne Vernunft nicht die Ratgeberin sein; denn weder 
Erfahrung noch tiefere Beobachtung unterstützen sie, während sie von dem 
Gefühle getäuscht, von der Phantasie geblendet wird. Zu wem sollen wir 
aber die Blicke wenden, wer soll uns da unterstützen, wo unsere Vernunft 
uns verläßt? 

Die Eltern, die schon die Bahn des Lebens durchwandelt, die schon die 
Strenge des Schicksals erprobt haben, ruft unser Herz. 

Und wenn dann noch unsere Begeisterung fortwährt, wenn wir dann 
noch den Stand lieben und für ihn berufen zu sein glauben, nachdem wir 
ihn kalt geprüft, nachdem wir seine Lasten erblickt, seine Beschwerden 
kennengelernt haben, dann dürfen wir ihn ergreifen, dann täuscht uns weder 
Begeisterung, noch reißt uns Übereilung dahin. 

Aber wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns be- 
rufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen 
schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind. 

Schon unsere physische Natur stellt sich oft drohend entgegen, und ihre 
Rechte wage keiner zu verspotten. 

Wir vermögen zwar, uns über dieselbe zu erheben; aber dann sinken 
wir desto schneller unter, dann wagen wir, ein Gebäude auf morsche 
Trümmer zu erbauen, dann ist unser ganzes Leben ein unglücklicher Kampf 
zwischen dem geistigen und körperlichen Prinzip. Wer aber nicht in sich 
selbst die kämpfenden Elemente zu stillen vermag, wie soll sich der dem 
wilden Drange des Lebens entgegenstellen können, wie soll er ruhig hand- 
len, und aus der Ruhe allein können große und schöne Taten empor- 
tauchen; sie ist der Boden, in dem allein gereifte Früchte gedeihn. 


Obgleich wir mit einer physischen Natur, die unserem Stande nicht an- 
gemessen ist, nicht lange und selten freudig wirken können, so erhebt doch 
stets der Gedanke, unser Wohl der Pflicht aufzuopfern, schwach, dennoch 
kräftig zu handlen; allein wenn wir einen Stand gewählt, zu dem wir nicht 
die Talente besitzen, so vermögen wir ihn nie würdig auszufüllen, so wer- 
den wir bald beschämt unsere eigene Unfähigkeit erkennen und uns sagen, 
daß wir ein nutzloses Wesen in der Schöpfung, ein Glied in der Gesell- 
schaft sind, das seinen Beruf nicht erfüllen kann. Die natürlichste Folge 
ist dann Selbstverachtung, und welches Gefühl ist schmerzlicher, welches 
vermag weniger durch alles, was die Außenwelt bietet, ersetzt zu werden? 
Selbstverachtung ist eine Schlange, die ewig wühlend die Brust zernagt, 
das Lebensblut aus dem Herzen saugt und es mit dem Gifte des Menschen- 
hasses und der Verzweiflung vermischt. 

Eine Täuschung über unsere Anlagen für einen Stand, den wir näher 
betrachtet, ist ein Vergehn, das rächend auf uns selbst zurückfällt, das, wenn 
es auch nicht von der Außenwelt getadelt wird, in unserer Brust eine 
schrecklichere Pein erregt, als jene hervorzurufen vermag. 

Haben wir dieses alles erwägt und gestatten unsere Lebensverhältnisse, 
einen beliebigen Stand zu wählen, so mögen wir den ergreifen, der uns die 
größte Würde gewährt, der auf Ideen gegründet ist, von deren Wahrheit 
wir durchaus überzeugt sind, der das größte Feld darbietet, um für die 
Menschheit zu wirken und uns selbst dem allgemeinen Ziele zu nähern, 
für welches jeder Stand nur ein Mittel ist, der Vollkommenheit. 

Die Würde ist dasjenige, was den Mann am meisten erhebt, was seinem 
Handlen, allen seinen Bestrebungen, einen höheren Adel leiht, was ihn 
unangetastet, von der Menge bewundert und über sie erhaben dastehn 
läßt. 

Würde kann aber nur der Stand gewähren, in welchem wir nicht als 
knechtische Werkzeuge erscheinen, sondern wo wir in unserem Kreise 
selbständig schaffen; kann nur der Stand gewähren, der keine verwerfliche, 
selbst dem Anscheine nach nicht verwerfliche Taten erheischt, den der 
Beste mit edlem Stolze ergreifen kann. Der Stand, der dieses am meisten 
gewährt, ist nicht immer der höchste, aber stets der vorzüglichste. 

Wie aber ein Stand ohne Würde uns erniedrigt, so erliegen wir sicher 
unter der Last eines solchen, der auf Ideen gegründet ist, die wir später als 
falsch erkennen. 

Da sehn wir keine Hülfe mehr als in der Selbsttäuschung und welche 
verzweifelte Rettung, die Selbstbetrug gewährt! 

Jene Stände, die nicht sowohl in das Leben eingreifen als mit abstrak- 
ten Wahrheiten sich beschäftigen, sind die gefährlichsten für den Jüngling, 
dessen Grundsätze noch nicht gediegen, dessen Überzeugung noch nicht 
fest und unerschütterlich ist, obwohl sie zugleich als die erhabensten er- 
scheinen, wenn sie tief in der Brust Wurzeln geschlagen haben, wenn wir 


für die Ideen, die in ihnen herrschen, das Leben und alle Bestrebungen zu 
opfern vermögen. 

Sie können den beglücken, der für sie berufen ist, allein sie vernichten 
den, der sie übereilt, unbesonnen, dem Augenblicke gehorchend, ergreift. 

Die hohe Meinung hingegen, die wir von den Ideen haben, auf die 
unser Stand gegründet ist, leiht uns einen höheren Standpunkt in der 
Gesellschaft, vergrößert unsre eigne Würde, macht unsere Handlungen un- 
erschütterlich. 

Wer einen Stand erwählt, den er hochschätzt, der wird davor zurück- 
beben, sich seiner unwürdig zu machen, der wird schon deswegen edel hand- 
len, weil seine Stellung in der Gesellschaft edel ist. 

Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist das 
Wohl der Menschheit, unsere eigne Vollendung. Man wähne nicht, diese 
beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse das 
andre vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, daß 
er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, 
für das Wohl seiner Mitwelt wirkt. 

Wenn er nur für sich schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein 
großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahr- 
haft großer Mensch sein. 

Die Geschichte nennt diejenigen als die größten Männer, die, indem sie 
für das Allgemeine wirkten, sich selbst veredelten; die Erfahrung preist den 
als den Glücklichsten, der die meisten glücklich gemacht; die Religion 
selber lehrt uns, daß das Ideal, dem alle nachstreben, sich für die Mensch- 
heit geopfert habe, und wer wagte solche Aussprüche zu vernichten? 

Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit 
wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur 
Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoisti- 
sche Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben 
still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühen- 
den Träne edler Menschen. 


Marx